Kleines Schwarzes oder Burka?

Kleines Schwarzes oder Burka – beide sind Ausdruck von Individualität. Gibt es etwa eine einheitliche europäische Kleiderordnung?
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Foto: epd-bild / Stefan Trappe

Barbara Vinken

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Barbara Vinken, Jahrgang 1960, Literaturprofessorin in München, schrieb vieldiskutierte Bücher zur Frauen- und Familienpolitik. 2004 gab sie den Band "Stigmata, Poetik der Körperinschrift." heraus.

Vor einigen Monaten sorgte ein Video, betitelt „Niqabitch secoue Paris“ (Burkahuren erschüttern Paris) und unterlegt mit einem sexuell expliziten Rap, im Netz für ziemlichen Wirbel. Zwei junge Frauen, unten herum in knappsten Hotpants und High Heels, oben herum dagegen mit Burka bis auf die Augenschlitze verschleiert, spazieren durch Paris und lassen sich vor Orten der Macht filmen: vor der Zentrale der sozialistischen Partei, vor dem Integrationsministerium, das gleichzeitig „Ministerium für französische Nationalidentität“ ist. Der Anlass: Im Juli 2010 hatte das französische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das es verbietet, das Gesicht in der Öffentlichkeit durch einen Niqab zu verschleiern. Seit Mitte April ist das Gesetz in Kraft, Dutzende Trägerinnen wurden seither verwarnt. Auch in Belgien wird es ein solches Verbot geben. Das Video, so die beiden jungen Frauen, soll dazu dienen, die Lage zu entdramatisieren: Ein Gesichtsschleier ist zunächst einmal einfach nichts als ein Kleidungsstück.

In den Kolonien war der Weg mit Kleidervorschriften gepflastert

Dem Verbot, im öffentlichen Raum das Gesicht zu verschleiern, haben sich europäische und nordamerikanische Staaten wie Belgien, Spanien oder Kanada angeschlossen. In Deutschland werden Burka und Niqab eigentlich nur im Sommer für ein paar Wochen gesichtet – in  Münchner Luxushotels und Luxusbouti­quen. Vorerst sind die Gerichtshöfe mit der Frage beschäftigt, ob Beamtinnen, etwa als Lehrerinnen, das Kopftuch tragen dürften. Begleitet werden diese Abwägungen von hitzigen Debatten in den Medien. Der europäische Gerichtshof ist bereits mit der Frage befasst, ob Kleidervorschriften nicht gegen das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung verstoßen.

Für sich genommen sind diese Gesetze und die in sie investierte Aufregung erstaunlich. Kleidervorschriften gab es in Europa zuletzt in Mittelalter und früher Neuzeit. Da schrieben Luxusgesetze die zugelassene Breite des Pelzkragens, Tiefe des Dekolletés millimetergenau vor. Schon Ludwig XIV. verzichtete darauf, per Erlass oder Gesetz zu regulieren, was man tragen durfte. Mit der französischen Revolution siegte endgültig die Freiheit, zu tragen, was man will. Nicht Kleidervorschriften, sondern Anstand, Sitte und Geschmack – kurz: Mode – bestimmen seither, was man trägt. Allerdings erhielt diese Haltung im Zusammentreffen ­Europas mit seinen Kolonien eine andere Note. In den Kolonien und Ländern, die wie der Westen werden wollten, war der Weg mit Kleidervorschriften gepflastert. So verpflichtete ein kaiserlicher Erlass die japanischen Staatsdiener – Lehrer, Polizisten, Eisenbahner – um 1900, den Kimono abzulegen und sich westlich zu kleiden.

Religiöse Bedeutung bekam die Burka erst jetzt in reaktionären Staaten

Eine besondere Rolle war der weiblichen Verschleierung in der Auseinandersetzung zwischen westlicher Moderne und Orient bestimmt. Die Frage nach der Moderne wurde durch die Kleider auf dem Körper der Frauen ausgetragen. Der Niqab ist ein gutes Beispiel. Er diente ursprünglich keiner religiös motivierten Verschleierung, sondern war pragmatisch motiviert: Männer und Frauen trugen ihn zum Schutz gegen Sand und Sonne. Zum Bestandteil der Frauenkleidung wurde der Niqab erst Anfang des 20. Jahrhundert. Um westlichen Einflüssen in KonstantinopelIn Konstantinopel wird 16. Mai 1204 ein lateinisches Kaiserreich begründet, die ostkirchliche (orthodoxe) Regentschaft also unterbrochen. Im Verlauf des vierten Kreuzzuges war Konstantinopel im April des Jahres 1204 erobert worden. Die Ritter wählten Balduin IX. von Flandern und Hennegau zum Herrscher. Dieser bestieg als Balduin I. den Thron und wurde in der Hagia-Sophia-Kathedrale feierlich gekrönt. Doch bereits ein Jahr später geriet er bei einem Feldzug gegen die Bulgaren in Gefangenschaft. Das weitere Schicksal Balduins liegt im Dunkeln. Konstantinopel blieb nur bis zum Jahr 1261 unter lateinischer Herrschaft. Einhalt zu gebieten, führte ihn Abdülhamid II. ein, aber das war nicht von Dauer; eine kurze Blüte erlebten Niqab und Burka nur auf der arabischen Halbinsel. Zum religiösen Mittel wurden sie erst jetzt in reaktionären Staaten wie dem Iran oder Afghanistan, wo Frauen ausgepeitscht werden, wenn sie sich nicht korrekt verschleiern – ein Phänomen, das aus der Konfrontation herrührt. Atatürk, der Abdülhamid stürzte, führte die Türkei mit Aplomb in die Moderne und verbot im laizististischen Staat nicht nur die Verschleierung, sondern auch das Tragen des Kopftuchs in öffentlichen Räumen. Erst jetzt wurde das Kopftuch zum rückständigen, religiös motivierten Kleidungsstück. In der Türkei durften Richterinnen, Anwältinnen, Professorinnen, auch Politikergattinnen bis vor kurzem kein Kopftuch tragen.  

Im Kampf um Kopftuch, Niqab und Burka geht es um das Verhältnis von Frauen und öffentlichem Raum, und dieses Verhältnis wurde in den europäischen Kolonien nicht nur durch ­Gesetze, sondern durch Gewalt geregelt. Der erste britische Ge­neralkonsul in Ägypten, Evelyn Baring, ließ Frauen gewaltsam entschleiern, hatte aber mit Frauenemanzipation nichts im Sinn; zu Hause gründete er einen Verein gegen das Wahlrecht der Frauen. Der koloniale Aspekt gab dem religiösen Revival der Verschleierung eine verschärfende Pointe.

Manche Feministinnen meinen die Moderne mit antimodernen Mitteln verteidigen zu müssen

Interessant ist angesichts dieser gemischten Geschichte, dass die Moderne, wie sie in der westlichen Mode Gestalt gewonnen hat, ausgerechnet in Europa unter Druck geraten ist. Regierende verhalten sich mitten im Westen ähnlich wie Atatürk, manche Feministinnen wie Alice Schwarzer und Elisabeth Badinter stehen ihnen dabei zur Seite und meinen, die Errungenschaften der ­Moderne mit antimodernen Mitteln verteidigen zu müssen. Wer vehement gegen Kopftuch und Verschleierung kämpft, meint ­darin die Fahne des Islamismus und mit ihr die Unterdrückung der Frau durch Ehemänner, Brüder und Väter zu bekämpfen. Mädchen und Frauen, die das Kopftuch tragen, spricht man ­kurzerhand die Selbstbestimmung ab. In islamischen „Gottes­kriegern“ sehen die modernen Gesellschaften ihre eigene, Gott Gott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. sei Dank überwundene Vergangenheit auferstehen: militantes Patriarchat, Frauenunterdrückung. Kopftuch und Niqab werden zu Inbegriffen dessen, was eines der zentralen Ziele moderner Gesellschaften negiert: die Gleichheit der Geschlechter.   

Bei genauerem Hinsehen halten diese Interpretationen nicht stand. Zu offenkundig handelt sich um ein krasses Missverständnis. Viele, die heute Niqab und Burka tragen, sind Konvertitinnen. Und viele tragen sie, obwohl ihre Mütter sie nie getragen haben und ihre Väter finden, dass das einer Integration in die westliche Gesellschaft hinderlich sei. Diese traditionellen Kleidungsstücke sind oft zu modischen Statements geworden, längst nicht mehr einfach Zeichen von Unterdrückung, sondern sie können auch einen bewussten Gegenentwurf zu westlichen Standards moderner Weiblichkeit signalisieren. Für viele sind sie Kommentar zur Weise, in der sich im Westen das Erscheinen von Frauen in der Öffentlichkeit entwickelt hat. „Wer von Frauen verlangt, dass sie ein Kopftuch tragen, macht sie zu einem Sexualobjekt, das sich verhüllen muss“, sagt Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Wer dagegen selbst wählt, ein Kopftuch oder einen Niqab zu tragen, macht darauf aufmerksam, wie Frauen im öffentlichen Raum als Sexualobjekt funktionieren. Diese doppelte Botschaft zeigt das Video „Niqabitch“.

Im Körperkult der Gegenwart werden Frauen zum Sexualobjekt gemacht

Mit sexualisierter Weiblichkeit lässt sich vom Autoreifen bis zur Pizza alles an die Frau und den Mann bringen.  Das war schon dem französischen Schriftsteller und Kritiker der Moderne Émile Zola aufgefallen. Als Bild für den Konsum wählte  er die Prosti­tution: eine kopflose, in hinreißenden Stoffen entblößte Schaufensterpuppe, die an der Stelle des Kopfes ein Preisschild trägt. Man muss Zolas Modernekritik nicht teilen. Aber selbst ein unbefangener Blick zeigt, dass es in der Erscheinung der Körper im öffentlichen Raum nicht um die anlässlich des Kopftuchstreits ins Feld geführte Gleichheit der Geschlechter geht. Es geht nicht wenigen Frauen darum, den weiblichen (und ausschließlich den weiblichen) Körper mit allen Mitteln erotisch ins Bild zu setzen. Der moderne Mann hingegen verhüllt die Zonen, die in der alten Aristokratie dem männlichen Sexualprotz vorbehalten waren – Po, Beine, Geschlecht.

Man kann die umfassende Erotisierung bejahen und genießen. Oder man kann sie verleugnen, wie das viele Politikerinnen von Berufs wegen für nötig halten. Aber man muss blind sein, wenn man nicht sieht, dass Frauen im Körperkult der Gegenwart  zum Sexualobjekt gemacht werden – und es als Zeichen ihrer Freiheit nehmen, sich dazu anziehend reizend zu machen. Niqab und Kopftuch bringen diesen Sachverhalt mit theatralischer Gewalt auf die Bühne der Öffentlichkeit. Statt sie gewaltsam zu verbannen, schwankend zwischen alten Ängsten und neokolonialen Attitüden, könnten wir sie zum Anlass nehmen, über die Rolle der Erotik in der Öffentlichkeit nachzudenken.

Leserkommentare

Provinz D

Die Rolle der Erotik in der Öffentlichkeit", Ästhetik ist mit lieber, ferner Individualität, Toleranz des Geschmacks, Sachlichkeit, Akzeptanz, Wahrung der Distanz, hier ist die Symbolik der Burka, unabhängig von ihrer religiösen Vereinnahmung, bedeutend im Sinne des Schutzes der Weiblichkeit, der Erotik, der öffentlichen Entblössung, wie sie in unserer Kultur so völlig missachtet, misskreditiert werden. Verborgene Schönheit, gekonnt, gezielt, bewusst..., und unschuldig, weil natürlich, und frei nach dem Motto: Lass die Leute reden ! Vorurteile und Intoleranz sollte man einfach ignorieren, in diesem Falle ganz eindeutig! Wer allerdings provozieren will, darf sich über Anfeindung nicht wundern, sie ist eine der natürlichsten Reaktionen von der Welt!

@ Thomas Logemann Zur Info:

@ Thomas Logemann Zur Info: Die Aleviten verstehen sich aus ihrem Selbstverständnis nicht als Muslime. Quelle: Ein Vortrag den ich anhörte des Stellvertretenden Vorsitzenden des Verbands der Aleviten. Burka – beide sind Ausdruck von Individualität Selten solch einen Schwachsinn gehört. Hatten sie die Burka schon einmal probeweise angezogen? Nein? Ich schon!

Kleines Schwarzes

Endlich mal ein Beitrag der sanior, wenn auch leider nicht maior pars zu diesem leidigen Thema. Sicher gibt es Länder, die aus antiwestlichem Impetus Kopftuch oder gar Burka vorschreiben und damit Zwang und Unterdrückung ausüben. Ebenso sicher gibt es Einzelpersonen, die derlei freiwillig tragen, z.B. aus den von Vinken genannten Gründen. Wie will der Staat diesem Personenkreis gegenüber begründen, dass sie auf Postämtern und Behörden nicht mehr bedient werden dürfen? Das ist, als sagte man: Schön, dass bei euch kein Zwang vorliegt, freut uns, nur gibt es diesen Zwang leider, deshalb verbieten wir seine Ausdrucksformen und ihr Freiwilligen seid da gewissermaßen Kollateralschaden. Noch nie in der Geschichte ist der Teufel erfolgreich mit dem Beelzebub ausgetrieben worden, wenn das zum leitenden Prinzip der Gesetzgebung wird, können wir uns noch auf einiges gefasst machen.
Btw: Hübsches Video, der Rap (Beastie Boys) ist übrigens in keinster Weise sexuell explizit (http://www.youtube.com/watch?v=mfcefpoCj0M&feature=related), und dass die "Niquabitches" ihr Video mit jüdischem Rap unterlegen, ist nur ein weiteres Zeichen ihres ideologiefreien Zugangs.

Es bleibt anzumerken: Bhurka,

Es bleibt anzumerken: Bhurka, Tschaddor, Hijab - sind keine "islamischen Vorschriften". Muhammad hat im Qur'an "den Frauen" geboten, sich "züchtig" zu bedecken. Erst die islamischen Rechtsschulen haben in 1.400 Jahren daraus einen "Zwang zur Vollverschleierung" entwickelt. Liberale Muslime und Muslima wie Qur'anniten, Aleviten, Teile der Ahmadiya, lehnen solche "Ganzkörperkondome" ab.

Es bleibt weiter anzumerken dass das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit selbstverständlich auch für Muslima gilt. Wenn also eine muslimische Frau aus freien Stücken eine Ganzkörperverschleierung trägt, so ist das ihr ureigenes Recht und kein Gesetz, kein Staat, keine ReligionUnter Religion versteht man die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu Gott, dem Göttlichen oder, ganz allgemein gesprochen, dem Transzendenten. Sie zeigen sich in Gebeten und Festen, in Ritualen, Liedern und Bräuchen. Der Ursprung des Wortes Religion liegt im lateinischen Wort religere (deutsch: zurückbinden). In diesem Sinne bedeutet Religion die Rückbindung des Menschen an Gott. Heute hat sich im Christentum die Auffassung durchgesetzt, dass sie nicht als einzige Glaubensgemeinschaft eine authentische Rückbindung an Gott hat. Auch bei den maßgeblichen Führern anderer Weltreligionen gilt Toleranz zwischen den Religionen zunehmend als erstrebenswert, da jeder Glaube an Gott auch kulturell geprägt ist. hat das Recht sich darin einzumischen.

Liebe Frau Vinken, vielen

Liebe Frau Vinken, vielen Dank für diesen anregenden und erfrischenden Beitrag in der oft so pseudoliberalen Diskussion um dieses Thema. Besonders gelungen fand ich ihre Kritik an den „antimodernen Mitteln zur Verteidigung der Moderne“. Es fällt mir schwer zu verstehen, wie die Vorreiterinnen der Frauenbewegungen, die gegen die polemisierenden Medien um jeden Zoll Freiheit kämpften, sich nun so bereitwillig vor ihren Karren spannen lassen, um genau das zu reklamieren, was sie einst forderten: Die Selbstbestimmung der Frau auf allen Ebenen. Wie absurd es ist die Selbstbestimmung um der Selbstbestimmung Willen aufheben zu wollen!

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