„Bücher sind ein wichtiges Medium, um Menschen Religion näher zu bringen“
"Herr Fischer, welche Fragen bewegen Sie denn als Bischof am meisten?" Manuel Herder, Geschäftsführer des Herder Verlags, steht in Halle 3.1. am Stand seines Verlags auf der Buchmesse und blickt erwartungsvoll zum badischen Landesbischof und Verwaltungsratvorsitzenden des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) Ulrich Fischer. Der deutet auf ein Buch in einer der Buchleisten an der Rückwand des Standes. Es trägt den Titel "Jetzt ist die Zeit für den Wandel" von Abtprimas Notker Wolf. "Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen mich", antwortet Fischer. "Im Bereich der Umwelt, der Bildung und der Sozialsysteme, aber auch im Bereich des Glaubens: Wie kann Glaube heute vermittelt werden?"
Dass es eine große Nachfrage nach den Themen Glaube und ReligionUnter Religion versteht man die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu Gott, dem Göttlichen oder, ganz allgemein gesprochen, dem Transzendenten. Sie zeigen sich in Gebeten und Festen, in Ritualen, Liedern und Bräuchen. Der Ursprung des Wortes Religion liegt im lateinischen Wort religere (deutsch: zurückbinden). In diesem Sinne bedeutet Religion die Rückbindung des Menschen an Gott. Heute hat sich im Christentum die Auffassung durchgesetzt, dass sie nicht als einzige Glaubensgemeinschaft eine authentische Rückbindung an Gott hat. Auch bei den maßgeblichen Führern anderer Weltreligionen gilt Toleranz zwischen den Religionen zunehmend als erstrebenswert, da jeder Glaube an Gott auch kulturell geprägt ist. gibt, beweist die Frankfurter Buchmesse. Davon konnte sich der Medienbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Mittwoch in Gesprächen mit Verlagsleitern und Geschäftsführern von christlichen und weltlichen Verlagen auf seinem dreistündigen Rundgang überzeugen. Beispiel "Zwei Leben" von Samuel Koch: Die Autobiografie des Sportlers erschien im Frühjahr 2012 beim christlichen Verlag adeo und schaffte es innerhalb weniger Wochen auf Platz 1 der Sachbuchcharts. In dem Buch schildert Koch gemeinsam mit Autor Christoph Fasel die schwierige Zeit der Reha nach seinem Unfall in der Sendung "Wetten, dass…?" im Dezember 2010.
Samuel Koch über seinen Glauben, Zweifel und Zuversicht
Bei dem Versuch, mit Sprungfedern an den Füßen fahrende Autos zu überwinden, stürzte er und ist seitdem von den Schultern abwärts gelähmt. Samuel Koch spricht in dem Buch auch über seinen Glauben, seine Zweifel und seine Zuversicht. Dass die Autobiografie ein so breites Publikum anspricht, liege auch an der "Übersetzung", meint Verlagsleiter Ralf Markmeier. "Samuel Koch hat einen freikirchlichen Hintergrund. Sein Vokabular mussten wir übersetzen, um seine Erfahrungen und Überzeugungen einem breiten Publikum zugänglich zu machen."
Eine solche Transferleistung schaffe auch chrismon, meint Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Auf dem Markt der kirchlichen Zeitschriften ist chrismon am lesbarsten gemacht". Mit ihm sitzt der Landesbischof Fischer Schulter an Schulter in einer winzigen Kabine an der Rückseite des Zeit-Standes in Halle 3.1. und spricht über den Wandel der Gesellschaft in Fragen des Glaubens.
Das Publikum für religöse Themen wird breiter
"Religion war früher ein heikles Thema in der liberalen ZEIT", erzählt di Lorenzo. "Als wir 2010 das Ressort ‚Glaube und Zweifel’ einführten, war das für einige Leser sehr schwierig. Wir haben sogar Pakete mit Fäkalien erhalten." Heute sei ‚Glaube und Zweifel’, das Vorstellungen von Religion, EthikEthik und Moral werden oft als Begriffspaar benutzt. Schon allein daraus lässt sich erkennen, dass beide Bezeichnungen nicht synonym sind. Unter Moral versteht man meist eine Sittenlehre, die nicht selten bis ins Detail hinein Verhaltensnormen festlegt. Dem gegenüber geht es in der Ethik stärker um die Begründung von sittlichen Normen. Statt einen Kodex wünschenswerter Verhaltensweisen aufzustellen, analysieren Ethiker, welche Rahmenbedingungen zu welchen ethischen Entscheidungen führen, wo Freiräume für solche Entscheidungen liegen und wie unterschiedliche sittliche Ziele gegeneinander abzuwägen sind. Fachleute für Moral legen den Schwerpunkt ihrer Überlegungen meist eher auf die Verbindlichkeit der Normen, Ethiker behalten die Gewissensfreiheit und die Verantwortung des Einzelnen konsequenter im Blick. In der theologischen Wissenschaft ist bei Katholiken häufiger von Moral, bei Protestanten häufiger von Ethik die Rede, was auch ein Hinweis auf Unterschiede im Wissenschaftsverständnis zeigt. und Werten in säkularisierten Gesellschaften behandelt, ein wichtiger Bezugspunkt für die Leser der ZEIT geworden.
Dass religiöse Themen ein breiter werdendes Publikum ansprechen, bestätigt auch Michael Krüger, Geschäftsführer des weltlichen Literatur- und Fachbuchverlags Carl Hanser. "2013 wird es vermehrt Bücher zum Thema Glauben und Religion geben." Darunter seien auch Werke von Autoren, die der Religion früher ablehnend gegenüber standen, wie beispielsweise Jürgen Habermas und Martin Walser.
Gesangbuch statt BibelDie Bibel (griechisch „biblia“ = Bücher) ist die Heilige Schrift der Christen. Die Bibel ist in das Alte und in das Neue Testament aufgeteilt. Das Alte Testament ist ursprünglich in Hebräisch geschrieben. Es beginnt mit der Schöpfungsgeschichte und enthält neben den Urgeschichten der Menschheit Prophetenbücher, Weisheitstexte und die Geschichte des Volkes Israel. Viele Schlüsseltexte der westlichen Kultur finden sich im Alten Testament, wie zum Beispiel die Zehn Gebote. Das Neue Testament ist ursprünglich in Griechisch geschrieben. Es enthält unter anderem die vier Evangelien, die vom Leben, von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi erzählen, und eine Anzahl theologischer Briefe, von denen die des Apostels Paulus am wichtigsten sind. Bis ins 15. Jahrhundert wurde die Bibel fast nur in ihrer lateinischen Übersetzung (Vulgata) gelesen. Martin Luther übersetzte die Bibel von 1520 bis 1536 ins Deutsche. Alle christlichen Kirchen berufen sich in ihrer Lehre und in ihrer Praxis auf die Bibel, auf das Alte und das Neue Testament, als wichtigste Quelle.
"Bücher sind ein wichtiges Medium, um Menschen in religiösen Fragen anzuleiten", betont Medienbischof Fischer. Im Gespräch mit chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer erzählt er, wie sehr ihn die Schriften des protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher prägten: "Obwohl ich ihn bis heute nicht ganz verstanden habe", gesteht er schmunzelnd. Und auf eine einsame Insel würde er ein Gesangbuch anstatt einer Bibel mitnehmen: "Gesangbücher vereinen Glaubensüberzeugungen und Melodien – beide sind mir sehr wichtig." Auf die Frage, ob er sich in Zeiten der Digitalisierung Sorgen um die Zukunft des Buches mache, reagiert er gelassen: "In Deutschland gibt es eine hohe Affinität zum Buch. Das wird sich nicht so schnell ändern."
Im abschließenden Pressegespräch wird Fischer nachdenklich. Die Nachfrage nach religiösen Büchern steige – doch der Institution Kirche komme dieser Wandel nicht zu Gute. „Sinnfragen und Kirche gehören für die Menschen nicht mehr selbstverständlich zueinander." Wie die evangelische Kirche darauf reagieren könne, werde er im Rat der EKD besprechen.


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