Azubi mit 47
Zehn Jahre lang hatte ich ein glitzerndes Leben. Mit meinem Mann drehte ich Umweltdokumentationen fürs Fernsehen. Wir sind durch die ganze Welt gereist, haben Filme über die Atomindustrie gemacht, den Klimawandel, den sibirischen Tiger. Und als sich Umweltthemen schlechter verkauften, Dokus über die Pharaonen in Ägypten oder die Mayas in Mittelamerika. Von zwei großen Features im Jahr konnte ich leben.
Wir hatten eine gute Arbeitsteilung – dachte ich: Er kümmerte sich ums Kaufmännische und zog die Aufträge an Land. Ich, als studierte Germanistin, war fürs Kreative zuständig, den Schnitt, die Interviews. Doch dann trennten wir uns, und ich musste selbst Aufträge einwerben. Das klappte nicht. Irgendwann waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich musste Hartz IV anmelden.
Das war eine merkwürdige Situation: einerseits Hartz-IV-ler sein, anderseits die großen Dokus akquirieren, zum Sender fahren und so tun, als sei man immer noch die Erfolgreiche. Gleichzeitig habe ich an die 100 Bewerbungen für Festanstellungen im Medienbereich abgeschickt. Wieder nur Absagen.
Ich hatte eine Heidenangst vor Spritzen, aber das würde sich schon geben
Bis ich an den Punkt kam, wo ich dachte, ich muss völlig umdenken: weg von der Fernsehbranche; etwas lernen, wo ich schon während der Ausbildung Geld verdiene und hinterher ziemlich sicher eine Arbeit finde. So kam ich auf die „Gesundheits- und Krankenpflegerin“. Das Gute war, dass ich mit 19 schon mal ein Praktikum im Krankenhaus gemacht hatte. Ich hatte zwar eine Heidenangst vor Spritzen, aber das würde sich schon geben.
Ich schickte fünf Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz los und bekam gleich drei Einladungen zum Vorstellungsgespräch. Zwar hieß es jedes Mal, das sei beinhart auf Station, doch alle wollten mich nehmen. Vielleicht, weil ich niemandem etwas vorgemacht habe. Ich sagte ganz ehrlich, dass ich das Einzelkämpferdasein als Filmemacherin satthabe. Und dass ich etwas lernen möchte, was wirklich gebraucht wird. Es gab nur ein Problem: Wie sollte ich von 430 Euro Lehrgeld im Monat leben? Das Arbeitsamt stockte nicht auf bis zum Hartz-IV-Satz. Dann haben meine Mutter und Freunde gesagt, dass sie mich unterstützen.
Vier Wochen später ging es los im Krankenhaus Reinbek. Erst Berufsschule. Meine Mitschüler: zwischen 17 und 21 Jahre alt. Ich fühlte mich wie eine alte Wasserschildkröte unter lauter bunten Vögeln. Es ging ein Aufschrei durch die Klasse, als es hieß, dass die Mädels auf Station keine künstlichen Fingernägel tragen dürfen. Aber ich fühlte mich schnell aufgehoben, mittlerweile bin ich Klassensprecherin.
Das könnte ein Traumjob werden
Erst einmal mussten wir pauken: Anatomie, Psychologie, Hygiene . . . Ich war überrascht, wie anspruchsvoll das ist. Dann kam ich das erste Mal auf Station. In der Onkologie liegen viele Schwerkranke. Gleich in meiner ersten Woche sind fünf Menschen gestorben. Aber es war so viel los, dass ich mich damit gar nicht richtig auseinandersetzen konnte. Wir wurden gleich eingebunden: morgens Messungen, Frühstück bringen, abräumen, Betten abziehen, Urinbeutel wechseln. Und natürlich die Patienten waschen. Für viele Patienten ist das eine Grenzüberschreitung, damit muss man sensibel umgehen. Mir fällt das nicht schwer. Ich habe keine Scheu, Menschen zu berühren.
Jetzt sind sechs Monate um. Einige aus meiner Klasse haben schon wieder aufgehört. Ich habe mich riesig gefreut, als ich nach den Zwischenprüfungen erfuhr, dass ich die Probezeit geschafft habe. Klar habe ich auch Angst vor dem, was noch kommt. Ich werde jetzt auf eine Station kommen, wo viel operiert wird. Ich habe noch nie zugesehen, wenn jemand aufgeschnitten wird.
Aber ich genieße es, in einer festen Struktur und in einem Team zu arbeiten. Wie oft habe ich früher tagelang allein hinter meinem Computer gehockt! Außerdem finde ich, dass auch dieser Job kreativ ist. Wie helfe ich zum Beispiel jemandem einzuschlafen, der Angst hat? Ich lese eine Kurzgeschichte vor oder bete mit dem Patienten. Funktioniert. Wenn ich weiterhin Zeit für so was finde, dann könnte das ein Traumjob werden.
Protokoll: Ariane Heimbach

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War das ein sozialer Absturz? ....
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