Vorteile eines schlechten Gewissens

Ein schlechtes Gewissen kann ein guter Freund sein
Eberhard Schockenhoff: Ein schlechtes Gewissen kann ein guter Freund sein: Es erinnert uns an unsere besseren Möglichkeiten

Illustration: Klaas Neumann

Eberhard Schockenhoff

Eberhard Schockenhoff ist Theologieprofessor in Freiburg im Breisgau und für die katholische Kirche Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Wann haben Sie das letzte Mal eine Gewissensentscheidung getroffen? Ich meine eine, die diese Bezeichnung verdient? Über das Gewissen lässt sich nämlich nicht aus einer neutralen Beob­achterperspektive reden. So, als analysierte man ein Phänomen, ohne sich seinem Anspruch zu stellen. Ein Literaturwissenschaftler kann das Versmaß von Gedichten analysieren oder verschiedene Romangattungen vergleichen, ohne selbst je ein Gedicht oder einen Roman verfasst zu haben. Aber wer vom Gewissen redet, muss mit dem eigenen vertraut sein. 

Nur ihrem Gewissen unterworfen

In der politischen Rhetorik ist das Wort „Gewissen“ für letzte persönliche, religiöse oder weltanschauliche Fragen reserviert, in denen Abgeordnete nicht an die Fraktionsdisziplin gebunden sind. Was in der Praxis eine seltene Ausnahme darstellt, sollte nach dem Grundgesetz ihr ganzes Handeln bestimmen. Ausdrücklich heißt es in Artikel 38, dass sie „nur ihrem Gewissen unterworfen“ sind. In öffentlichen oder privaten Debatten über moralische Konflikte wie den Schwangerschaftsabbruch, die Tötung auf Verlangen oder die ärztliche Suizidbeihilfe bringt der Hinweis auf das eigene Gewissen Einwände schnell zum Schweigen. Mancher, der sich auf das eigene Gewissen beruft, sucht sein Verhalten zu rechtfertigen und sich eben nicht kritisch selbst zu prüfen. Es scheint so, als sei er dem Zwang zur Rechtfertigung seines Handelns nach verbindlichen Maßstäben von Gut und ­Böse enthoben.

Anders als in der  philosophischen und theologischen Tradi­tion droht das Gewissen zu einer Entlastungsstrategie zu verkommen: Es dispensiert den Einzelnen von ethischen Ansprüchen. Doch die unersetzliche Funktion des Gewissens besteht nicht in der moralischen Exkulpation, die viele Menschen in ihm suchen, sondern in etwas anderem: im Ausmessen eines Bereichs persönlicher Verantwortung, den allgemeine Normen nur begrenzen, aber nicht ausfüllen können. Das ist seine schöpferische Eigen­leis­tung: Es übersetzt die bewegende Kraft moralischer Über­zeugungen autonom in konkretes Handeln. 

Die leise Stimme des Gewissens kann man auch zum Schweigen bringen

„Sein Gewissen war rein, denn er gebrauchte es nie.“ Dieser denkwürdige Satz des polnischen Dichters Stanislaw Jerzy Lec verweist auf etwas, was jeder auch in sich selbst beobachten kann. Einerseits sind uns die Regungen des Gewissens oft lästig. Das Gewissen mahnt uns, rüttelt uns auf, reißt uns aus unserer Trägheit heraus und warnt uns davor, Falsches zu tun. Andererseits wissen wir, dass wir die leise Stimme des Gewissens auch zum Schweigen bringen können. Wir können sie zwar nicht einfach abstellen wie die Lautsprecher eines CD-Players, aber die Mahnungen des Gewissens bewusst überhören und sie durch fort­gesetztes Nichtbeachten allmählich verstummen lassen. Wie stark und intensiv sich unser Gewissen zu Wort meldet, das hängt offenbar auch von uns selber ab.
Damit es eine verlässliche Kompassnadel auf den Wegen und Irrwegen unseres Lebens sein kann, müssen wir ihm bewusste Aufmerksamkeit schenken und es pflegen. Wir müssen Sorge tragen für das eigene Ich. Das nannte man früher Gewissensbildung. Die klassischen Formeln für das Gewissen (die Stimme Gottes, der innere Gerichtshof oder die natürliche Anlage zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse) beschreiben das Gewissen nur in einem allgemeinen Sinn. Welche Rolle das Gewissen aber im Leben jedes Einzelnen ganz konkret spielt, hängt davon ab, wie er auf die Stimme Gottes hört und die natürliche Anlage des Gewissens in sich ausbildet. Der eine pfeift auf sein Gewissen und schlägt seine Ratschläge in den Wind, dem anderen ist es eine unerlässliche Richtschnur in allen wichtigen Fragen seines ­Lebens.

Auch in einer offenen Gesellschaft, die in vielen Fragen mehrere Standpunkte zulässt, ist nicht alles gleichgültig. Demokratische Toleranz ist etwas anderes als Relativismus, weltanschauliche Neutralität des Staates etwas anderes als moralische Unentschiedenheit, gleiche Distanz gegenüber Recht und Unrecht, Moral und Unmoral. Das lateinische Wort für Gewissen, con-scientia, deutet darauf hin: Mitwissen, gemeinsames Bewusstsein. Es gibt eine einfache Wahrheit unseres Menschseins: Wir sind nicht alleine auf der Welt, sondern führen ein gemeinsames Leben mit anderen. Das Gewissen ruft dazu auf, die Rechte der anderen zu achten, wenn wir unsere eigenen Interessen verfolgen. Es ruft dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, die Trägheit zu überwinden, die Nächsten zu lieben.
Wer sein Gewissen einsetzt, stellt sich den Blick des Anderen auf das eigene Leben vor. Die Anleitung zum gedanklichen Platztausch wird als goldene Regel bezeichnet: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Jesus greift diese praktische Lebensweisheit in seiner Bergpredigt auf und wendet sie ins Positive: Alles, was ihr von den anderen erwartet, das seid bereit, auch ihnen zu geben.

Mit dem Blick des anderen auf sich selbst schauen

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gibt keine abstrakte Antwort auf die Frage­: „Wer ist mein Nächster?“ Es ist vielmehr eine ganz praktische Gebrauchsanweisung für das ­Gewissen. Der barmherzige Samariter ist der Einzige, der dem Verletzten am Wegesrand hilft und ihm dadurch zum Nächsten wird. Der Priester und der Levit sehen ihn und gehen vorbei, weil sie von scheinbar dringenderen Pflichten ihres Berufs abgehalten werden.

Aber warum hilft der Mann aus Samarien? Weil er Mitleid hat, weil er mit dem Blick des Anderen auf sich selbst schaut und in der Lage ist, die Perspektive dessen einzunehmen, der unter die Räuber gefallen ist. Jene aber, die vorbeigehen, ohne zu helfen, sind unfähig zum Rollenwechsel. Ihr Gewissen ist abhängig von Dienstvorschriften, nach denen nur die rituellen Pflichten zählen. Sie werden schuldig, weil sie in buchstäblicher Pflichterfüllung alles richtig machen wollen und darüber die Not des Anderen vergessen, der ihre Hilfe bräuchte.

Gewissenhaft nennt unsere Alltagssprache einen Menschen, der unauffällig und fehlerfrei seine Aufgaben erledigt. Doch das ist eine falsche Assoziation. Gewissenhaft sind Menschen, die sich gegen den Mainstream stellen und ihre Fantasie benutzen, um die Forderung der Stunde zu erkennen. Der Priester und der Levit aus dem Gleichnis Jesu verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet. Der Mann aus Samarien, ein Fremder, von dem an sich nichts Gutes zu erwarten wäre, handelt anders. All­gemeine Gebote und Regeln sind wichtig als Orientierungs­maßstäbe und Leitplanken. Sie bewahren uns davor, Unrecht zu tun, indem wir den Anderen beleidigen, missachten, belügen und in seiner Ehre verletzen. Sie schreiben jedoch nur eine Untergrenze vor, die für alle gilt. Das Gewissen jedoch ruft darüber hinaus, indem es gebieterisch vor Augen stellt, was die Situation fordert.

Ein integrer Mensch fordert zuerst etwas von sich selbst

Das Gewissen macht mich einmalig, indem es mir zeigt, was ich jetzt tun soll – nicht weil alle dies tun müssten, sondern weil ich es tun kann. Daher taugt ein gutes Gewissen weder als Schlupfloch noch als sanftes Ruhekissen. Wenn es Ausnahmen zulässt, dann sind es zuerst Ausnahmen zugunsten des Anderen. Es beurteilt das eigene Handeln und Unterlassen, statt andere zu ver­urteilen. Ein integrer Mensch fordert zuerst etwas von sich selbst, bevor er mit dem Zeigefinger auf andere zeigt. Was den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht, ist die Fähigkeit, das eigene Handeln nicht nur an Eigennutz und Eigeninteresse auszurichten, sondern vor dem unbestechlichen Blick eines inneren Freundes und Begleiters zu verantworten.

Das gute Gewissen, das wir uns oft wider besseres Wissen einreden, ist deshalb eine zweischneidige Sache: Es zeugt einerseits von Ichstärke und Selbstbewusstsein, von Eigenschaften, die zu Recht als Merkmale einer ausgeglichenen Persönlichkeit gelten. Andererseits ist ein notorisch gutes Gewissen ein schlechter Ratgeber, es wirkt wie ein Tranquilizer, der Warnsignale vorschnell abschaltet: ein billiger Freispruch in eigener Sache. Ein schlechtes Gewissen hingegen kann es gut mit uns meinen, denn es hält die Erinnerung an unsere besseren Möglichkeiten in uns wach. Weil es unbequem und lästig ist, kann es der beste Freund sein, den wir haben.

Lesermeinungen

Eine tiefe Verneigung vor Prof. Schockenhoff, das Thema Gewissen in dieser Kürze derart erschöpfend, unter die Haut gehend und frösteln machend zu behandeln, den Verantwortlichen ein Riesendank dafür, Prof. Schockenhoff dieses Forum geboten zu haben. Mit das Beste zu diesem Thema, was es neben dem kantschen Imperativ gibt. Einer, nämlich Konstantin Wecker, hat zu diesem Thema ein wunderbares Lied mit einem noch herrlicheren Text verfasst, nämlich "Ich möchte wieder verwundbar sein". Und genau darin liegt dieses Gewissensthema begraben - in der tiefsitzenden Angst, sich verwundbar zu machen, wenn der Einzelne auf sein Gewissen hört. Und diese katastrophale Angst vor der Angst, nichts anderes ist es, führt dazu, sein Gewissen mundtot zu machen. Jaschilek hat absolut Recht: alles wird vakuumverpackt, verstaut, damit es frisch ist, falls es mal gebraucht wird. Auch wenn es dann nie zur Nutzung kommt!

6. Juli 2012

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