"Lass mich in Ruhe!" - eine Tochter trennt sich
Meine Tochter Maya* hat mich verlassen. Das ist jetzt fünf Jahre her, sie war damals 26 Jahre alt. Maya schrieb mir in einer E-Mail, dass sie für eine gemeinsame Zukunft keine Möglichkeit sehe: „Du nimmst mir die Luft zum Atmen. Du willst mir deinen Willen aufzwängen.“ Wie bitte? Wer mich kennt, weiß, dass das nicht stimmt. Ich war nie eine Taschentuchmutter. Natürlich hatten wir uns auch mal gestritten, das ist normal zwischen Eltern und Kindern – aber das hier war eine Kündigung! Ich wollte mit ihr darüber sprechen, doch sie ging nicht ans Telefon, dann wechselte sie alle Nummern und die E-Mail-Adresse.
Ich bedauere mich nicht mehr
Maya hatte eine Zwillingsschwester, sie ist als Säugling an einem Herzfehler gestorben. Darüber zerbrach meine Ehe mit ihrem Vater. Ich tat alles, damit es Maya und ihrem großen Bruder gutging. Ich teilte meine Arbeit so ein, dass ich meistens zu Hause war, wenn sie aus Kindergarten und Schule kamen; ich finanzierte Reitunterricht, Klavierstunden, Tennis, ein Auto zum Abitur. Es war so weit alles normal.
Als Maya den Kontakt abbrach – übrigens auch zu ihrem Vater und ihrem Bruder –, suchte ich die Schuld bei mir: War ich zu fürsorglich? Nicht konsequent genug? Hätte ich weniger arbeiten sollen? Habe ich als Mutter versagt? Wenn jemand nach Maya fragte, sagte ich, sie sei im Ausland, es war mir peinlich, die Wahrheit zu sagen. Drei Jahre brauchte ich, bis ich darüber sprechen konnte. „Da muss doch was passiert sein, sonst wäre sie nicht gegangen“, höre ich oft. Bestimmt habe ich Dinge falsch gemacht. Ich hätte ihr die Luft zum Atmen genommen, das warf sie mir in ihrer E-Mail vor – was heißt das denn konkret? Sie hat es mir nie gesagt. Sonst hätte ich ihr mein Verhalten erklären können. Oder mich dafür entschuldigen können.
Anfangs wollte ich es nicht wahrhaben, dass sie weg war. Ich war auch wütend, auf die Welt, auf das Kind. Ich durchlief den gleichen Trauerprozess wie bei meiner verstorbenen Tochter. Da dauerte es 15 Jahre, bis ich sie in Ruhe lassen und in mein Herz einschließen konnte. Bei Maya arbeite ich dran.
Ich bedauere mich nicht mehr, ich weiß nun, dass ich die Vergangenheit nicht ändern kann. Manche Eltern, denen das Gleiche passiert ist, sehen sich als Opfer ihrer Kinder, aber das möchte ich nicht, dann wäre meine Tochter eine Täterin. Und ich hilflos und passiv. Ich warte nicht mehr darauf, dass sie mich rettet, das muss ich alleine hinbekommen. Also versuche ich, mir meine Fehler zu vergeben und meiner Tochter auch – in Abwesenheit.
Das Gefühl, dass sie mich nicht zurückliebt, nagt an mir
Zwar kann ich mir nicht vorstellen, dass es meiner Tochter gutgeht mit ihrer Entscheidung, man kann nicht einfach seine Wurzeln kappen. Aber ich fühle mich nun besser, ich bin nicht mehr so wütend und verbittert. Ich schreibe ihr keine Briefe mehr, sie hatte ohnehin nur einmal darauf reagiert: „Lass mich bitte in Ruhe“, schrieb sie zurück. Inzwischen weiß ich nicht mal mehr, wo sie wohnt. Ich könnte es herausfinden, aber mit einem Besuch würde ich sie womöglich noch weiter von mir wegtreiben.
Ich freue mich jetzt auf jeden Tag; jeden Abend überlege ich, was gut war – und nicht, was schlecht war. Ich habe wunderbare Freunde, die mich über die schlimmen Jahre getragen haben. Meine Arbeit als Coach und Mediatorin erfüllt mich. Ja, ich helfe Menschen, die Kommunikationsprobleme haben. Ihnen rate ich immer: Redet um Himmels willen über eure gegenseitigen Erwartungen. Stellt Regeln auf. Achtsamen Kontakt zu pflegen, ist immer besser, als einander zu verlassen.
Die Lücke, die Maya hinterlässt, schließt sich langsam; aber da wird immer eine schmerzende Narbe sein. Das Gefühl, dass sie mich nicht zurückliebt, nagt an mir. Und natürlich habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, sie wiederzusehen. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mich verhalten würde, wenn sie plötzlich vor der Tür stünde. So tun, als wäre nichts geschehen? Mich kleinmachen, damit das Kind bloß nicht noch einmal weggeht? Nein, so geht das nicht. Vielleicht würde ich sagen: „Wie geht es dir?“ Auf jeden Fall würde ich sie gerne in den Arm nehmen.

Leserkommentare
Enneagramm hilft weiter
Versorgung
Antwort auf den Eintrag von A.Hoffmeister
Bericht von der Psychofront
Die arme Tochter
Berechtigt
"Lass mich in Ruhe", von Angelika Kindt
Leserkommentar hinzufügen