Wie Parkinson das ganze Leben verändert

Zitterpartie
Hinter ihm in der Schlange, vor ihm in der Schlange Menschen, die alles gleichzeitig können: Handy halten, einpacken, auspacken, mit dem linken Fuß den Kinderwagen bremsen. Alles läuft. Nur er nicht. Er stolpert über einen Haufen abgestorbener Gehirnzellen – Parkinson

Foto: Anne Schönhartin / Ostkreuz

Stefan Berg

Stefan Berg, Vater von vier Kindern, Redakteur beim „Spiegel“, war 44, als er im Herbst 2008 an Parkinson erkrankte. Das Buch "Zittpartie" erscheint in der edition chrismon.

Der Tag, an dem er jene Veränderung bemerkte, die er später eine und noch später seine Krankheit nennen würde, endete in einem schönen Sommerabend. Er saß fernab seiner Heimatstadt auf einem Podium, neben ihm ein Politiker, vor ihm Hunderte Zuschauer. Er nahm das Mikrofon in die linke Hand, er wollte die erste Frage stellen, aber das Mikrofon wackelte.

Schon seit dem frühen Morgen war er unruhig gewesen, unruhiger als sonst vor solchen Veranstaltungen. Nun zitterte die Hand, was heißt zittern, sie flog, sie hatte sich regelrecht selbstständig gemacht. Um ein Haar hätte es den Gesprächspartner erwischt. Das Mikro stoppte kurz vor dessen Kinn. Schade wäre es nicht um ihn gewesen. Zu seiner Linken saß einer dieser Politiker, die vor Publikum lustvoll die Wahrheit der Pointe opfern.

Das Mikro vibrierte lange unter dem Kinn seines Gegenübers. Aber dann riss er sich zusammen. Er nahm das Mikrofon in die Rechte, steckte die Linke unter dem linken Oberschenkel fest. Und machte weiter. Er schaute gegen das Licht in den Saal und stellte die erste Frage. Niemand hatte etwas bemerkt. Er atmete tief durch.
Alles war gut?
Nichts war gut.
Die Hand tat weh. Dieses Zittern, diese Aufregung, diese Angst, dieser Schweiß, das alles war neu in seinem Leben.

Es ratterte, als sollte sein Gehirn nicht fotografiert, sondern gepresst oder zerhackt werden.

Als die Krankenschwester ihn aufforderte, ihr zu folgen, wurde er aus der Erinnerung an jenen ­Moment auf dem Podium fernab seiner Heimatstadt gerissen. Sie zog ein kleines graues Wägelchen hinter sich her, auf dem ein noch kleineres, ebenfalls graues ­Betontönnchen stand. Es wurde transportiert wie eine Schatzkiste. Ihn amüsierte die Szene, Wörter gingen ihm durch den Kopf, Restmüll, Atombunker, Schutzmaske, Tschernobyl. Ahmadinedschad nannte er die Schwester. Ihre Schuhe klackten auf dem Boden, das Geräusch er­innerte an das gleichmäßige Tacken eines Geigerzählers. Dann musste er seinen linken Arm frei machen. Frau Ahmadinedschad öffnete das Kästchen, in dem zwei kleine Spritzen mit radioaktivem Material steckten. Diese Ladung Atomwaffen war also für ihn bestimmt. Sie setzte die Nadeln nacheinander an.

Sekunden danach kreisten vier große Platten lärmend um ­seinen Kopf, angeblich Kameras. Er sollte ganz still liegen, ja nicht wackeln. Die Schwester hatte seinen Kopf in eine Vorrichtung gezwängt, eine Art Käfig. Es ratterte um ihn herum, als sollte sein Gehirn nicht fotografiert, sondern gepresst oder zerhackt werden.

Er kannte noch nicht den Namen der Krankheit, die er hatte und die ihn hatte. Aber er spürte in diesem Moment wieder, dass sich etwas zu ändern begann. Sein Körper zitterte nicht, aber seine Gedanken sprangen hin und her. Bilder tauchten auf, Menschen, Worte. Dann verschwanden sie wieder.
Namen.
Angst.
Worte.

Das Rattern der Maschine über ihm zerschnitt seine Gedanken in Gedankenfetzen.
Verdammt. Nun zitterte auch sein Körper. Diesmal war es die Aussicht, dass jemand mehr über ihn wissen würde als er selbst, die ihn in Unruhe versetzte. Diese Ärztin. Sie würde die Spuren der Strahlen deuten. Mein Gehirn gehört mir, schoss es ihm durch den Kopf, als das radioaktive Zeug in ihm seinen Lauf nahm.
Später deutete er solche Momente als Beginn einer Wandlung, für die er anfangs kein Wort fand.

Die Diagnose war einfach und eindeutig. Ahmadinedschads Atomwaffen hatten ganze Arbeit geleistet. Er bekam nun zwei Wörter zu hören, die er nicht kannte und die von nun an sein Leben bestimmen würden: Morbus und Parkinson. Wie Plüsch und Plum, Dick und Doof. Unzertrennlich.

Die Diagnose war eindeutig. Er war richtig krank

Die Ärztin verabreichte endlose Sätze mit Fragezeichen. Ungewissheiten, eingeklemmt zwischen vielen Kommata, ergänzt um Fachbegriffe wie Rigor, Tremor und Hypokinese. Körperteile würden die Gefolgschaft verweigern, erklärte die Ärztin, die Hand, das Bein, der Gleichgewichtssinn würden beeinträchtigt werden. Das Wort unheilbar fiel, es ragte wie eine spitze Zacke heraus aus dem Berg von Fachbegriffen, den sie vor ihm aufgetürmt hatte. Der Tod hatte sich in sein Leben geschlichen, wie der Wirkstoff der Medikamente, die er nun ein­nehmen musste.
Ja, das ist der Tod.
Gehirnzellen sterben.
Er war richtig krank. 

Er studierte all die neuen Wörter, die Einzug in sein Leben halten sollten. Er hatte schnell einen passenden Spruch auf den Lippen: lieber Parkin-Sohn als Parkin-Vater. Er machte sich lustig über Fachbegriffe wie Agonisten und Dopamin-Spiegel. Ob man den auch abonnieren kann? Ob man Substantia nigra zu Nudeln essen könne? Wie Pesto? Er lachte über sich selbst und gefiel sich sehr.
Aha, immer noch der Alte, beruhigte er sich.

Er hatte Termine versäumt. Das war ihm noch nie passiert. Wichtige Termine mit wichtigen Menschen, die er mit wichtiger Miene Wichtiges fragen musste. Aber er hatte weder einen Verlust gespürt noch das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Wenige Tage nach der Diagnose bemerkte er, wie tief in Gedanken versunken er war. In seiner kleinen Welt, der Wohnung ohne Bad und mit Blick in einen Hof. Er sah in diesen Hof und auf den Baum, der sich dort mühsam und in fast aussichtsloser Lage Richtung Himmel streckte. Aber sehr gezielt. Er beschloss, sich eine Strategie zurechtzulegen, einen richtigen Plan. Er kam ja aus der Planwirtschaft. Und er musste seine Krankheit planmäßig bekämpfen.

Er spekulierte, wie viele Jahre ihm blieben, in denen er sich noch gut bewegen konnte. Aber die Unberechenbarkeit machte ihn wahnsinnig. Dass er die Macht über die eigene Zeit verloren hatte, trieb ihn um. Ihm wurde bewusst, wie machtlos er war. Er schrieb Wörter auf Papier, Zahlen und Namen von Menschen, die ihm wichtig waren. Er notierte Städte, in denen er gern gewesen war und die er noch einmal besuchen wollte. Paris, Venedig, Basel. Solange es noch ging.

Den Gedanken an die Krankheit fand er manchmal schlimmer als die Krankheit selbst. Wäre er ohne ­Diagnose so krank, wie er sich jetzt fühlte? Er erklärte sich unzuständig für seine Ausfälle, dafür sei die Ärztin da, eine freundliche Frau, die an ihm gewackelt, die Funktions­fähigkeit seiner Hände kontrolliert und etwas in ihren Computer getippt hatte. Er hasste ihre Kontrollblicke, die er immer deuten wollte, er hasste diesen Computer, in dem alles über ihn stand, der mehr wusste als er selbst über sich. Es war doch schlimm genug, dass er sein Gehirn nicht verstand. Am Ende hatte die Ärztin von Urvölkern erzählt, die mit Urschreien Krankheiten bannten.

Dieser Muskelkater heißt Parkinson

Er testete Freunde und die Wirkung von Floskeln. Wurde er beiläufig gefragt, wie es ihm ginge, antwortete er knapp, er sei unheilbar krank. Wie bitte? Ja, UN-HEILBAR. Manchmal lähmte die Krankheit seine linke Schulter. Ob er sich verhoben habe, wollten die Leute dann wissen und plapperten von sich selbst und ihrem Muskelkater. Mitten hinein in den Redefluss schoss er dann die Diagnose. Nein, dieser Muskelkater heißt Parkinson. Ja, wie Sohn, nur mit Parkin davor. Dann überließ er seine Hand dem Tremor, als kleine Demonstration. Anfassen? Ein Gag, wie auf der Geisterbahn. Die Leute erstarrten, das Fragen verging ihnen. Anfangs erheiterten ihn die Reaktionen, er erfreute sich an der Hilflosigkeit derjenigen, die als gesund galten, und überlegte, wer wohl als Nächstes von einer Krankheit erfahren würde. Später begann er, die Feigheit zu hassen.

Manchmal übergab er seinen Befund wie eine Urkunde. Hier, du bist es wert, es zu wissen. Er liebte diese Pose. Er redete darüber, wie er diese Krankheit in die Flucht schlagen werde. Er, der Bezwinger des Parkinsonismus.
Er hatte nun einen grünen, aufklappbaren Schwer­behindertenausweis. Mit Stempel und Jahreszahl. Er war amtlich schwerbehindert. Sein Foto fand er darin unpassend. Es zeigte einen fröhlichen, gesund aussehenden Mann. Niemand gewährte ihm Ermäßigung, wenn er danach fragte. Man glaubte ihm nicht, man vermutete eine Fälschung. Sein Ausweis sorgte für Heiterkeit. Da stimme wohl etwas nicht. Er freute sich über jede abgelehnte Vergünstigung. Er verzeichnete dies als einen ersten Punktsieg gegen Parkinson. Tagsüber funktionierte er wieder, Anfragen, Konferenzen, Termine, von allem nur etwas weniger als vorher. Es geht doch, von wegen.

Jetzt brachte jeder Tag Veränderungen und ­beinahe jede Nacht Verwandlungen.

Er hatte einen fairen Arbeitgeber, man nahm Rücksicht. Ohne Krankheit wäre es alles so wie bisher weitergegangen, fast jeden Abend Verabredungen. Oft hatte er auf dem durchgeliebten Sofa in seiner Altbauwohnung gesessen und sich Veränderungen gewünscht. Ein anderer Job? Familie? Ein anderes Land? Er hatte sich einiges ausgedacht und sein Leben dann doch nicht geändert. Es gab immer einen Grund dafür, sich nicht zu verändern. Jetzt brachte jeder Tag Veränderungen und ­beinahe jede Nacht Verwandlungen. Regel­mäßig träumte er von Menschen, die ihm irgendwann begegnet waren. Körperteile und Stimmen aber passten nicht zusammen. Irgend­eine ferne Kraft sorgte für eine Neu­konstruktion aller Dinge, die er selbst nie hinbekommen hätte. Er genoss diese Träume, dieses unerwartete, heillose Durcheinander.

Das letzte Mal war ihm die Welt als Kind so unübersichtlich vorgekommen. Das Viertel, in dem er gewohnt hatte, war wie eine Landzunge, herausgestreckt in eine ferne fremde Welt. Fast jede Straße endete mit einem Sperrschild. Seine Familie wohnte jahrelang unweit der Mauer, aber er erinnerte sich nicht daran, wann über diese Wand das erste Mal in seinem Leben gesprochen worden war. Er verstand nicht, wie die Teile seiner Stadt und seines Landes eigentlich zusammengehörten und weshalb eines der Teile nun „drüben“ hieß, ein seltsamer Name für ein Land. Seine Eltern malten eine komplizierte Skizze des Landes, das ein Chirurg oder ein Schlachter kunstvoll zerteilt zu haben schien. Wie konnte man nur dieses Monstrum Mauer ertragen, das alle ­Lebensadern der Stadt zerschnitten hatte? Die meis­ten Menschen versuchten, dieses Ungetüm totzuschweigen. Je näher sie ihm kamen, desto weniger wurde geredet. Ein Todesstreifen der Wortlosigkeit umgab diese Mauer. Krank fand er das alles in der Rückschau. Er erzählte oft von diesem Land. Er hatte das Gefühl, von einer Krankenstation zu berichten.

Unter Hinweis auf seine Krankheit eli­minierte er die unangenehmen Dinge seines Lebens, die täglichen Videokonferenzen etwa, die in seinem Büro üblich waren. Er hatte sie heimlich aufgezeichnet. Eine ganze Fernsehserie hatte er davon zu Hause. Manchmal sah er sich abends eine Folge an. Am meisten wunderte er sich dann über sich selbst. Er hatte sich furchtbar wichtig genommen. Er verglich sich selbst, den Mann aus dem Video, mit dem Zuschauer, der er geworden war. Er gefiel sich jetzt besser. Er war geheilt durch seine Krankheit, wie befreit von dem Zwang, etwas darzustellen, etwas zu sein, was er nicht war. Er dachte viel über das Wort Selbstdarsteller nach. Warum hatte es so einen negativen Klang? Er jedenfalls wollte jetzt nur noch sich selbst darstellen.

Früher hatte er von der Freiheit des Christenmenschen gelesen. Nun lebte er die Freiheit des kranken Menschen.

Seine Krankheit war ein Schutzraum, ein Versteck, eine Höhle, in die er kriechen konnte. Manchmal war sie ihm auch eine willkommene faule Ausrede. Nein, dachte er einmal, die Küche wischen, das verträgt sich nicht mit den Medikamenten. Er legte sich eine Putzfrau zu. Nein, dachte er, warum sollte er sich auf Empfängen langweilen? Früher hatte er von der Freiheit des Christenmenschen gelesen. Nun lebte er die Freiheit des kranken Menschen. Er sagte anderen schonungslos, was er von ihnen hielt. Er konnte jetzt sehr ungerecht werden. Er strich rigoros Namen aus seinem Telefonverzeichnis, er unterschied zwischen den Eingeweihten und jenen, die ihm egal geworden waren. Seine Krankheit war wie eine Grenze, an der sich alles schied, eine Mauer, die er selber errichtete. Und die er gut bewachte. Er war sein eigener Grenzer. Er richtete sich ein hinter dieser Wand, er konnte sich mehr Zeit lassen hinter ihr und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Sein Hirn hatte das Tempo aus seinem Leben genommen. Die Hektik, die auch ihn oft erfasst hatte, schien ihm in der Rückschau vollkommen unverständlich. Warum, fragte er sich, wurde alles schneller, obwohl alle länger lebten? Und wer steckte überhaupt hinter jener Kraft, die alle Hektik nannten? Manchmal war er so sehr mit seinen Fragen beschäftigt, dass er die Welt um sich herum vergaß.

Einmal stand er im Bus, einem Flughafenbus, der ihn zu der Maschine bringen sollte. Die Türen öffneten sich, alle stiegen aus, nur er nicht. Er hielt sich fest und hörte den Lärm der Turbinen. Er erinnerte ihn an den Lärm der Kameras, mit denen sein Gehirn fotografiert worden war. Er müsse jetzt kommen, rief ihm ein Mann in einem blauen Arbeitsanzug zu. Er hörte den Mann, aber er hörte nicht auf ihn. Er war wie festge­froren. Wie lange, fragte er sich später. Zwei Männer in blauen Anzügen kamen, sie lösten ihn vorsichtig von der Stange, er sei krank, sagte er. Jetzt schob er die vielen Fragen fort, langsam konnte er wieder die Füße setzen. Mühsam zerrte er seinen grünen Ausweis aus der Tasche. Schwerbehindert.
Jetzt glaubte man ihm. Sein ganzes Leben war nun eine Zitter­partie

Alles läuft. Nur er nicht.

Die Freude über die Veränderung und die Wut auf die Veränderung kamen in Wellen. Die Krankheit war eben nicht nur sein Schutzpatron. Beim Schwimmen zog er unfrei­willig Kreise, weil er seinen linken Arm nicht einsetzen konnte. Er brauchte mehr Zeit, um seine Schnürsenkel zu binden. Er traf die Schlüssellöcher nicht. Er trug jetzt Jacken ohne Reißverschlüsse. Beim Einkaufen stoppte er manchmal ruckartig. Der Tod, dieser Bremsklotz, fluchte er. Hinter ihm Ge­triebene, vor ihm Getriebene. Menschen, die alles gleichzeitig können, das Handy halten, einpacken, auspacken, mit dem linken Fuß den Kinderwagen bremsen. Das Band für die Waren läuft, die Werbung am Bildschirm läuft. Alles läuft. Nur er nicht. Ich ­stehe, dachte er, ich bekomme den Beutel nicht auf, ich schwitze. Ich bin ein Hindernis. Alles läuft. Ich stolpere über einen Haufen gestorbener Gehirnzellen.
Niemand würde es bemerken.

Seinen Tagträumen folgten nachts Alpträume. Er sprach sogar mit der Krankheit selbst, als wäre sie ein Partner. Sie saß ihm gegenüber, aber wenn er wach wurde, hatte er ihr Gesicht vergessen. Er hätte gern ein Fahndungsbild von Parkinson gezeichnet. Aber er schaffte es nicht.


Das Land, aus dem er kam, es erschien ihm in der Rückschau immer mehr wie die erste schwere Krankheit, an die er sich hatte gewöhnen müssen. Sein früheres Leben betrachtete er wie eine Übung für die Zeit, die jetzt angebrochen war, die zweite Zitterpartie. Die Vergangenheit hatte etwas sehr Gegenwärtiges bekommen.
Die Welten, in denen er nun lebte, waren wie seine Gehirnhälften, die nicht mehr harmonierten. Wie seine ­Arme. Zellen sterben. So fängt also der Tod an, dachte er. Oder dachte es in ihm. Oder ein anderes Leben beginnt. Oder der Tod. Oder ein neues Leben. Oder der Tod. Oder... So ging es ihm durch den Kopf, als flöge ein Ball hin und her.

Information

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus Stefan Bergs Buch "Zitterpartie", edition chrismon. Das Buch erscheint am 4. Oktober. Sie können es direkt hier bestellen.

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Porträts von Stefan Berg und "Zitterpartie" in der Presse und im Fernsehen:

12.11.2011: So gesehen "Talk am Sonntagnachmittag" auf SAT 1

27.10. 2011: "Nachtkultur" (SWR Fernsehen ab 23.15 Uhr) einen Beitrag über unseren Autoren Stefan Berg uns sein Buch "Zitterpartie.

 

Lesermeinungen

Seit Mai 2011 weiß ich von meiner Parkinson-Erkrankung.
Kurz zuvor wurde mir meine Schulter operiert, von Kalk befreit. Der Orthopäde meinte, dass meine Schulterschmerzen von einer Verkalkung kämen.
Aber nein, die Schmerzen blieben.
Als ich aus der Vollnarkose nach der Schulter-OP wach wurde, zitterte meine linke Hand. Das war der Anfang.
Etwas später hing mein linker Arm runter wie ein lebloser Ast am Baum.
Meine Hausärztin überwies mich zum Neurologen, der wiederum überwies mich zum Radiologen und es hieß, Gratulation, Sie haben KEINEN Hirntumor.
Stattdessen sprach ich auf L-Dopa an und lebe seitdem mit der Diagnose Morbus Parkinson.
Habe es immer noch nicht ganz begriffen, möchte nur zu gerne an eine Fehldiagnose glauben.
Vielleicht ist es etwas ganz anderes. Ich höre nicht auf mit dem Hoffen.

Ja, Herr Berg, auch mich ereilte "James" 2008. Die Diagnosestellung folgte nach 8 Monaten. Arztbesuche- abwechselnd Neurologe und Orthopäde, eine nicht erfolgreiche ambulante Reha, viele Scherben in der Küche, herumrollende Kartoffeln und scheppernde Eimer, abenteuerliche Suppeneßmanieren und der langsame Verlust meiner Alt-Stimme... ließen mich aber weitersuchen. Nach dem Dopamintest war dann alles klar, erst 1 Jahr später zeigte auch das bildgebende Verfahren des Gehirns, dass es Veränderungen gibt. Beruflich war dann eine Veränderung nötig, bei den Hobbies musste ich das Posaune-Spielen lassen, entdeckte aber neue Kreativität in anderen Dingen. Ich bin sehr froh, dass meine Symptomatik noch nicht so stark ausgeprägt ist, ich noch mit Dopamin-Agonisten auskomme.Das Freezing musste ich auch schon lernen, zu akzeptieren, momentan ist der Speichelfluss das Problem.Meine Kinder können nicht verstehen, dass diese Krankheit mich/uns immer begleiten wird. Ich habe gelernt "Nein" zu sagen, mehr auf mich zu achten und zu hören, mir Zeit für einen Mittagsschlaf zu nehmen und auch eine zitternde Hand nach einem Flötenkonzert gern zu haben und mich ihrer nicht zu schämen. Können Sie weiter stundenweise ihren Job machen? Ich wünsch es Ihnen sehr, denn ich merke, dass ein berufliches Umfeld neben der Familie und Freunden sehr wichtig ist. Ich wünsche Ihnen Geduld und Mut zur Langsamkeit. l.G.K.

hallo herr berg, ich gratuliere ihnen zu dem mut den sie aufgebracht haben um an die öffentlichkeit zu gehen. ich weiss wieviel überwindung das kostet, bin ich doch mit 36 selbst an parkinson erlrankt. heute nach 17 jahren lebe ich noch immer damit und es ist noch ganz ok. sie sind für die erkrankten um uns ein leuchtendes beispiel, weil sie sich der öffentlichkeit zeigen. ich weiss wovon ich rede, iach habe eine selbsthilfegruppe am ort und bin in einer grossen online selbsthilfegruppe. menschen wie sie machen deutlich auf unsere krankheit aufmerksam und dafür danke ich ihnen sehr. liebe grüsse g.st.

Hallo Stefan Berg, auch ich habe M. Parkinson, seit vier Jahren werde ich behandelt, bin jetzt 70 Jahre alt und versuche mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, mein Leben mit Mr. James (so nennen in andere Parkinsöhne und -töchter) dem Kerl, der unser Leben plötzlich auf den Kopf stellt, zurecht zu kommen. Ich gehe offen mit meiner Krankheit um, meine Kinder, Enkel und Freunde wissen Bescheid und es ist mir eine große Hilfe, wenn sie mir ab und zu den Rücken stärken, mir schwere Arbeiten abnehmen, mir zuhören wenn mir nach jammern zumute ist, was zum Glück nicht so oft vorkommt. Die schlimmen Angstattacken versuche ich allein in den Griff zu bekommen, wenn es sein muss, dann heule ich eben mal ein Wochenende allein, dann geht es wieder. Auch ich habe vorher viel Stress im Beruf gehabt, habe gemeint, ohne mich geht gar nichts und hatte dann doch erkennen müssen, dass ich nicht über unerschöpfliche Kräfte verfüge und auch, dass jeder Mensch ersetzt werden kann (am Arbeitsplatz). Erst jetzt, seit ca. einem Jahr gelingt es mir, auch die positiven Seiten der Krankheit zu sehen, das zwangsläufige runter fahren meiner Aktivitäten, mir selber mehr Zeit zu geben für die Dinge, die ich gerne mache. Ich bin so gut eingestellt, dass mir die Menschen kaum ansehen, dass ich krank bin, aber ich selber merke die Veränderungen und die Ungewissheit, was noch kommt, macht mich manchmal wahnsinnig vor Angst. Doch dann wieder denke ich - ich lebe heute und ich mache das Beste aus diesem Tag, ich habe aufgehört zu planen, es geht Schritt für Schritt , fast so wie bei den AAs, jeden Tag aufs Neue. Ich habe das große Glück, dass ich vor einem Jahr noch einmal einen Menschen gefunden habe mit dem ich glücklich sein darf und der mich nimmt, so wie ich bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Ihnen und ihrer Familie wünsche ich viel Kraft, positives Denken und das Wissen, dass Sie nicht allein sind. Wiga

Lieber Stefan Berg, bei meinem Mann wurde 2008 mit 44 Jahren MB diagnostiziert. Auch wir haben vier Kinder und leben jeden einzelnen Tag mit Veränderungen und Ungewissheiten. Ich danke Ihnen als Partnerin eines Parkinson-Kranken für Ihre Aufrichtigkeit. Ihr Buch, wie auch der Artikel im SPIEGEL wird nicht nur vielen Betroffenen helfen, sich der Krankheit zu stellen. Es hilft auch uns, die wir an Eurer Seite leben und bleiben werden. Die "Entdeckung der Langsamkeit", die wir gemeinsam machen, ist bei aller Bitternis auch ein Gewinn: Die Stunden, die für Multitasking, beruflichen Erfolg, dem vermeintlich lockeren "Managen" von Job und Familie, Opportunismus, Gefälligkeiten und so vielem Überflüssigen drauf gingen, sind vielleicht verloren, aber die Stunden, die bleiben, können wir so gestalten, dass sie voller Leben sind. Ich weiß, das ist ein hehrer Vorsatz, der leider selten aufgeht. Aber im Gegensatz zum Neujahrstag, an dem ein jeder Besserung gelobt, Ist Parkinson am nächsten Morgen nicht vorbei. Wir haben jeden Tag die Chance zu verändern, uns selbst, unser gemeinsames Leben. Diese Kraft wünsche ich Ihnen, Euch und uns. Katrin

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