Erdbeben vorhersagen - ein Zukunftstraum?

dpa/Tolga Bozoglu

In zehn Jahren . . . wissen wir genauer, was in der Erde passiert – aber Beben vorhersagen? Das wird schwierig. Und auch eine Reise zum Mittelpunkt der Erde bleibt wohl für immer ein Traum.

chrismon: Dürfen wir Sie als Erdbebenforscher bezeichnen?

Hauke Marquardt: Das wäre sehr zugespitzt. Ich versuche, im Labor nachzustellen, was unter uns im Erdinneren geschieht. Durch meine Experimente gewinne ich Datensätze, die es erlauben, die Bewegungen im Erdinnern zu verstehen. Sie sind die Antriebskräfte – kennen wir die Bewegungen, wissen wir auch mehr über Erdbeben.

Können wir also die Menschen bald rechtzeitig vor starken Erdbeben warnen? 

Das wäre großartig. Aber je mehr wir forschen, desto klarer wird uns, wie wenig wir über die Erde wissen. Wir kratzen bisher nur an der Oberfläche: Die tiefste Bohrung ist etwa zwölf Kilometer tief. Bis zum Erdinneren sind es über 6000 Kilometer.

Wie ist es da unten?

Es herrschen mehre Tausend Grad Hitze. Und der Druck ist riesig. Um eine Vorstellung zu bekommen: Im Erdkern ist der Druck ­größer, als wenn Sie den Eiffelturm auf Ihrer Fingerspitze balancieren würden. Im Labor versuche ich, diese Verhältnisse nachzu­stellen. Bei der Hitze experimentiere ich noch, den Druck konnte ich schon darstellen.

Wie simulieren Sie diesen Druck?

Druck wird in der Physik als „Kraft pro Flächeneinheit“ definiert. Ich arbeite mit Teilchen unter dem Mikroskop, die einen geringeren Durchmesser haben als ein menschliches Haar. Die presse ich zusammen, und kann so einen Druck erzeugen, der über 800 000 bar entspricht. Für diese Art von Experimenten ist das Weltrekord.

Frustriert es Sie, dass Sie noch Daten sammeln, statt Beben vorherzusagen?

Manchmal. Aber dann mache ich mir klar, wie wegweisend meine Forschung ist. Das Erd­innere im Labor nachzustellen, ist noch eine sehr junge Wissenschaft, weltweit arbeiten nur einige Dutzend Forscher an dieser Thematik. Wir wissen, dass wir nur ein winziges Puzzleteil liefern, aber ohne dieses eine Teil ist alles nichts.

Und in zehn Jahren?

Sind wir hoffentlich einen Schritt weiter. Aber ich fürchte, das wird noch sehr lange dauern, Erdbeben exakt vorherzusagen.

Werden unsere Enkel zum Mittelpunkt der Erde reisen?

Es gibt keine Hohlräume da unten. Nemo mit seinem Schiff im  Erdinnern im Kampf gegen die Matrix — das wird wohl für immer Fan­tasie bleiben.
 

Hauke Marquardt

Hauke Marquardt ist Geo­wissenschaftler am Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam. Für seine Doktor­arbeit erhielt er 2010 den Studienpreis der Körberstiftung.

Information

Chaos erzeugen, Fliegenbeine zählen, alte Gräber ausbuddeln: chrismon fragt junge Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können. Lesen Sie hier weitere Folgen aus unserer Reihe "...in zehn Jahren."

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.