Ich kann nicht gehorchen: Michel Friedman

Ich kann nicht gehorchen, sagt Michel Friedman. „Ich möchte nicht nach Geboten leben, die Menschen aufgeschrieben haben“
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Fotograf: Dirk von Nayhauß

Michel Friedman

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Michel Friedman wurde 1956 in Paris geboren, Oskar Schindler rettete seine Eltern vor den Konzentrationslagern. Friedman promovierte in Jura (1994) und in Philosophie (2010). Der politische Fernsehmoderator und Publizist mit dem offensiven Stil war im Vorstand der CDU und stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Er gab alle Ämter ab, als 2003 sein Kokainkonsum öffentlich wurde. Seit 2004 moderiert er wieder auf N 24, 2005 erschien sein autobiografisch gef...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn die Sonne scheint. Wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich liebe. Aber auch Traurigkeit und Melancholie haben etwas Lebendiges. Es gibt Bücher und Filme, da kommen mir die Tränen. Diese Melancholie wurzelt in meiner Kindheit, ich bin auf einem Friedhof aufgewachsen, meine Eltern und meine Großmutter waren die einzigen Überlebenden ihrer großen Familie, alle anderen wurden von den Nazis umgebracht. Es wurde viel geweint, viel getrauert – die Großmutter um ihre Kinder, meine Eltern um ihre Eltern und Geschwister. Es wurde gelacht, aber es wurde eben viel geweint. Es herrschte Traurigkeit.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Alles! Sofern sich Erwachsene öffnen und auseinandersetzen – sowohl im Fühlen als auch im Verstehen. Besonders spannend finde ich, dass Kinder die hilflosesten Wesen der Welt sind und trotzdem ein unendliches Vertrauen haben. Erwachsene agieren in der Hilflosigkeit in der Regel mit Misstrauen. Aber das ist als Überlebensstrategie kontraproduktiv. Wenn man schwach ist, muss man vertrauen. Das lerne ich von meinen Kindern.

An welchen Gott Gott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. glauben Sie?

An keinen. Meine Mutter war nach dem Holocaust keine gläubige Frau mehr, ich erlebte keinen religiösen Alltag, ich habe an Gott Gott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. nie geglaubt. Ich wäre auch nicht gern gläubig, das würde mich einengen. Ich möchte nicht nach Geboten und Verboten leben, die irgendwelche Menschen aufgeschrieben haben. Andere Menschen mögen das tun, wie sie wollen, das bewerte ich nicht. Ich aber kann das nicht, ich kann nicht gehorchen.

Hat das Leben einen Sinn?

Ich gebe mir Mühe, das ist mein Sinn. Wenn ich etwas mache, gebe ich mir Mühe. Außer es zu leben – und zwar sinnvoll –, hat das Leben keinen Sinn. Aber das allein ist schon eine große Aufgabe, ein Lebenswerk.

Muss man den Tod fürchten?

Nein. Den Tod fürchte ich nicht, warum soll ich vor dem Nichts Angst haben? Aber das Sterben ist etwas anderes. Ich habe meine Mutter seligen Angedenkens begleitet, ich habe meinen Vater seligen Angedenkens begleitet. Bis zu dem Moment, da sie starben. Das hat mich auf Jahre traumatisiert, ich konnte jahrelang nicht schlafen, ich konnte diese Bilder nicht loswerden. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich habe Angst vor dem würdelosen Sterben. Wenn jemand langsam stirbt, kommt irgendwann das klare Gefühl: „Es reicht, ich will nicht noch eine Lungenentzündung, ich muss nicht noch drei weitere Monate auf der Intensivstation künstlich ernährt werden.“ Diesen Zustand fürchte ich, weil ich dann das Sterben nicht mehr gestalten könnte.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die meiner Frau, sie steht an erster Stelle, dann kommen meine Kinder, und ich habe eine Handvoll Freunde, denen ich unendlich dankbar bin für dieses Gefühl der Nähe, der Liebe, der Freundschaft. Das trägt mich, das ist mein Fundament, sonst würde ich im leeren Raum schweben und fallen.

Haben Sie Nachsicht mit sich selbst?

Mir selbst gegenüber bin ich sehr viel härter und nachsichtsloser als gegenüber anderen. Ich bin sehr selbstkritisch, sehr selbstzweifelnd. 2003 war ein schwieriges Jahr für mich. Aber ich hatte meine Freunde, die mich geschützt und beschützt haben, damit ich meine Hausaufgaben mache. Das hat mich gerettet. Ich musste mich auseinandersetzen mit der Frage: „Warum hast du dich so verhalten?“ Das war ein schmerzhafter, sehr intensiver Prozess. Die Alternative war Sterben. Ob man im real physischen Sinne stirbt oder ob die SeeleMit dem Begriff Seele ist in der Bibel meist das Leben des Menschen gemeint, nicht im Sinne einer körperlichen Funktion, sondern als Lebensprinzip. Der Mensch hat nicht eine Seele, sondern er ist eine lebendige Seele. An die Funktion des Gehirns oder des Herzens ist die Seele nicht gebunden. Der Begriff „Seele“ gleicht eher dem, was man heute unter Ganzheitlichkeit und Identität versteht. Nach dem Katechismus der katholischen Kirche (1993) ist die Seele von Gott geschaffen und unsterblich: „Sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen.“ Nach dieser Vorstellung schläft die Seele zwischen Tod und Auferstehung. An den Seelenschlaf glaubte man auch in reformatorischer Zeit. In Bachs berühmtem Choral aus der Johannespassion heißt es: „Ach, Herr, lass dein lieb’ Engelein/am letzten End’ die Seele mein/in Abrahams Schoß tragen!/Den Leib in sein’m Schlafkämmerlein/gar sanft, ohn’ ein’ge Qual und Pein/ruhn bis am Jüngsten Tage!“ abstirbt, weil man sich der Ursache nicht stellt, spielt keine Rolle. Ich habe mich für das Leben entschieden. An dem Tag, als alles öffentlich wurde, war das aber nicht sicher, und es war wochenlang nicht sicher. Ich habe mich für das Leben entschieden, und ich muss acht Jahre danach feststellen: Ich war noch nie so glücklich wie dann, als ich diese Hausaufgaben hinter mich gebracht hatte und gefragt habe: „Wie ist das Leben, wenn man sich selbst ein bisschen liebhat?“ Heute habe ich zwei Kinder, eine Frau und bin glücklich – wie ein Mensch wie ich glücklich sein kann, aber das ist schon weitaus mehr, als ich je hatte.

Leserkommentare

Friedmann

Friedmann ist ein Brocken an dem wir Deutsche schwer tragen. Bitte geben Sie Ihm kein Raum mehr um sich selbst lügnerisch darzustellen. Danke

Einspruch zum Vorgänger

Ich finde den Friedmann hier mal richtig menschlich und sympathisch. Keine Heuchelei, ehrliche und eben nicht aufgeblasene Antworten. Ich finde auch gut, daß er all denen nicht nach dem Mund redet, die immer erwarten, daß Juden permanent mit einem Talmudzitat auf den Lippen daherlaufen und die besseren Menschen sind. Hier wird einer gezeigt, der wie Du und ich ist. Danke.

Kann den mal jemand abschalten

Wozu diesem aufgeblasenen Schwätzer so viel Raum geben ?

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