Philosoph Alexander Grau über Authentizität

Kann man natürlich, echt, authentisch sein?
Alles Selbstbetrug! Und eine ängstliche Abwehrreaktion gegen die Moderne, findet der Philosoph Alexander Grau

Alexander Grau

Alexander Grau, geboren 1968 in Bonn, studierter Philosoph, ist Wissenschafts- und Kulturjournalist. Er veröffentlicht zu Themen der Philosophie- und Ideengeschichte, insbesondere zur Philosophie-, Theologie- und Kulturgeschichte der Moderne. Sein besonderes Engagement gilt einem modernen, liberalen Protestantismus.

„Natürliche Schönheit kommt von innen“ – mit diesem Slogan warb in den 80er und 90er Jahren ein großes Pharmaunternehmen für ein Präparat, das schöne Haut, feste Fingernägel und glänzendes Haar versprach. Abgesehen von der unfreiwilligen Komik, die darin liegt, dass ausgerechnet ein Pharmaunternehmen das Ideal der Natürlichkeit propagiert, gibt dieser Werbespruch auf eine ebenso geniale wie einfache Art nicht nur die Träume und Ideale unserer Gesellschaft wieder, sondern vor allem auch ihre Irrungen und Wirrungen.

Schönheit mag alles Mögliche sein, eine höchste Idee etwa oder ein absolutes Ideal, nur eines ist sie mit Sicherheit nicht – natürlich. Schönheit ist ein ästhetischer Begriff. Und das bedeutet, dass sie nur im Kopf des Betrachters existiert. Das Schöne, ebenso übrigens wie das Gute, ist eine Erfindung des Menschen. Was unter anderem zur Folge hat, dass darüber, was als schön zu gelten hat, die Meinungen teilweise erheblich auseinandergehen. Verlängerte Hälse, vergrößerte Ohren, Fettleibigkeit gelten in der einen Kultur als Zeichen großer Schönheit – woanders werden sie als ausgesprochen hässlich und entstellend empfunden.

Eine ewige, zeitlose Natur gibt es nicht

Vermutlich war es sogar die Erfahrung mit anderen Kulturen, die Menschen immer wieder dazu brachte, einen Anker zu suchen, einen festen Punkt, an dem sich ihre jeweiligen Wertvorstellungen festmachen ließen. Ein idealer Kandidat, um menschliche Normen dem Bereich des Zufälligen und Beliebigen zu entziehen, schien dabei die Natur zu sein. Doch gerade sie erweist sich bei näherer Betrachtung als alles Mögliche, nur nicht als statisch und un­veränderlich. Jedes Bild einer ewigen, zeitlosen Natur ist eine menschliche Konstruktion, ebenso wie die Normen und Werte, die es legitimieren soll.

Die Vorstellung einer „natürlichen Natur“ scheitert nicht nur daran, dass es eine ewige, zeitlose Natur nicht gibt. Ebenso unmöglich ist es, innerhalb der Naturgeschichte einen Zeitpunkt anzugeben, ab dem etwas Unnatürliches die angeblich unberührte Natur zu entstellen begann. Mangels greifbarer Alter­nativen wird meist eine menschliche Entwicklungsstufe als ein solcher Wendepunkt ausgegeben. Doch welche menschliche ­Entwicklungsstufe sollte das sein? Urvölker, die ja auch Feuer, Waffen und anderes Gerät besitzen, mit dem man allerlei Unfug anstellen kann, finden zumeist noch Gnade vor den Augen der Naturfreunde. Aber wo beginnt dann der große Entfremdungs­prozess? In der Antike? Im Mittelalter? Ist die Erfindung des Rades noch natürlich, die des Verbrennungsmotors aber nicht mehr?

Der Mensch - die Krone der Schöpfung?

Die Idee, dass es überhaupt etwas „Unnatürliches“ gibt, beruht auf einer Umwertung der jahrtausendealten Vorstellung, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Stattdessen erscheint er nunmehr als deren Fremdkörper. Zweifellos stellt der ursprüngliche Gedanke, dem Menschen einen Platz gleichsam außerhalb der Natur zuzusprechen, eine enorme zivilisatorische Leistung dar. Sie besteht darin, einen kulturellen Bereich zu definieren, in dem nicht die Gesetze des Tierreiches gelten, sondern menschliche ­Regeln.

Dort, wo Tiere instinktiv handeln, gab sich der Mensch ethische und soziale Normen, an die er sich – zumindest hin und wieder – sogar hält. Diese menschliche Kultur ist jedoch weder erhabene Geistessphäre noch widernatürliche Gegennatur. Sie ist eine weitere Stufe der Evolution, die es Lebewesen ermög­licht, neue Formen des sozialen Handelns zu entwickeln. Kultur und Zivilisation sind Natur. Es gibt auf dieser Welt nichts Künstliches.

"Natürlichkeit" ist ein ideologischer Kampfbegriff

Was natürlich ist und was nicht, hat daher mit objektiven ­Tatsachen wenig, mit Ideologie umso mehr zu tun. „Natürlichkeit“ ist ein ideologischer Kampfbegriff. Wer Natürlichkeit für sich, für andere, für eine Idee oder einen Lebensstil beansprucht, geht ­davon aus, dass die Natur irgendwie gut, wertvoll und richtig ist, all das hingegen, was nicht natürlich ist, schlecht, schädlich und falsch. Als geistiger Vater dieses Denkens muss der Genfer Philosoph und Privatgelehrte Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) gelten. Anders als die meisten Theoretiker vor ihm sah er als Grund allen Übels nicht etwa die angeborene Natur des Menschen, seine Neigung zu Gewalt und Grausamkeit, sondern die Zivilisation.

Rousseau wird damit zum Vordenker einer unguten Tradition, die, ausgehend von der Romantik, das geistige Klima, besonders in Deutschland, nachhaltig geprägt hat. Insbesondere ab den 1880er Jahren bestimmen zunehmend antimoderne Strömungen das geistige Klima in Deutschland. Man sehnt sich nach einem natürlichen, echten und authentischen Leben. Zugleich wird alles bekämpft, was als degeneriert und entartet empfunden wird.

Eine angstbesetzte Abwehrreaktion gegen die Moderne

Dazu zählen die moderne Großstadtkultur, technischer Fortschritt und wissenschaftlicher Vernunftglaube. Auch Individualismus, Freiheit und Demokratie gelten als widernatürlich. Ein zentrales Element dieser geistigen Gemengelage ist zudem der Antisemi­tismus, da „jüdische Wissenschaft“, „jüdisches Finanzkapital“ und „jüdischer Intellektualismus“ als Ursachen für die Entzauberung der Welt, die Kälte globaler Märkte und den angeblichen Sittenverfall ausgemacht werden.

Die Sehnsucht nach Natürlichkeit und Authentizität ist eine angstbesetzte Abwehrreaktion gegen die Moderne. Die folgenschwerste unter den antimodernen Bewegungen war sicher der Nationalsozialismus. Allerdings finden sich zivilisationsfeindliche Naturverehrung und Antiintellektualismus nicht nur bei der extremen politischen Rechten, sondern auch bei Teilen der fortschrittsskeptischen Linken, namentlich der Ökologiebewegung.

Protestanten und der ideologische Naturbegriff

Dort proklamiert man dann einen naturnahen Lebensstil, hängt esoterischen Lehren an, schwört auf Homöopathie und Tradi­tionelle Chinesische Medizin, klagt Konsumverzicht ein und warnt vor den Folgen einer aus dem Ruder laufenden Individualisierung. Dass man sich in diesen Kreisen gerne auch als Israelkritiker profiliert, sei nur am Rande erwähnt.
 
Protestanten, könnte man meinen, sind gefeit gegen diesen ideolo­gischen Naturbegriff. Doch gerade protestantische Milieus weisen heutzutage häufig eine bedrückende Nähe zu zivilisationskritischem und antimodernem Gedankengut auf. Ein Blick in den Veranstaltungskalender eines Kirchentages oder in das Angebot christlicher Buchhandlungen genügt, um zu sehen, dass Wissenschaftsfeindlichkeit und Esoterik gerade unter den engagierten Protestanten weit verbreitet sind.

Trekkingsandalen: ein Ausdruck von Ernsthaftigkeit?

Der ehemalige „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege verkaufte einige Zeit seine „Fliege-Essenz“, der er durch Gebet „Trost und Kraft“ beimischte. Zur Schau getragen wird solche Unkultur häufig durch eine modische Selbstinszenierung, die schon äußerlich eine Absage an Geschmack und Zivilisation darstellt, als ob Allzweckjacken und Trekkingsandalen Ausdruck von Ernsthaftigkeit, gut geschnittene Anzüge und rahmenge­nähte Oxfords ein Zeichen von Oberflächlichkeit wären.

Die Neigung zur Zivilisationskritik liegt in der Geschichte des Protestantismus begründet. Unter dem Kampfruf „Allein durch die Schrift!“ wendete sich die Reformation gegen alles, was das Christentum in den Jahrhunderten zuvor kulturell überbaut und verzerrt hatte. Was als theologisches Anliegen im Namen der Freiheit jedoch richtig und legitim war, um Machtansprüche zu hinterfragen, deren einzige Legitimation die Tradition war, wird – übertragen in andere Lebensbereiche – totalitär, geistlos und inhuman.

"Lasst uns unnatürlich sein!"

Die Idee ursprünglicher Natürlichkeit ist Selbstbetrug und, wie die deutsche Geschichte lehrt, ein gefährlicher dazu. Die Kirchen sind gut beraten, wenn sie sich hüten, die Sehnsucht nach einer Flucht aus der modernen, technischen Welt auch noch zu bedienen. Gerade Protestanten sollten vor dem Hintergrund ihrer stolzen ­Bildungs- und Wissenschaftstradition die moderne Lebenswelt euphorisch bejahen und verteidigen.
 
Mehr Mut! Lasst uns un­natürlich sein, zivilisiert, verfeinert, rational und – wem es beliebt – auch dekadent. Denn Wissenschaft, Kunst, Genuss und Kultur sind Erfindung des Menschen – Feste des Humanen.

Lesermeinungen

Im Tenor, in der großen Linie stimme ich dem Beitrag zu, daß der Gebrauch des Wortes natürlich kritisch reflektiert geschehen soll. - Authentisch dagegen wird in der Gleichsetzung zu echt und natürlich falsch verstanden, da es sich auf die Identität von Denken, Kommunizieren und Handeln bezieht. Das ist nicht mit der Rede vom Natürlichen, von der Gleichsetzung von Natur mit "irgendwie gut, wertvoll und richtig" gleichzusetzen. Mit der Wertschätzung des Individuums hat authentisch viel zu tun.
Vor allem aber bedarf (wie ich meine) der Hinweis auf Rousseau als den "geistigen Vater dieses Denkens" einiger kritischer Anmerkungen. Die Wende gegen Rousseau halte ich für sehr verkürzt, weil Rousseaus Begriff des Naturzustandes platt realistisch, verdinglicht gelesen wird. Bei den folgenden Passagen (S. 39) wird dann nicht klar genug, ob sich die Aussagen auf Rousseau selbst oder auf ihn als "Vordenker einen unguten Tradition" beziehen. Bei Rousseau selbst wäre die "Abwehrreaktion gegen die Moderne" subtiler darzustellen, weil er Positionen der "Dialektik der Aufklärung" vorwegnimmt und die modernen Zentralbegriffe Freiheit und Gleichheit selbst als brüchig und in sich widersprüchlich, eben als Quelle einer Wende gegen Freiheit und Gleichheit als Verlassen der Natur interpretiert. Der Naturzustand steht nicht für eine Realität, sondern er ist ein Konstrukt der freien und gleichen Möglichkeiten des Einzelnen und der Gemeinschaft. Den Chancen, sich diesem vergangenen, vergehenden Zustand so weit wie möglich individuell oder gemeinschaftlich sich zu nähern, widmen sich Emile und der Contrat Sociale, aber im zweiten Diskurs über die Ungleichheit ist klar die Rede davon, daß das Ideal nie in toto rekonstruiert werden kann. Das führt zur letzten Anmerkung zu dem Beitrag in Ihrer Zeitschrift: Der großen Intention kann ich folgen, aber - mit Rousseau, Horkheimer/Adorno, Theoretikern des deutschen Idealismus und vielen anderen, politisch z.B. M. Weber - die Moderne hat auch ihre dunklen Seiten, ihre Auf- und Abspaltungen, keineswegs mündet sie so bruchlos und vollkommen in die "Feste des Humanen." Gerade Rousseau ist ein Autor, der solche Brüche darstellt und faßbar werden läßt. Eine Kritik Rousseaus sollte folglich detaillierter und subtiler ausfallen. Irreführend ist es vor allem, wenn so platt, wie dies im Artikel geschieht, ein Bogen von Rousseau zur Romantik, zum Antisemitismus und Nationalsozialismus gezogen wird. Die Kritik der "der fortschrittsskeptischen Linken, namentlich der Ökologiebewegung" dürfte dann auch etwas umfangreicher ausfallen. An diesen Stellen wäre wohl weniger mehr gewesen, es fallen einfach zu viel Begriffe, von jeder ein Wort mehr verdienen würde.
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In der Summe sehen Sie aber auch, daß der Artikel Ihres Autors anregend ist.
 

Wow, starker Tobak gegen ein Weltverständnis, das Zivilisation abtut und als Ausgeburt des Bösen brandmarkt. Dabei kann man dann auch so schön sicher sein, im Kampf gegen so etwas Künstliches wie Wirtschaft und Technik auf der guten Seite zu stehen. – Insofern also Zustimmung zur Entlarvung eines falschen Begriffs des „Guten“.

Allerdings Vorsicht: Die Trennlinie zwischen Gut und Böse war zu allen Zeiten unscharf und ist es heute mehr denn je. Unsere Lebenswelt wird zunehmend komplexer, und nach den Gesetzen solcher Systeme („Chaostheorie“) sind wir außerstande, die Folgen unseres Tuns abzuschätzen. Wir können also die Grenze zwischen Gut und Böse unseres Handelns kaum erkennen. Ein bedrückendes Beispiel: Nicht einmal Albert Schweitzer konnte in seinem ethischen Impuls ahnen, dass die Verbreitung westlicher Medizin die schlimmste aller Umweltkatastrophen heraufbeschwören würde: das grenzenlose Wachstum der Menschheit.

Gut und Böse sind ineinander verwoben, und auch wir können die Folgen unseres Tuns nicht beurteilen. Richtig, bloßes „Gutmenschentum“ ist unbedarft. Doch was wir brauchen sind Denkwege, die Gefahren nicht „fühlen“ („Bio ist gut und Chemie ist böse“), sondern sie frühzeitig rational zu erkennen versucht. Das Feld darf weder Technokraten oder Ökonomen überlassen werden, noch dürfen selbsternannte Moralapostel darüber befinden. Wissenschaft, Philosophie und Religion, jene Dreiheit der Universitas literarum, die sich aus berechtigten Gründen in der Aufklärung trennte, steht heute vor der Notwendigkeit, wieder zueinander zu finden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Der Philosoph Alexander Grau scheint in seinem Artikel einem klassischen Missverständnis aufgesessen zu sein. Rousseau wollte keineswegs, dass die Menschen, wie man ihm polemischerweise gerne vorwarf und vorwirft, wieder auf den Bäumen hocken. Und die Ausdrücke "Antiintellektualismus" und "Antimodernismus" sind selbstverständlich auch nichts anderes als Kampfbegriffe, mit denen die Haltung bestimmter Menschen diskreditiert werden soll. Es geht hier nämlich nicht um die Hochpreisung der Dummheit und auch nicht um irgendeine Ewiggestrigkeit oder Hinterwäldlerei. Es geht um die Pflicht des denkenden Menschen, die Gesellschaft möglichst differenziert zu betrachten und gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu erkennen und das auch auszudrücken. Alles Moderne a priori als gut anzusehen, ist naiv und vielleicht auch das größte Problem unserer Zeit. Ihrem Autor ist hier in seinem tatsächlich etwas verwirrten Artikel einiges gehörig durcheinandergeraten.

Dieser Beitrag von Herrn Grau, Professor für Philosophie in München, ist symptomatisch für den kranken Protestantismus, den Sie propagieren; er zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Publikationen.

Ich bin völlig davon überzeugt - im Gegensatz zu Ihrem Autor -, daß Schönheit nicht nur natürlich, sondern eben göttlich ist.
Ein Beispiel: Ich gehe an der Alster in Hamburg spazieren, eine Möwe legt eine geknackte Miesmuschel auf ein Brückengeländer, beide Hälften liegen so, als warte der vom Papst erwähnte "creator spiritus" nur darauf, daß jemand diese zwei Hälften an sich nähme. Ich tue es und bin fasziniert vom Perlmutt der
Muscheln, die außen unansehnlich, innen aber wundervoll und bunt glitzernd sind, ausgesprochen schön.

Diese Muscheln sind natürlich, sie sind es immer gewesen, und ich denke: zu jeder Zeit und Epoche, hat der Betrachter diese Innenwelt des Gegenstandes als etwas faszinierend-schönes empfunden.

Warum zweifelt Ihr Autor daran?

Ich muss mich nicht zwingen oder erst kulturell definieren, um Schönheit zu sehen; es braucht freilich ein gesundes Auge. Und wäre natürlich. Oder auf Altgriechisch: "haplous" - einfach.

Ob Herr Grau das hat? Ob Sie das haben, als pseudo-christlicher Weichspüler?

Nach Lesen des Artikels habe ich mich gefragt: Ist das Satire, Provokation oder Ignoranz? Geht es dem Autor um Auswüchse oder Verunglimpfung der Öko-Bewegung?
Ohne auf die Aussagen eingehen zu wollen, kann es bei dem derzeitigen Bevölkerungswachstum mit steigendem Ressourcenverbrauch ein "Weiter-so"
nicht geben, wenn die "Krone der Schöpfung" noch eine Zukunft haben will.
Ich fühle mich weder als Antisemit noch als Öko-Faschist, wenn ich die Siedlungspolitik Israels verurteile, als Liberaler das Primat der Politik über die Finanzwirtschaft fordere, Novalis schätze und mir die "Ehrfurcht vor dem Leben" ein Leitbild ist.

ich möchte Ihnen an folgender Stelle widersprechen:

Zitat: „Als geistiger Vater dieses Denkens muss der Genfer Philosoph und Privatgelehrte Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) gelten. Anders als die meisten Theoretiker vor ihm sah er als Grund allen Übels nicht etwa die angeborene Natur des Menschen, seine Neigung zu Gewalt und Grausamkeit, sondern die Zivilisation.“

Ich bin der Ansicht, dass das Problem der Verantwortlichkeit für den „Sündenfall“ schon viel früher thematisiert wurde, nämlich eben in der von Ihnen zitierten „jahrtausendealten Vorstellung“, dass der Mensch als „Krone der Schöpfung“ geschaffen wurde. Diese Vorstellung begründete für die damalige Zeit logisch, warum sich der Mensch vom instinktgebundenen Tier durch ein entscheidungsfähiges Bewusstsein unterschied: war er doch von Gott selbst als Verwalter der gesamten belebten und unbelebten Schöpfung auserkoren. Mit der Entscheidungsfähigkeit schlich sich die „Schlange“ ins Paradies, die Möglichkeit falsche Entscheidungen zu treffen, die der perfekten göttlichen, „natürlichen“ Ordnung zuwiderliefen. Insofern ging Rousseau völlig konform mit den Autoren der biblischen Schöpfungsberichte, als dass Gott eben nicht die menschliche Grausamkeit und Gewalt schuf (höchstens die Systemvoraussetzungen dazu), sondern der Mensch selbst sich diese üble Software nachträglich auf seine ursprünglich göttlich-saubere Festplatten aufgespielt hat. Und da Gott den neugeschaffenen Verwalter nach dem Schöpfungsbericht nicht allesamt in fertige Städte und Dörfer setzte, war das, was die Menschen nach und nach aus eigener Kraft schufen – eben die Zivilisation – mit dem Makel der falschen Entscheidung behaftet.

Sie haben in einem Punkt recht: Hätte Gott völlige göttliche Natürlichkeit seiner Schöpfung gewollt, so hätte er den Menschen als Diener der Schöpfung ohne eigenen Willen erschaffen müssen. Wir lebten glücklich, aber in unabänderlicher Ignoranz, wie die Menschen in Aldous Huxleys „Brave new World“: Mag sein, dass so mancher sich heute in Zeiten der Globalisierung und Eurokrise dieses „Paradies“ wünscht ohne zu wissen, dass der Preis für völliges Glück immer der Verlust der Freiheit sein muss.

Ich danke Ihnen für diesen höchst interessanten Artikel und die Nüsse, die Gott mir durch Sie wieder einmal zu knacken gegeben hat!

Liest man den Text von Alexander Grau mit seiner haarsträubenden Kritik des klassischen Protestantismus, falls man es so nennen darf, so müsste man meinen, die Protestanten seien vollkommen rückständig in ihren Ansichten.
Meint der Autor allen Ernstes den heutigen Protestanten damit ? Ich kann es kaum glauben.
Ich selbst fühle mich durch die Art der Internetpseudokommunikation völlig angewidert. Diese Art der Kommunikation ist doch zeitgemäss und fprtschrittlich, aber es ist eine große Illusion, zu glauben, dies hätte Zukunft. Das Internet ist ein sehr zweifelhaftes Medium für zwischenmenschliche Kommunikation.
Es verleitet zu verbalen Schnellschüssen ala Alexander Grau.
Nein, danke.

Rückwärtsgewandt, auf hohem Reflexionsniveau! Herr Grau sollte begreifen, dass Ökologie und Nachhaltigkeit (und das darin enthaltene Authentizitätskonzept) zentrale Hoffnungsbegriffe des 21. Jahrhunderts sind. Nachzulesen z.B. in dem Werk des nach vorne orientierten Philosophen Gernot Böhme. W. Ley / Heidelberg

Zu: chrismon 11/2011, Seite 38: doppelpunkt

Der traditionelle Naturbegriff bezieht sich auf die Schöpfung des gesamten Kosmos‘, insofern sie kein Produkt menschlicher Aktivität ist. Die wissenschaftlich fundierte Ökologie bezieht die Rolle des tätigen Menschen in den Wirkzusammenhang der Naturprozesse mit ein. Jean-Jacques Rousseaus überspitze Warnung »Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen« hat somit ihre seriöse Grundlage und Berechtigung. Der Urheber einer modernen Gesellschaftstheorie, Pädagogik und Ökologiebewegung spricht keineswegs der menschlichen Untätigkeit das Wort. Was wir in unserer hoch zivilisierten und technisierten Welt erreichen können, zeigen die ersten Erfolge einer ökologisch bestimmten Korrektur der verheerenden Eingriffe in den Naturzusammenhang. Allerdings hat dieser Kampf gerade erst begonnen; und ob wir ihn gewinnen können, ist noch nicht ausgemacht. Alexander Grau gießt mit seiner Kritik an JJR und der Ökologiebewegung das Kind mit dem Bade aus. Er trägt damit zur Verharmlosung unserer rüden Ausbeutung der lebensnotwendigen Ressourcen bei.
Alfred Schubert, Wunstorf-Steinhude

Hallo, verfolgt man Ihren Gedanken konsequent weiter, nämlich, dass man ursprüngliche Natürlichkeit, Echtheit und "Originalität" ablehnt, kann man ganz schnell Menschen ausgrenzen oder unterdrücken, die "anders" sind. Eine Haltung, die nur die Zivilisation, Verfeinerung, Manieren, Vernunft und Rationalität gelten lässt und alles andere herabwürdigt (zum Beispiel das Gefühl, das Empfinden, die Phantasie, den Genuss, das Schöne) ist intolerant. Früher (und manchmal auch noch heutzutage) wurden zum Beispiel Völker unterdrückt und Kulturen ausgelöscht, denen man Zivilisation, "Verfeinerung", Manieren und Geist absprach. Ich denke da zum Beispiel an die Indianer Nordamerikas, die zu 95% ausgerottet wurden. Nebenbei erwähnt: Ihre Angehörigen und Nachkommen werden auch heute noch unterdrückt; zahlreiche ihrer Sprachen sind vom Aussterben bedroht.) In Afrika ist es ähnlich; die Pygmäen in der Demokratischen Republik Kongo, in Kamerun und in der Zentralafrikanischen Republik sind hart bedrängt. Vielen Angehörigen so genannter "Naturvölker" geht es schlechter, wenn sie "zivilisiert" wurden und heutzutage nach europäischer Art leben (Alkoholmissbrauch, Infektionskrankheiten). Weiter denke ich an die Diskriminierung Behinderter, vor allem von Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung. Lehnt man den "rohen Naturzustand" ab, lehnt man Echtheit und Unverstelltheit ab, kann es leicht dazu kommen, dass man auch Menschen ablehnt, die sich nicht verstellen können oder die man nicht "zivilisieren" kann. Wo ständen wir ohne die Partei der Grünen, die sich so für den Umweltschutz eingesetzt hat? Sicherlich noch nicht dort, wo wir heute stehen, mit Emmissionsschutz, Recycling und der Diskussion über den Atomausstieg. Und was ist bitte gegen einen naturnahen Lebensstil, gegen Homöopathie und gegen die Traditionelle Chinesische Medizin einzuwenden? Die Weltgesundheitsorganisation beispielsweise empfiehlt die Behandlung mittels Akupunktur bei über hundert Krankheitsbildern, zum Beispiel bei chronischen Schmerzzuständen. Was ist dagegen einzuwenden, wenn etwa Richtlinien für die Zulassung neuer Medikamente verschärft werden? Was ist schlecht daran, wenn Lebensmittel auf gesundheitsschädigende Zusatzstoffe hin überprüft werden? Das hat nichts zu tun mit "Naturanbetung". Ich denke sogar noch einen Schritt weiter. Der Schreiber "Doppelpunkt" hat ganz Recht, meine ich. Gerade mit Hilfe des Verstandes und der Zivilisation wurden die furchtbarsten Tötungsmaschinen erfunden, die man sich vorstellen kann. Hätte Hitler sich nicht der modernen Technik bedienen können, hätte es möglicherweise auch keine Gaskammern und keinen Zweiten Weltkrieg gegeben. Christus spricht: "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel." (Matthäus 5, 37. Bei Jakobus 5, 12 heißt es: "Es sei aber euer Wort: Ja, das Ja ist; und: Nein, das Nein ist, auf daß ihr nicht unter das Gericht fallet." - Geradezu ein Aufruf, sich nicht zu verstellen und so zu sein, wie man ist, finden Sie nicht? Vielleicht kommt es nicht so sehr darauf an, ob wir die Natur "anbeten" oder die Technik, ob wir Originale sind oder Kopien, ob wir "zivlisiert" sind oder nicht. Es kommt darauf an, wie man seinen Geist, seinen Verstand, seine Vernunft benutzt. In der Natur (zu der auch wir Menschen gehören!) gibt es nur Vielfalt und Vielgestaltigkeit. Einheit, Gleichheit, Zivilisation, Verfeinerung, Höherentwicklung sind erdachte Vorstellungen. Insofern waren die Nazis, die von "höheren" und "niederen" Rassen ausgingen, widernatürlich. Es ist große Errungenschaft unserer Demokratie, unserer Kultur, unserer Zivlisation, auch unserer Zeit, dass wir - zumindest in den westlich geprägten Ländern - so sein dürfen, wie wir sind. Leider gibt es immer noch Staaten, Völker und Kulturen, in denen Menschen dies verwehrt wird. Dort ist es heute noch so, dass anders Denkende, Behinderte, "Aussteiger" und Originale ausgegrenzt, ins Gefängnis gesperrt, von ihrem Arbeitsplatz entlassen oder schief angeguckt werden. Das süßeste und anziehendste Beispiel unverfälschter Natürlichkeit, des "rohen Naturzustands", sind sicherlich die Babys. Wir lieben sie doch alle, oder?

Sehr geehrter Herr Gau, ich bin wirklich entsetztüber die zusammenhanglose, unstrukturierte und inhaltlich flachbrüstige Botschaft ihres Textes. Kann man natürlich, echt, authentisch sein? Sind für Sie aufgespritzte Lippen, operierte Brüste und gerade gestellte Zähne natürlich oder gar echt? Wenn der Schönheitswahn so weitergeht, dann können wir uns in ein paar Jahrzehnten vielleicht nicht mal mehr mit viel Phantasie vorstellen, wie unsere Kinder ausschauen werden, auf jeden Fall sehen sie uns nicht mehr sehr ! Individualität ist zum Beispiel ein Zeichen von Natürlichkeit, diese versucht man aber mit allen Mitteln zu beseitigen, denn ein Individuum lässt sich nicht so leicht täuschen wie ein erschaffenes Geschöpf, es kennt seinen Wert und wehrt sich gegen Übergriffe. Sicherlich gibt es viele Beispiele für gelungenen Fortschritt in unserer modernen Welt. Die Menschen werden älter, die Ernährung und das Wissen darüber was unser Körper braucht und wie er funktioniert ist zum Größten Teil erforscht und bringt Gesundheit für die Menschen. Doch muss es sein, dass es Kinder gibt, die eine echte Erdbeere nicht mehr identifizieren können, da die meisten Lebensmittel wie z.B. Eis oder Fruchtdrinks nicht mehr aus echten Früchten sondern nur noch aus Farbstoffen und künstlichen Aromen bzw. Geschmacksverstärkern bestehen, ist das auch ein Teil der modernen wissenschaftlichen Entwicklungsschritte gegen die ich mich nicht wehren darf weil sie hunderte von Arbeitsplätzen sichert und mindestens eine Familie richtig reich macht? Auch sterben in unseren so hoch technisierten und erforschten Welt alleine in Deutschland hunderte von Menschen jährlich an den Nebenwirkungen von allopathischen Medikamenten, an homöopatischen oder anderen naturheilkundlichen Mitteln ist noch kein Patient gestorben, sonst wären sie längst verboten worden - ist das auch ein Fortschritt und eine Errungenschaft der Moderne? Ich finde durchaus, dass wir dem Fortschritt und der Moderne viel zu verdanken haben, doch wir vergessen allzu oft, dass Gott allein unser Schöpfer ist! Wenn die Demut und der Wille, Gutes zu tun, hinter dem "selber Gott spielen" und dem "Macht ausüben" zurückstehen, dann bringt der Fortschritt und die Moderne Krieg und Unglück über uns Menschen. Denn eine von der Wirklichkeit Gottes getrennte Weisheit führt uns von einer "wunderbaren" Illusion zur nächsten. Svenja Doyen

Erst lässt sich Margot Käßmann in einer Endlosprozession durch die Medien für ihren Rücktritt bejubeln, dann verwendet sich Wolfgang Huber als Mitglied im nationalen Ethikrat für die Bildung neuer Eliten (zu welchen er sich vor allem selbst zählt) und schließlich präsentiert uns Arnd Brunner mit Alexander Grau einen Protestantismusforscher, der in chrismon mit Plattitüden wie - Gerade Protestanten sollten .. die moderne Lebenswelt euphorisch bejahen und verteidigen. - zu einer Diskussion auffordert (, an der ich mich erst gar nicht beteilige). Was ist eigentlich los in der Evangelischen Kirche? Hat sie es nötig, mit einem Populismus unterster Schublade auf sich aufmerksam zu machen? Ist es denn so schlimm um sie bestellt?

Werner Toporski (nicht überprüft) schrieb am 3. November 2011 um 20:52: "Unsere Lebenswelt wird zunehmend komplexer, und nach den Gesetzen solcher Systeme ("Chaostheorie") sind wir außerstande, die Folgen unseres Tuns abzuschätzen." ------------------------ Worin soll bitte die angeblich zunehmende Komplexität bestehen? Die Einen gehen gehorchen und wählen, die Anderen gehen regieren. Die Einen erledigen geflissentlich ihre Jobs und teilen sich den gewährten Lohn ein. Die Anderen machen damit ihre Geschäfte. Was soll einen daran hindern, die Folgen dieses Tuns nicht nur abzuschätzen, sondern sogar begründet darzustellen?

Wie unterscheiden wir Gut und Böse? Wow, starker Tobak gegen ein Weltverständnis, das Zivilisation abtut und als Ausgeburt des Bösen brandmarkt. Dabei kann man dann auch so schön sicher sein, im Kampf gegen so etwas Künstliches wie Wirtschaft und Technik auf der guten Seite zu stehen. – Insofern also Zustimmung zur Entlarvung eines falschen Begriffs des „Guten“. Allerdings Vorsicht: Die Trennlinie zwischen Gut und Böse war zu allen Zeiten unscharf und ist es heute mehr denn je. Unsere Lebenswelt wird zunehmend komplexer, und nach den Gesetzen solcher Systeme („Chaostheorie“) sind wir außerstande, die Folgen unseres Tuns abzuschätzen. Wir können also die Grenze zwischen Gut und Böse unseres Handelns kaum erkennen. Ein bedrückendes Beispiel: Nicht einmal Albert Schweitzer konnte in seinem ethischen Impuls ahnen, dass die Verbreitung westlicher Medizin die schlimmste aller Umweltkatastrophen heraufbeschwören würde: das grenzenlose Wachstum der Menschheit. Gut und Böse sind ineinander verwoben, und auch wir können die Folgen unseres Tuns nicht beurteilen. Richtig, bloßes „Gutmenschentum“ ist unbedarft. Doch was wir brauchen sind Denkwege, die Gefahren nicht „fühlen“ („Bio ist gut und Chemie ist böse“), sondern sie frühzeitig rational zu erkennen versucht. Das Feld darf weder Technokraten oder Ökonomen überlassen werden, noch dürfen selbsternannte Moralapostel darüber befinden. Wissenschaft, Philosophie und Religion, jene Dreiheit der Universitas literarum, die sich aus berechtigten Gründen in der Aufklärung trennte, steht heute vor der Notwendigkeit, wieder zueinander zu finden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Die zu diskutierende Frage war: kann man natürlich, echt, authentisch sein? Ja, man kann. Das Streben nach Authenzität ist kein Selbstbetrug, keine angstbesetzte Abwehrreaktion gegen die Moderne. Sondern ein mensch-liches Grundbedürfnis. Jeder kann spüren, macht mich mein Handeln gerade glücklich? Die Aufmerksamkeit, die ich dazu brauche, ist erlernbar. Durch ständiges Anwenden, also immer wieder Üben, mit Disziplin und Geduld. Bis ich mir meiner Gefühle bewußt werde, also erkenne, was ich wirklich will. Dies kann ein Nomadenleben in der Wüste sein oder ein Leben in der Großstadt. Oder ein Kompromiss. Auf jeden Fall völlig frei von Ideologie.

Alexander Grau geht von dem Axiom aus, dass es nichts gibt, was außerhalb der Natur läge: "Es gibt auf der Welt nichts Künstliches ... (auch) Kultur und Zivilisation sind Natur." Damit ist gesagt, dass auch der Mensch und seine Werke Natur sind, da ja er selbst (Teil der) Natur ist und über keinerlei außernatürliche Materialien verfügt. Ebensogut sind auch sein Denken und alle Vorstellungen in seinem Gehirn Natur. Schon von hier aus wird es problematisch, wenn A. G. "Ideologie" und gar "ideologische Kampfbegriffe" verdächtig machen will. - Von welcher archimedischen Basis aus, da er doch das Statische bezweifelt? Ein schlichter Denkfehler ist es aber, wenn er - wo es doch gar nichts Künstliches gibt (s.o.)- ausgerechnet das Schöne und das Gute als "mit Sicherheit nicht natürlich" bezeichnet. A. Gs. Aufsatz scheint (ohne es im Ernst zu wollen) zur Maßstabslosigkeit aufzufordern. Damit ginge er hinter die Weisheit des Schöpfungsmythos zurück, der die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, an den Anfang der Menscheit setzt. Trotz A. Grau bleibt die Unterscheidung von natürlich und widernatürlich sinnvoll. Ebenso wie die von gottgewollt und nicht gottgewollt. Und dafür haben wir auch Maßstäbe, wenn sie auch oft genug in die Aporie führen. Bonnhöfer wusste von den guten Mächten auch noch, als er den bösen schon zum Opfer fiel. Wenn alles gottgewollt wäre, dann wäre das Reich Gottes schon angekommen. In Dresden hat man mutig begonnen, sich Jonas Zweifel an der Allmächtigkeit Gottes zu stellen. Die Natur ist nicht Gott, aber Gott ist in der Natur (außerhalb der es ja auch nichts geben könnte). Er ist in ihr als Liebe, Güte, Friede, Schönheit, Gerechtigkeit. Ihm gilt unser rückhaltloses Ja. Der Natur mit ihren Abgründen, dem Sein, diesem unvollkommenen Paradies, aber nur ein (nicht minder lebenswichtiges) Ja, aber. Zur Begegnung mit Gott, zur Heimat im Sein führt auch ein poetischer Zugang. Den suchen meine Gedichtbändchen wie auch dieser Diskussionsbeitrag. Wozu der Streit um Kleidungsstücke? Das Schöne und das Gute gibt es in der Großstadt ebenso wie in der Natur (wozu die Großstadt ja auch gehört). Hauptsache: wir behalten ein Gefühl dafür.

Bravo Herr Grau, couragierte Worte, Sie sprechen mir aus dem Herzen! Sie haben recht, Christ-sein im und aus dem Hier und Jetzt braucht mehr Mut als ein erhobener Zeigefinger oder reaktionärer "Wenn-wir-nur-alle-bessere-Menschen-wären" Rethorik. Erleichternd zu wissen, dass es auch diese rationalen, realitätsverankerten und -bejahenden Strömungen in der protestantischen Kirche gibt.

Ich ersetzte den Begriff der "Natürlichkeit" mit dem des "NORMALEN ", dann stimmt es, vor allem der letzte Abschnitt. Sie sind auch nicht etwa einem "natürlichen" Irrtum erlegen, als vielmehr dem vollkommen "normalen", oder bin ich im natürlichen Irrtum begriffen, mich über etwas Herausforderndes im Irrtum zu befinden, ohne den Ausweg aus der Verwirrung, oder über die Verwirrung dessen, das ich soeben ahnend begreife, zu finden ? Zivilisationskritik ist natürlich ein widernatürlicher Prozess , lässt sich schliesslich nicht umkehren! ( Sie sind "studierter " Philosoph, steht im Kästchen: " -Ah, ja, Herr Pfarrer, mein Sohn ist auch ein Studierter! " , ein wenig altmodische Formulierung:-) Wie steht es um die Natürlichkeit und den Ideenreichtum ? Entsteht das Wort nicht immer nur im Kopf? Sind Begriffe nicht immer Interpretationen und Definitionsgebunden? Was Schwarz auf Weiß steht ist in seiner Stofflichkeit fest, aber als Bedeutung geht es doch auf seine Beweglichkeit zurück . Schönheit als veränderbares Ideal, während natürliche Schönheit zeitlos ist! Zeitlose Feststellungen sind immer Ausdruck einer zeitlosen Moderne! Was heißt "ästhetisch"? Was heißt absolut? Lassen Sie uns über Definitionen reden, oder schreiben, oder die Nützlichkeit von Treckingsandalen, Und der Mensch ist wirklich alles andere als "die Krone der Schöpfung"! Leider oder zum Glück, so gibt es noch Hoffnung auf Neues! Eine Festivität des Humanen? Nein, der Weg aus dem Nichts bahnt sich so an! Die Moderne als der Dekadenz kleine große Schwester: "natürlich, echt und authentisch", kein "Selbsbetrug"! Die Wahrheit ins Korsett der Macht hineingezwängt...gerne präsent, wo die Dekadenz zu kritisch wird... Ob nun "das Rad" oder der "Verbrennungsmotor " natürlich ist, entscheiden bestenfalls die Götter! Der Olymp, wenn er denn will, verteilt Glücksblätter, entwaffnet die Helden und erfreut sich, kurioser Weise, zertifizierter Ernennungsformel zum patentierten Recht auf UNVERBLÜMTE Wahrheit, d.h. eine Natur, die immer gleich, und unangefochten, weil im Verborgenen wirksam, und rein geblieben ist ! Nun endlich also auch Kritik! Kritik an der Kirche, doch neu ? Generationenkonflikt etwa? Und so klassisch, heute wie damals! Neu? Es fehlt das verbindende Element: Verständnis, Liebe, eine Prise Lebenserfahrung. Neu? Oh, Ja! Wie viel Abwesenheit von Vernunft ist gesund? Die Theologie in der Krise, der Einzelne auf Sinnsuche, so stellt sich das für mich dar. Alle hier sind als Ausdruck der Moderne zu verstehen, denn "was beliebt, ist auch erlaubt!" Zu viel Adrenalin aber bewirkt, dass das Gehirn in Regionen abdriftet, die die Erde nicht mehr erreichen, bauen wir also Elfenbeintürme, und verschanzen uns darin!

Traudl Lindner (nicht überprüft) schrieb am 31. Oktober 2011 um 22:38: "aber erst die "Zivilisation" mit ihren Erfindungen hat die perfidesten und wirksamsten Tötungsmaschinen hervorgebracht." ---------------------------- Weder die Natur, noch die Zivilisation, ganz gleich, ob die mit oder ohne Anführungszeichen, bringt Tötungsmaschinen hervor. Moderne Rüstungstechnologie wird entwickelt, weil die Staaten, allen voran die führenden demokratischen, in Konkurrenz zu den anderen Staaten stehen. Diese Konkurrenz wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgetragen. Dazu gehört das gegenseitige ökonomische Benutzen in den Zwischenkriegszeiten, gängigerweise Frieden genannt, genau so wie der Krieg selber. Der Grund für die zwischenstaatliche Konkurrenz liegt darin, dass der moderne Staat seine Gesellschaft verpflichtet hat auf die erfolgreiche Kapitalvermehrung. Läuft die nicht, läuft überhaupt nichts mehr. Ökonomisch erfolgreich sein bedeutet aber von vornherein, die anderen ökonomischen Subjekte zu schädigen. Innerhalb der Gesellschaft wird diese systematische Schädigung durch das Strafgesetzbuch auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt. Die Konkurrenzfirma vom Markt zu bomben, ist nicht erlaubt. Zwischenstaatlich wird die Konkurrenz hingegen mit allen Mitteln ausgetragen. ----------------------------- Es ist also verkehrt, je nach eigener Vorliebe den Krieg der Natur oder der Zivilisation zuzuschreiben. Die der Natur angehörenden ungefiederten Zweibeiner, die ganz begeistert sind von der Marktwirtschaft und deren demokratischer, staatlicher Betreuung, sind die Urheber der modernen Tötungsmaschinen. Die prächtig verdienenden Rüstungsfirmen erledigen dann den Auftrag. Profi- und Hobbyphilosophen geben schließlich ihren in die Irre führenden Friedenssenf dazu. Dafür erhalten sie auch viele Auszeichnungen und die Anerkennung der einschlägig interessierten Bürger.

Meinen herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel - endlich, so etwas war überfällig!! Manche Leute rühren sich einen Quark an Weltbild zusammen, daß es einem schwindlig werden kann. Der Mensch als Fremdkörper außerhalb der Natur als Umkehrreflex auf den Menschen als Krone der Schöpfung - zwei Seiten derselben Medaille, vortrefflich argumentiert! Um diesen Artikel zu verstehen, benötigt man allerdings ein gewisses Mindestmaß an zerebralen Kapazitäten - wie an den Kommentaren hier zu erkennen ist, kann man diese nicht unbedingt bei allen Zeitgenossen voraussetzen. Leider.

Die Argumentationskette dieser Abhandlung ist für einen Philosophen erstaunlich....Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht,Herr Professor, warum so viele Menschen sich von der sog."Zivilisation" ab- und der Natur zuwenden? Haben Sie schon einmal bedacht,wie viele Kriege mit welchen grauenhaften Methoden "zivilisierte" Nationen in den letzten Jahrzehnten "nach menschlichen Regeln"geführt haben? Gewalt mag dem Menschen angeboren sein, aber erst die "Zivilisation" mit ihren Erfindungen hat die perfidesten und wirksamsten Tötungsmaschinen hervorgebracht.Warum ist Naturverehrung in Ihren Augen automatisch ideologisch, zivilisationsfeindlich und widernatürlich? Schließt sie Großstadtkultur,technischen Fortschritt (der so oft auf genauer Naturbeobachtung und -nachahmung beruht) und wissenschaftlichen Vernunftglauben aus?(Auch wenn diese Trias nicht unbedingt eine Garantie für vernünftige menschliche Handlungsweisen bedeutet).Warum gibt es im geistigen Klima Deutschlands antimoderne-was immer das bedeuten mag- Strömungen? Könnte es sein,daß sehr viele Menschen ihre geistigen und seelischen Wurzeln verloren haben und sich mit einer als fremd und feindlich erlebten "Zivilisation" nicht mehr identifizieren?(Aber der Natur sollen sie sich auch nicht zuwenden,diese ist ja eine verlogene und un-zeitgemäße Illusion)Tausend Beispiele für eine nicht geglückte "Zivilisierung" könnte man trefflich in einer philosophischen Vorlesung ausführen- - -z.B Teile einer orientierungslosen Jugend, der Umgang mit dem Alter und die Ohnmacht dem Kapitalismus gegenüber.Das sind Schlagworte,gewiß, aber sind sie polemischer als die Trekkingsandalen der fortschrittskeptischen Linken vs die rahmengenähten Schuhe der wahren Kulturmenschen? Was hat der geschäftstüchtige Pastor Fliege in diesem Kontext zu suchen , und warum muß die Homöopathie verunglimpft werden?Auch den elektrischen Strom und den Magnetismus können Sie nicht sehen.Die an den Haaren herbeigezogene Argumentation mit dem Antisemitismus ist unlauter. Wenn mein Freund seinen Bruder schlecht und unwürdig behandelt, werde ich ihm in aller Freundschaft sagen, daß ich das nicht billige. Wenn ich ihm das nicht sagen kann (oder darf), bin ich feige und kein Freund. Sehr geehrter Herr Professor,Sie kennen sicher die Bedeutung von "dekadent"."Decadere" heißt " hinunter-, hinabgehen". Viel Glück!

Alexander Grau ist m.E. in einem sehr blumenreichen, philosophischen Garten eingeschlossen. Natürlich kann man echt oder authentisch sein. Dazu gehört Empathie (Einfühlungsvermögen, Nächstenliebe) im Umgang mit anderen Menschen und Einsicht in die eigene Beschränktheit. Gute Therapeuten sind echt!

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