Der schwimmende Justizpalast

Wo die "Tribuna" festmacht, kommt die Gerechtigkeit sonst nicht hin. Im Amazonasdelta, zwölf Reisestunden von der nächsten größeren Siedlung entfernt, verhandeln fahrende Richter die Angelegenheiten der Uferbewohner

Frank Schultze / ZEITENSPIEGEL

Das Schiff der Gerechtigkeit schwankt. Nicht so stark wie auf der dritten oder vierten Reise, Nivaldo erinnert sich nicht mehr genau, als das Schiff nach einer hohen Welle Schlagseite bekam und beinahe kenterte. Danach wurde der Rumpf mit Zement beschwert. Jetzt, am fünften Tag der 97. Reise des Gerichtsschiffes von Amapá liegt der Kahn ruhig in den braunen Gewässern des Amazonas, festgemacht am hölzernen Pier von Itamatatuba. Es schwankt, wenn ein Boot seitlich anlegt und die Besucher über die Reling klettern. Das passiert fast ununterbrochen.

Es sind einfache Boote, die andocken, Einbäume, Kanus mit oder ohne Motor, schwimmende Hütten, Hausbarken, und ihre Benützer sind angereist, um Klagen vorzubringen oder sich gegen solche zu verteidigen. Sie alle haben ihre Reise auf die Gezeiten abgestimmt, die hier, im Delta des Amazonasflusses, den Wasserstand täglich um drei Meter ansteigen lassen. Zieht sich das Wasser zurück, ist es für die kleinen Boote schwierig, in die Kanäle und kleinen Flussmündungen zu gelangen, die zum Archipel von Bailique gehören, acht Inseln, 52 Gemeinden, 12 000 Einwohner, verstreut auf 1700 Quadratkilometer.

Das Gerichtsschiff selber ist eine „Gaiola“, ein „Vogelkäfig“, gut 22 Meter lang. Es bietet Platz für 52 Personen, die in Hängematten übernachten. Daher der Name für das Schiff: In voller Fahrt bewegen sich die Hängematten hin und her wie die Schaukeln im Vogelkäfig. Jetzt aber sind sie aufgerollt und schweben, bunte Giebel des schwimmenden Justizpalasts, hinter Ni­valdo, der an einem schweren hölzernen Tisch sitzt und den Durst nach Gerechtigkeit kanalisiert. Er selber übernimmt hier das Strafrechtliche, zivilrechtliche Angelegenheiten kommen aufs Oberdeck, wo Valdemir, vom Staat bestallter Verteidiger, jetzt schon umringt ist von einer Schar von Müttern mit Kindern an der Brust.

„Der Vater vergisst, dass das Kind essen muss“

Valdemir da Silva Moraes, 44, ist Strafverteidiger aus Berufung. Sein Vater war Minenarbeiter, es war nicht selbstverständlich, dass Valdemir studieren konnte. Deshalb, so denkt er, soll sein Wissen Leuten zugutekommen, die dieses Glück nicht hatten. Und hier, zwölf Reisestunden von jeder größeren Siedlung entfernt, fehlt es den Menschen an allem: an Ärzten, an Schulen, an Gerechtigkeit. Geduldig nimmt Valdemir die Anliegen der Frauen auf, und manchmal muss er nachfragen, um dem Kern ihrer dürren Aussagen auf den Grund zu kommen: „Der Vater vergisst, dass das Kind essen muss.“ Dann übersetzt der Anwalt das Anliegen in die Formeln des zivilisierten Umgangs mit der hohen Justiz: „Ich, Estefany Vitoria dos Santos Almeida, vierjährig, vertreten durch meine Mutter, Keli Dayane da Silva dos Santos, Brasilianerin, ledig, wende mich, unter der Schirmherrschaft der staatlichen Verteidigung, ehrerbietig an die Gegenwart Ihrer Exzellenz, um eine Eintreibung der Alimente vorzuschlagen . . .“

Seine Exzellenz, der Richter, Doutor ­Almiro do Socorro Avelar, trägt ein blaues Hemd und Turnschuhe. Er sitzt, zusammen mit dem Gerichtsschreiber, im kleinen Audienzraum und wartet auf die ­Kunden, die der Verteidiger und der Friedens­richter zu ihm schicken, damit er Recht spreche.

 

Respekt für die Leute, die vom Fluss leben!

Friedensrichter ist Nivaldo bloß im Neben­amt, nachdem er einen Mediationskurs des Gerichts besucht hatte. Hauptsächlich ist er der Administrator der ­Expedition in die abgeschiedensten Insel­welten des Amazonas, die der brasilianische Bundesstaat Amapá seit 1996 alle zwei Monate durchführt, um das Recht in die Pfahlhütten der Vergessenen zu ­bringen, wo nur gerade die Hälfte der über Zwanzigjährigen lesen und schreiben kann.
Nivaldo ist vierzig, er hat drei Kinder zu Hause und ist selber am und auf dem Fluss aufgewachsen; sein Vater führte ein Amazonasschiff. Deshalb kennt er das Leben der Ribeirinhos, der Uferbewohner, und ihre Kultur, und er respektiert sie. Und darauf hat er auch die Schiffsbesatzung eingeschworen, die Bediensteten des Gerichts, die Sekretärinnen und Computerspezialisten, die Sicherheitsbeamten, die Psychologen und Sozialarbeiter, welche die Dienstreise begleiten: Respekt! Respekt für diese Leute, die vom Fluss und den Früchten des Waldes leben! Respekt, auch wenn wir die Grenzen der Barbarei streifen sollten auf dieser Expedition, die uns in vergangene Zeiten zurückbringt. Respekt, damit wir selber respektiert werden. Denn wir repräsentieren das Gesetz, und das Gesetz bringt Zivilisation.

Mit seinen mehr als 6500 Kilometern und seinem Wasserreichtum gilt der Amazonas als der gewaltigste Fluss der Erde. Er befördert täglich so viel Wasser in den Atlantik wie die Themse in einem Jahr. Der brasilianische Bundesstaat Amapá umfasst das nördliche Mündungsgebiet, er grenzt an Französisch-Guayana und Surinam. Das Fußballstadion seiner Hauptstadt Macapá liegt genau auf dem Äquator, die eine Hälfte des Spielfelds liegt auf der nördlichen, die andere auf der südlichen Halbkugel.

In Amapá gibt es fast keine Straßen - nur Flüsse

Die Richterin aber, welche die Expedi­tion ins Leben rief, kam aus dem Süden Brasiliens nach Amazonien. Als Sueli Pini nach Macapá berufen wurde, fand sie alles bestätigt, was der Justiz ihres Landes seit je angelastet wird: Sie sei extrem langsam, bürokratisch und unerreichbar für das einfache Volk. In Brasilien kommt ein Richter auf 30 000 Menschen – rund zehnmal so viel wie in Deutschland –, und den meisten von ihnen, stellte Sueli Pini fest, fehlt das Bewusstsein für ihre Rechte. Die Richterin wollte eine Justiz, die zum Volk geht. Sie vernahm von Kollegen, die das Gesetz per Fahrrad in abgelegene Dörfer bringen. Aber in Amapá gibt es fast keine Straßen, und so gründete Pini die „flussreisende
Justiz“, 1996 fand die erste Fahrt statt.

Am 12. Februar 2012 verließ das Schiff Macapá zum 97. Mal und fuhr mit der sinkenden Flut in Richtung offenes Meer, an heiklen Stellen von einem Lotsen geleitet. Zwölf Stunden später kam es in Vila Progresso an, Hauptort der Inselgruppe Bailique, 4000 Einwohner, drei Morde in den letzten fünfzehn Jahren. Am andern Tag nahmen die Juristen ihre Arbeit auf, und seither gelang es Nivaldo in 19 Fällen, die Menschen von einer gerichtlichen Auseinandersetzung abzuhalten.

Das war so im Fall der Schuldirekto­rin, die sich gegen die beleidigenden ­Äußerungen zweier strenger katholischer Bürgerinnen wehrte. Die hatten sich erregt, weil die Direktorin einen protestantischen Prediger in die Schule eingeladen hatte. „Das Wort eines Predigers“, sprach Nivaldo, „ist immer noch besser, als wenn sich die Kinder auf der Straße herumtreiben und Drogen nehmen – egal welcher Religion er angehört.“

Das war so im Fall des Arlo Miranda, der den Nachbar Frederico beschuldigte, im Dorf zu erzählen, er sei schwul und halte den Arsch hin für einen Jungen mit Namen Edson. „Wir Menschen“, hielt Nivaldo den Streitenden vor, „haben die Angewohnheit, alles Gute, das uns widerfährt, zu vergessen. Dabei sollte es genau umgekehrt sein, wir sollten das Schlechte vergessen, den Streit begraben und nur das Gute erinnern.“

Das war so im Fall des Fischers Ezequiel, der sein Haus verkauft hatte und dann, als der Baum voller Früchte hing, mit einem großen Korb zurückkam, um die Zitronen zu pflücken. Schließlich, führte er an, habe er sein Haus verkauft, nicht seine Früchte.

„Gib das Geld nicht für Schnaps aus, Josemir!“

Nivaldo bat den Mann, eine Skizze des Grundstücks zu zeichnen. Dann klopfte er dem Fischer Ezequiel auf die Schulter: „Mein Lieber“, beschied er ihm, „der gesunde Menschenverstand reicht aus, um festzustellen, dass alles, was innerhalb des Zaunes liegt, den neuen Besitzern gehört.“
Käufer und Verkäufer unterschrieben danach den „Termo de bom viver“, die Erklärung, fürderhin friedlich zusammen zu leben. 

Nicht immer aber gewann Nivaldos Überzeugungskraft die Oberhand, und manchmal musste der Friedensrichter auf die Polizisten zurückgreifen, die beide grimmiger aussehen, als ihre Namen vermuten lassen: Rosenildo und Iolanio. Er schickte sie los, um den Ehemann von Graciane, 25, zwei Kinder, zu holen. Sie war aufs Gerichtsschiff gekommen, weil er sie geschlagen hatte.
Die Polizisten holten den Mann mit dem Schnellboot.
„Das ist nicht wahr“, sagte Josemir, 35, ohne feste Arbeit.
„Doch“, insistierte seine Frau.
„Ich wollte nur, dass sie die Wahrheit sagt.“
„Hör zu!“, sagte Nivaldo, doch der Mann ließ sich nicht bremsen.
„Sie hat mich gezwungen, etwas zu tun, was ich gar nicht tun wollte. Und wenn ich sie geschlagen habe, dann nur, weil ich betrunken war!“
„Ich kenne nichts Schändlicheres“, schnitt ihm Nivaldo das Wort ab, „als einen Mann, der seine Frau schlägt.“
„Ich verteidigte meine Würde.“
„Schweig, sonst werfe ich dich ins Gefängnis.“
Polizist Rosenildo spielte mit seinen Handschellen.
„Deine Kinder werden größer, und sie werden sich daran erinnern, dass du ihre Mutter geschlagen hast. Hast du dir je einmal überlegt, was du deinen Kindern aufbürdest? Und was passiert, wenn du ins Gefängnis kommst? Da sitzen schon Leute, die warten nur darauf, dass einer kommt wie du, der seine Frau geschlagen hat. So, sagen die, jetzt wirst du mal unsere Frau sein! Josemir, ich gebe dir einen Ratschlag, der ist gratis. Gib das Geld, das du für den Schnaps ausgibst, für deine Familie aus. Respekt kann man nicht erprügeln. Respekt verdient man sich.“
Und dann überstellte er Seu Josemir dem Richter. Der verurteilte den Mann zu drei Monaten gemeinnütziger Arbeit.

Wer will Dona Lea den Mann ausspannen?

Und jetzt, am fünften Tag der Reise, am Pier von Itamatatuba, wartet wieder eine schwierige Aufgabe für den Friedensrichter. Vor ihm liegt das Papier mit der handschriftlichen Anklage: „Frau Alda Maria beklagt sich, dass sie von Dona Lea auf niedrigste Weise als Hure und Vagabundin beschimpft wurde.“

Auf dem Oberdeck des Schiffs gibt es zwei Tröge mit fließendem Wasser, das aus dem Amazonas gepumpt wird. Täglich nimmt Nivaldo den einen Trog für eine knappe Stunde in Anspruch, um die Fronten zwischen Haarschnitt und ungebärdigem Haarwuchs mit größter Exaktheit zu klären. Der Vertreter der Zivilisa­tion sitzt mit glänzendem Nacken und glatten Backen am Verhandlungstisch. Die Damen ihm gegenüber sind beide in Schwarz gekleidet, beide um die vierzig. Die eine blickt flussabwärts, die andere flussaufwärts.

„Gut“, sagt Dona Lea, ohne den Blick von ihrem fernen Ziel irgendwo im Atlantik zu lassen, „ich habe sie Hure genannt. Aber nur, weil es wahr ist.“
„Langsam“, sagt Nivaldo. „Was ist das für eine Geschichte?“
Es habe damit begonnen, holt Dona Lea aus, dass ihr Mann zusammen mit der – sie vermied das Wort – gesehen worden sei.
„Lüge“, zischt Dona Alda Maria in die andere Richtung.
„Kommen wir auf den Punkt“, sagt Nivaldo.

"Amor, ich vermisse dich..."

Itamatatuba ist ein Dorf von 470 Einwohnern. Alle Häuser und alle Wege ­stehen auf Stelzen. Zwischen März und Juni, wenn das Regenwasser der Anden die Mündung des Amazonas erreicht, überschwemmt es die Felder und lagert fruchtbaren Schlamm ab. Die Dörfler leben vom Anbau der Açaí-Palme, deren Früchte wegen ihres Vitaminreichtums hoch gehandelt werden, vom Fischfang und vom Holzgewinn. Es gibt zwei Läden im Dorf, in denen sich die Bewohner mit allem ein­decken können, was sie für das tägliche Leben brauchen, Seife, Pfannen, Kleider, Elektroapparate, auch wenn ab Mitternacht im Dorf der Strom abgestellt wird. Dona Lea führt mit ihrem Mann zusammen den Kommerzialwarenhandel „Avis­tao“, Dona Alda Maria jenen, der groß mit „Líder“ angeschrieben ist.

Als Beweis präsentiert Dona Lea einen Zettel, den sie auf der Veranda ihres Hauses gefunden hatte: „Amor, ich vermisse dich“, steht da mit rotem Filzstift geschrieben. Das Wort „amor“ kommt auf wenigen Zeilen insgesamt sieben Mal vor, aber eine Unterschrift fehlt.
„Das ist nicht meine Schrift!“, behauptet Alda Maria, „aber weil sie dies gegenüber meinem Mann behauptete, hat der mich verprügelt. Und der ist sonst ein friedlicher!“
„Holt mir den Ehemann“, donnert Nivaldo.

Leas Ehemann erscheint mit gesenktem Kopf, betrachtet das Briefchen von allen Seiten. Nein, er wisse nicht, wer der Absender sei. Da holt seine Frau zum überraschenden Gegenangriff aus, klaubt ein zerknülltes Papier aus ihrer Tasche und knallt es auf den Tisch.
„Das war seine Antwort“, sagt sie schneidend, „von ihm geschrieben, auf der Veranda deponiert.“
Nivaldo entfaltet das Papier, auch darauf, in blauer Tinte, mehrmals das Wort „amor“.
Der Ehemann beäugt das Blatt, dreht und wendet es, und dann gesteht er, die Liebesbotschaft geschrieben zu haben, ohne jedoch zu wissen an wen – er habe nur die anonyme Absenderin jenes ersten, in rot verfassten Briefchens erfreuen wollen.

Das Schiff der Gerechtigkeit schwankt beträchtlich

Nivaldo kratzt sich am Kopf. „Ich mag ja aussehen wie ein Idiot“, schimpft er, „bin aber keiner.“ Er schickt den Ehemann nach Hause und dann rechnet er den Frauen die Kos-ten vor, die eine gerichtliche Auseinandersetzung verursachen würde. Schließlich unterschreiben beide, mit dem Vorbehalt, dass sich bis auf weiteres keine dem Laden der andern nähere, eine Übereinkunft des guten Zusammenlebens.

Das Schiff der Gerechtigkeit schwankt beträchtlich; ein Boot der Umweltpolizei legt an und bringt vier Sünder an Bord, die mit zwei Revolvern, drei Schrotflinten, zehn erlegten Wasserschweinen und einem Kaiman erwischt wurden. Ihr Boot war in einer Sandbank stecken geblieben, anders hätte das Gesetz die Wilderer kaum gefasst. Auf dem Oberdeck ist Verteidiger Valdemir noch immer von Hilfesuchenden umringt, und nicht immer geht es um Alimentezahlungen. Ein Mann will, dass seine von ihm geschiedene Frau den Computer herausrückt, den einzigen gemeinsamen Besitz. Eine Frau möchte ihren richtigen Namen zurück; das Ehepaar, von dem sie aufgezogen wurde, hatte sie als ihr eigenes Kind ausgegeben. Auf den ersten Fahrten des Justizschiffes, so weiß Valdemir, besaß fast die Hälfte der Bevölkerung keinen Geburtsschein und war in keinem amtlichen Register eingeschrieben. Das hat sich, dank der reisenden Justiz, geändert. Jetzt klauben die Klienten ihre Dokumente aus ­dicken Schichten von Umschlägen und Plastiktüten hervor, in denen sie wasserdicht aufgehoben sind. Rosiel Ferreira hat ihr Kind noch nicht ins Geburtsregister eintragen lassen, sie hat nur den Fußabdruck bei sich, den ihr die Hebamme nach der Geburt gegeben hat. Rosiel ist 13-jährig, ihr Kind ist einen Monat alt.

„Das ist nicht mein Kind“, sagt Jefferson

„Wie lange warst du mit dem Mann zusammen?“, fragt Valdemir.
Rosiel, selber noch ein Kind, senkt den Kopf und schweigt.
„Wie lange?“, fragt er den Burschen, der, wie das Mädchen, mit den Eltern gekommen ist.
„Zwei Tage“, antwortet er.
„Oh, du großer Mann“, sagt der Verteidiger. Die Zuhörer kichern.
„Schau dir das Kind an“, fährt der Verteidiger fort, „gleicht es dir nicht? Kommt es dir nicht bekannt vor?“
Der Junge schüttelt den Kopf.
„Die Erzeugerin des investigierten Kindes und der zu Investigierende hatten ein Liebesverhältnis für die Dauer von zwei Tagen“, schreibt der Verteidiger in seinen Computer und dann: „Vaterschaftsuntersuchung und Alimente“.
Dann schickt er ihn zum Richter.
„Wann genau“, fragt Richter Almiro Socorro, Turnschuhe, blaues Hemd, den Jungen, 19-jährig, der auf den Namen Jefferson hört, „fand diese Beziehung statt?“
„März 2011“, antwortet der Junge.
„Damals“, stellt der Richter fest, „warst du selber noch minderjährig. Deshalb wirst du nicht angeklagt.“ Er blättert in den Notizen. „Du zweifelst, dass du der Vater bist? Die Zweifel werden teuer für dich. Du musst die Kosten der genetischen Untersuchung übernehmen. Die kann nur in Macapá durchgeführt werden. Deshalb musst du auch die Reisekosten für Mutter und Kind übernehmen, und du wirst jetzt schon Alimente bezahlen.“
Im kleinen Audienzraum druckt der Schreiber das Urteil aus.
„Arbeitest du?“, will der Richter wissen.
Jefferson schüttelt den Kopf.
„Und wie willst du das alles bezahlen?“
Der Vater, ein Flusshändler, werde ihn unterstützen.

Streiten die Menschen anders, wenn sie arm sind?

Es ist die zweite Reise, die Richter Almiro Socorro auf dem Justizschiff mitmacht. Früher war er Polizist, er studierte abends, wurde Richter. „Aber hier“, sagt er, „ist es anders, Recht zu sprechen. Hier ist man nicht geschützt von dicken Wänden und vielen Vorzimmern. Hier sitzt man direkt der Realität gegenüber, und man muss zum Psychologen und zum Soziologen werden, um sie zu verstehen.“

Streiten die Menschen anders, wenn sie arm sind?
„Grundsätzlich sind die Ursachen für Zwist und Streit überall gleich, Klatsch und Eifersucht gibt es überall. In der Abgeschiedenheit und Armut dieser Gegend aber hat sich etwas entwickelt, was uns immer wieder schockiert. Wir sind mit sehr vielen Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern konfrontiert, meistens in der eigenen Familie. Wir versuchen diese Barbarei mit harten Strafen zu bekämpfen, wir betreiben Aufklärung in den Schulen, ermutigen die Kinder, die Täter anzuzeigen.“
Weshalb ist es so wichtig, dass die Justiz zu den Leuten kommt?
„Die öffentlichen Dienste fehlen hier weitgehend. Wo sollen die Leute reklamieren? Vielen fehlt das Geld für die Fahrt in die Hauptstadt. Unsere Präsenz gibt den Leuten eine Sicherheit. Sie müssen ihre Probleme nicht selber lösen, und nicht mit Gewalt.“

„Unsere Präsenz gibt den Leuten Sicherheit“

Dann klopft es an die Tür, Josianne und Marcela kommen herein, 14 und 17 Jahre alt, begleitet von ihrer Mutter. Die Mutter trägt Schlappen und einen zerschlissenen Rock, die Mädchen sind sauber gekleidet.
„Ich wusste von nichts“, weint sie, „die Töchter haben im Stillen gelitten.“
Auf der letzten Fahrt des Justizschiffes, als eine Psychologin die Schule besuchte, offenbarten ihr die Mädchen, dass sie seit frühesten Jahren von ihrem Vater missbraucht wurden. Der Mann befindet sich in Untersuchungshaft, heute sollten sie ihre Aussagen machen.
„Aber“, bedauert der Untersuchungsrichter, „leider hat der Staatsanwalt die Reise nicht mitgemacht. Ohne Vertreter der Anklage kann ich die Aussagen nicht aufnehmen. Sonst kommt der Täter wegen eines Verfahrensfehlers frei.“
Der Schreiber gibt ihnen einen neuen Termin in zwei Monaten.
Rosenildo und Iolanio, die Polizisten, bringen die vier Männer herein, die mit zehn erlegten Wasserschweinen und einem Kaiman erwischt wurden.
„Wir jagten zum Eigenverzehr“, verteidigen sie sich, „das ist erlaubt.“
„Aber“, sagt der Richter, „die Waffen sind nicht registriert.“
Im Jahr 2003 trat in Brasilien ein neues Waffengesetz in Kraft. Es gab den Besitzern fünf Jahre Zeit, ihre Waffen registrieren zu lassen.
„Wusstet ihr das?“
Die Sünder schütteln den Kopf.
„Die Waffen werden konfisziert bleiben, und es wird Anklage erhoben.“
Die Männer gehen weg, der Richter seufzt. „Viele Leute hier leben von der Jagd und vom Fischfang. Leider sind die Gesetze nicht immer den lokalen Gegebenheiten angepasst. Aber als Richter hat man die Möglichkeit, sich auf höheres Recht zu beziehen, auf die Verfassung, und so ist es meistens trotzdem möglich, ein angemessenes Urteil zu fällen.“
Auch Verteidiger Valdemir hat jetzt sein letztes Protokoll unterschrieben. Drei Sekretärinnen stempeln noch, die anderen schminken sich schon. Es ist der letzte Abend vor der Rückreise, und Nivaldo hat für alle, die Lust darauf haben, im Dorf ein spezielles Nachtessen organisiert.
Das Menü ist nicht ganz gesetzeskonform, aber durchaus im Sinne von Nivaldo, König Salomon vom Amazonas.
„Nach der Arbeit kommt das Vergnügen.“
Es gibt Wasserschwein gekocht und Kaiman gebraten.
Dann, morgens um fünf Uhr, mit der ansteigenden Flut nimmt das Schiff der Gerechtigkeit wieder Fahrt auf in Richtung Hauptstadt Macapá, und die Hängematten bewegen sich wie die Schaukeln in einem Vogelkäfig.

Lesermeinungen

....für die unterhaltsame Geschichte.
Aber ansonsten tun wir das mal unter "Märchen aus 1000+1 Nacht" ab.

Gott sei dank ist Brasilien noch ein Rechtsstaat mit eine Gerichtsprozessordung und Rechten für Angeklagte. Mag Richter Dotor Nivaldo noch so salomonisch urteilen, bei seiner so geschilderten Amtsführung geht er weit über seine Befugnisse als Friedensrichter und Mediator hinaus. Auch das ist in Brasilien strikt geregelt, selbst im Urwald. Allen "Verurteilten" steht übrigens der normale Rechtsweg offen. Für Unterhaltszahlungen und für Indianer ist er nicht zuständig.

Aber evangeklische Kirchenblättchen dürfen auch mal einen Schwank schreiben, sollten es aber dann nicht Reportage nennen.

Gruß
Fernando

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