Vorfreude auf Einzug in Altenheim

"Das wird lustig im Heim!"
Sind die deutschen Altenheime vielleicht gar nicht so schlimm? chrismon fragte einen, der sich schon über 300 Häuser angeschaut hat und daraus den Schluss gezogen hat, lieber früher als später ins Heim zu ziehen. Einiges würde aber auch er dringlich verbessern: "Beuteltee und Fischstäbchen? Das Leben ist zu kurz für Dreck!"

Evi Lemberger

chrismon: Sie behaupten, es gebe nichts Besseres und Vernünftigeres, als im  Alter ins Heim zu gehen...

Konrad Franke: Jawohl!

...aber da will kaum einer freiwillig hin. Das ist doch ein auslaufendes Modell!

Die Leute, die das behaupten, sind geprägt davon, wie Heime nach dem Krieg waren – die Kinderheime, Flüchtlingsheime, Lehrlingsheime, Soldatenheime. Die gute Idee Heim war völlig verkommen durch die Nazis und durch den Krieg. Diese Last liegt auf den Menschen, die jetzt alt sind.

Ich bin Jahrzehnte jünger und will auch nicht ins Heim.

Schauen Sie sich mal ein paar Heime an, dann werden Sie Ihre Meinung ändern. Denn in der Mehrzahl der Heime wird gut bis sehr gut betreut und gepflegt. Ich weiß das, weil ich mir mittlerweile über 300 Heime angesehen habe.

Dann sag ich Ihnen mal ein paar Dinge, vor denen mir graust: zum Abendbrot Mettwurst und Tee – so steht das auf dem Speiseplan eines Nürnberger Heims.

Brrr, Beutel zum Baden. Da würde ich auch nicht hingehen. Aber es gibt auch Heime ohne Beuteltee.

Die Optik: alles beige. Und wenn Holz, dann Buche mit runden Ecken.

Furchtbar. Aber bis Sie ins Heim kommen, ist das anders. Heime sind retro. Heime müssen nicht Ihnen gefallen, sondern der Generation vor Ihnen, also denen, die ge­rade darin wohnen.

Winzige Zimmer, sogar Mehrbettzimmer.

Die Zweibettzimmer werden gerade überall abgebaut. Der Standard steigt im Moment ziemlich schnell. Weil sonst die Klientel wegbleibt. Ich will 23 Quadratmeter haben, mindestens, dazu noch ein Bad.

Urinpfützen auf dem Boden.

Schlimm. Eine Urinpfütze kann es natürlich immer mal geben, aber dann muss gleich gewischt werden. Heute hat jedes ordentliche Haus eine Hygienebeauftragte und ein Qualitätsmanagement. Da ist viel passiert. Weil die Kundschaft anspruchsvoller geworden ist, vor allem die Angehörigen. Die sind schwerer zu pflegen als die Heimbewohner, sagt ein Branchenscherz.

Im Speisesaal läuft der Fernseher, der Herr links von mir wimmert ohne Unterlass, der Dame rechts läuft der Speichel aus dem Mund...

Man kann sich seine Tischgesellschaft selbstverständlich aussuchen. In den besseren Heimen wird abgetrennt zwischen Leuten, die noch ganz normal essen können, und Leuten, denen das Essen einge­geben wird. Und Fernsehen beim Mittag­essen, da kenn ich kein Heim mehr, da haben sich zu viele beschwert.

Aber ich muss schreckliche Dinge tun: basteln!

Strohsterne!

Hirnjogging!

Das ist ein Angebot. Sie können spazieren gehen.

Toll, da muss ich warten, bis sich alle paar Tage mal jemand erbarmt und mich um den Block begleitet.

Nicht unbedingt. Alle besseren Heime haben heute eine große Gruppe von Ehrenamtlichen, mit denen man spazieren gehen kann oder einkaufen oder auf Ämter. Das ist eine neue Entwicklung.

Und ich will ins richtige Theater, nicht ins Volkstheater.

Geht ja. Hier in einem Münchner Diakonie-Haus gehen die Leute regelmäßig zum Beispiel in die Pinakotheken...

Klar, in teuren Heimen geht alles, aber die werden wir uns mit unseren löchrigen Erwerbsbiografien nicht leisten können.

Das sind keine teuren Heime. Ich sag mal einen Preis: 90 Euro am Tag, das dürfte hinkommen. Macht 2700 Euro im Monat. Pflegestufe 1, also 1023 Euro weg, dann sind Sie bei 1700 Euro, die Sie selbst be­zahlen müssen im Monat. Darauf werden sich die Deutschen einrichten müssen.

Oje, da kommt der Krankenkassenbeitrag noch obendrauf...

Wenn Sie so viel Geld nicht haben und die Verwandten auch nicht, zahlen die Kommunen die Differenz. Noch ist das so.

Aber bestimmt werde ich bevormundet. Ich muss um sieben aufstehen, und Abendessen gibt’s schon um 17 Uhr.

Ach was! Das zeitgemäße Heim zeichnet sich durch Flexibilität aus: Aufgestanden wird zwischen sieben und zehn Uhr. Ich bin ein Langschläfer, nie werden Sie mich dazu kriegen, um sieben aufzustehen.

Aber jetzt bin ich bettlägerig, mir fällt die Brille runter, und dann muss ich eine Stunde warten, bis jemand kommt und mir die Brille wieder aufhebt...

Das müssen Sie nicht. In einem gut ge­führten Heim fühlt sich eine Pflegekraft für sieben, acht Menschen zuständig. Die guckt alle zwanzig Minuten nach Ihnen, weil sie weiß, dass Ihnen gern mal die ­Brille runterfällt. Wirklich, die deutschen Alten- und Pflegeheime sind viel besser als ihr Ruf.

Warum reden Sie so positiv über Altenheime – werden Sie vom Heimverband bezahlt?

Ah geh! Die sollten ja was tun! Ich hab ­denen gesagt: Wehrt euch doch! Gucken Sie mal, wie sich die Atomindustrie wehrt, wenn sie angegriffen wird. Aber auf die deutsche Heimeindustrie können Sie eindreschen, wie Sie wollen, die reagieren gar nicht. Dabei ist die Kritik an den Heimen grundfalsch. So was kann ich nicht haben, ich bin gerechtigkeitsliebend.

Wenn Sie nicht fürs Positivreden bezahlt werden, wie kommt es dann, dass sie als Pensionär nicht die Beine hochlegen, ­sondern durch Deutschland reisen und sich Heime anschauen?

Es fing damit an, dass meine Eltern ins Heim kamen. Als ich sie besuchte, erwartete ich voll schlechten Gewissens, in ein schreckliches Heim zu kommen – wo die Leute nicht genug zu trinken bekommen, wo sie tagelang in ihrer Scheiße liegen. Aber meine Geschwister und ich waren positiv überrascht: Was die hier alles machen! Wie freundlich der Ton ist! Wie schön das baulich ist! Meine Eltern waren sehr zufrieden mit ihrem Heim in Lörrach in Südbaden. Meine Mutter brauchte ein bisschen Zeit zum Eingewöhnen, aber nach vier Wochen sagte sie: Junge, wenn ich gewusst hätte, wie das hier ist, wäre ich schon viel früher reingegangen! Da fragte ich mich: Haben wir einfach unverschämtes Glück gehabt mit diesem Heim, oder gibt es noch mehr solcher Heime? ­Also fing ich an, mir Heime anzuschauen.

Und?

Es gibt viele gute Heime. Ich bin zwar Laie, aber ich spreche immer mit den Bewohnern, ich gehe manchmal bei der Grundpflege mit, begleite den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder die Heimaufsicht, um zu sehen, wie die prüfen. Der MDK hat den Heimen ja auch gerade relativ gute Noten gegeben, 1,9 im Schnitt. Das ist realistisch. Aber die Deutschen sind empört: Das kann doch nicht sein, ein Heim hat schlecht zu sein!

Aber dieses Notensystem wird kritisiert: weil Heime schwere Pflegefehler durch eine gut lesbare Speisekarte und jahreszeitliche Feste ausgleichen können.

Ja, das muss sich ändern. Da sind die auch dran. Aber selbst wenn man diese Notengebung kritisiert und deshalb eine Note abzieht, ist man bei 2,9, das ist immer noch nicht schlecht. 

Sie würden also in jedes der Heime, die Sie sich angeschaut haben, einziehen?

Nein! Es sollte ja in München sein. Da kommen zwei für mich infrage.

Wie, die anderen Münchner Heime sind alle schlecht?

Nein, es gibt nur wenige schlechte Heime. Wenn die Leute unglücklich sind in einem Heim, sind sie meistens nicht in einem schlechten, sondern im falschen – also in einem Heim, das nicht ihrer bisherigen Art zu leben entspricht. Für mich zum Beispiel kommt das eine Haus deshalb in die en­gere Wahl, weil da der beste Heimkoch Münchens arbeitet. Der macht Saucen noch selber, das liebe ich; der bäckt ein Brot ohne harte Kruste, wichtig für ältere Menschen; der kocht jeden Tag nur ein ­einziges Grundrezept, aber macht dazu je nach Wunsch 40 verschiedene Beilagen.

Ihnen ist also das Essen sehr wichtig.

Richtig. Das Leben ist zu kurz für Dreck. Ich möchte auch einen schönen Blick aus dem Fenster. Und ich möchte in Ruhe gelassen werden.

Und wann bezeichnen Sie ein Heim als schlecht?

Zum Beispiel wenn in einem Heim gebrüllt wird. Wenn die Heimleitung die Pflegedienstleiterin anbrüllt, die brüllt die Pflegekräfte an, und die geben das an die Bewohner weiter. Ich hab auch Heime gesehen, die die Heimaufsicht kurz darauf hat schließen lassen, zum Beispiel weil die Küche unglaublich verdreckt war. Mangelhaft ist aber auch, wenn es nur Fischstäbchen gibt, überhaupt immer nur das Billigste; wenn das Haus kein Farb- und Lichtkonzept hat; wenn die Gänge endlos lang sind.

Das sind doch bloß Details.

Aber es sind die Details, die uns gute oder schlechte Laune machen! Ich sage immer: Schaut euch das Heim an mit dem Gedanken, dass dies euer letztes Zuhause ist. Mindestens so viel Zeit wie beim Autokauf solltet ihr auf eure letzte Wohnung verwenden!

Hm, bis jetzt haben Sie mich noch nicht überzeugt, ein Leben im Altenheim gut zu finden. Die meisten Menschen wollen nun mal lieber in ihrer Wohnung bleiben. Und deshalb unterstützen Bund und Länder allerlei Modellprojekte...

Um zu sparen! Diese ganzen Modellprojekte können Sie in der Pfeife rauchen, die sind nicht massentauglich.

Moment, was haben Sie gegen gemeinschaftliches Wohnen? Da tun sich Leute zusammen, bauen ein Haus mit altengerechten Wohnungen und organisieren die Pflege dazu.

Wunderbar, aber ein Minderheitenscherz, damit können Sie nicht Sozialpolitik machen. Ich werde oft am Telefon gefragt: Können Sie mir andere Leute nennen, die das mit mir zusammen machen? Dann nenne ich Adressen und beobachte, wie sich das entwickelt. Und nach zwei Jahren sind sie dann doch ins Heim gegangen.

Und was bitte haben Sie gegen Dementen-Wohngruppen mitten im Stadtteil?

Nicht zukunftstauglich für die wachsende Zahl von Dementen. Außerdem haben nur wenige WGs eine Rund-um-die-Uhr-Be­treuung. Und dann: Altbau, zweiter Stock, da haben Sie im Heim viel bessere Be­dingungen. Und im Heim können Sie die Gruppe wechseln, wenn Sie mit den anderen in der WG nicht klarkommen. Das Heim der Zukunft, wie ich es mir vorstelle...

Halt, Sie reden jetzt nicht mehr von den Heimen, wie sie heute sind?

Ich rede jetzt vom „Heim der Zukunft“. Denn natürlich muss sich noch vieles ändern. Also, das Heim der Zukunft hat alle Wohnformen unter einem Dach: Wohn­gemeinschaften, Freundeskreise, betreutes Wohnen, Tagespflege... Und es ist das ­gesellschaftliche Zentrum des Ortes, des Stadtteils, mit Räumen für Volkshochschule, Café, Chor, offen für alle. Aber im Kern ist es ein Heim.

Solch große Institutionen neigen dazu, die Menschen zu bevormunden.

Die meisten Heime heute betrachten ihre Bewohner als ihre Arbeitgeber. Und wenn nicht: Spätestens wenn meine Generation kommt, werden sie das lernen müssen. Da  werden denen die Ohren schlackern! Ich werde mich in den Heimbeirat wählen lassen und werde, wie es das Heimbeiratsgesetz vorsieht, Einsicht in die Bilanzen nehmen. Im Moment nimmt kaum ein Heimbeirat dieses Recht wahr. Aber meine Generation wird da ganz anders agieren.

Was haben Sie vor?

Wenn der Koch nichts taugt, wird er ausgetauscht, ganz einfach. Frisches, ganz wichtig! Auch mal Einfaches, Kartoffeln mit Quark, aber gute Kartoffeln und guter Quark! Bislang gibt’s nicht mal in den ­Premiumhäusern Bioessen. Die Heim­leiter sagen: Die Leute nehmen’s ja noch. Aber warten Sie mal, bis wir kommen! Ich geh mit ein paar Freunden ins Heim, und wir werden uns vorbereiten.

Sie haben hohe Ansprüche – ist das dann auch noch bezahlbar?

Ja, und die Heime werden sogar billiger werden. Sie müssen auch billiger werden, weil wir fast alle ärmer werden und länger leben. Heute kostet ein Zimmer im Heim im Bau etwa 80 000 Euro. Das geht preiswerter. Allein schon weil man nicht mehr so viele teure Pflegebäder brauchen wird, wenn die Generation der Duscher kommt.

Billiger hört sich nach Altenkasernen an.

Krankenkassengestellmäßig ist es heute. Weil die Architekten sich nicht anstrengen. In den Niederlanden ist es eine Auszeichnung für einen Architekten, den Auftrag für ein Heim zu bekommen. Und so sehen die Heime auch aus: wunderbar! Das Heim der Zukunft wird von einem Star­architekten entworfen, der macht einen Prototyp mit Modulen, so dass man Heime an verschiedenen Orten in Variationen ­bauen kann. Das spart Geld.

Aber an den Pflegekräften kann man nicht noch mehr sparen!

Doch. Fürs Naseputzen brauchen wir keine drei Jahre lang ausgebildete Altenpflegekraft. Ehrenamtliche können viele Auf­gaben übernehmen, auch die neuen Betreuungsassistenten, mit denen macht man gute Erfahrungen.

Ach nee, die Betreuung machen nette ­Dilettanten, nach dem Motto: Für die ­Alten reicht das schon.

Nein, keine Dilettanten. Sie brauchen schon eine Vorbildung, aber eine andere als die Pflegeausbildung. Ich weiß zum Beispiel, dass gute Handwerker, die nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten, wundervolle Betreuer sind. Gerade für die Männer. Für Männer gibt’s ja nichts, die wollen doch keine Strohsterne basteln. Und wenn die Leute jünger in die Heime gehen und nicht erst mit durchschnittlich 86 Jahren, dann können sich die Bewohner auch mehr selbst umeinander kümmern.

Sie meinen, wir brauchen dann weniger voll ausgebildete Pflegekräfte?

Ja, aber diese wenigen müssen mehr Gehalt kriegen. Sie müssen aber auch besser ausgebildet sein. Viele Heime finden nur mit Mühe gute Leute. Mein Eindruck ist, dass Altenpflege für nicht wenige Leute eine Art Restberuf ist, wenn ihnen sonst gar nichts mehr einfällt. Für Leute, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, die zu dick sind, zu ungeschickt... Die wirklich motivierten Pflegeschüler, die Lust haben auf die Arbeit mit älteren Menschen, leiden sehr unter diesem Niveau.

Aber wenn es nach Marktgesetzen geht, bekommt in Zukunft jede und jeder einen Job in der Altenpflege, egal wie gut oder schlecht dafür geeignet.

Die Kunden werden das ändern! Denn die Bewohner werden anspruchsvoller. Ich zahle anständiges Geld, dafür will ich anständige Behandlung.

Dann müssen Sie aber richtig früh ins Heim ziehen, damit Sie überhaupt noch in der Lage sind, ordentlich Druck auf die Heimleitung zu machen!

Das habe ich auch vor. Wenn ich die vier Treppen zu unserer Wohnung nicht mehr gut schaffe, gehe ich in ein Heim. Meine Frau ist jünger, die wird nachkommen. Unsere Tochter lebt in Zürich, unser Sohn in Wien, wie sollten die uns pflegen? 

Ich sollte mich also schon in jüngeren Seniorenjahren ins Unvermeidliche fügen?

Ja, lieber Gott, das Leben hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und das weiß man. Viele bleiben zu lange in der eigenen Wohnung, das geht auch eine Weile ganz gut mit dem Pflegedienst, aber dann stürzen sie, brechen sich was und liegen fünf Stunden auf den kalten Fliesen, bis der Pflegedienst wieder kommt – so was vergessen Sie nie mehr. Dann kommen die Leute ins Krankenhaus, und danach muss ganz schnell ein Heim gefunden werden. Das ist dann schwierig. Wer hindert die Menschen daran, sich frühzeitig eins auszugucken?

Meinen Sie, sogar für mich gäbe es ein Heim, in dem es mir gefallen würde?

Glaub ich schon. Ich müsste Sie allerdings noch ein paar Dinge fragen. Ich werde ­häufig angerufen: Meine Mutter muss ins Heim, wissen Sie eins? Das Erste, was ich zu­-rückfrage, ist immer: Wie lebt Ihre Mutter jetzt? Wie groß ist die Wohnung? Was macht sie so am Tag? Schildern Sie mir mal, was sie am letzten Wochenende gemacht hat. Dann fang ich an zu sortieren. Das würde ich bei Ihnen auch machen. Wir würden eins finden. Die deutsche Heimlandschaft ist außerordentlich vielfältig. Es gibt eigentlich für jeden etwas. Für jeden Geldbeutel, aber abgesehen vom Geld auch für jeden Geschmack und jede Erwartung.

Waren Sie immer so optimistisch?

Ja.

Vielleicht machen Sie sich was vor und sehen die Heime zu positiv?

Wieso? Ich bin mit diesem Optimismus 72 Jahre lang gut gefahren. Ich will Ihnen nichts erzählen von schwerer Kindheit, aber ich habe wegen des Kriegs mit meinen Vater nur fünfeinhalb Jahre zusammen­gelebt. Mit 17 rüber von der DDR, auf dem Fahrrad, auch nicht witzig.

Und jetzt wollen Sie auch noch vorzeitig ins Heim.

Ich freu mich aufs Heim. Das wird lustig.

Wieso lustig?

Wissen Sie, ich bin dann schwerelos. Für Wohnung und Wärme, Essen und Trinken ist gesorgt. Ist doch herrlich! Ich kann mich ganz den Dingen widmen, die ich schon immer machen wollte. Ich werde viel spazieren gehen und viel lesen.

Die Fragen stellte Christine Holch

 

Information

DER GESPRÄCHSPARTNER: Konrad Franke, 73, war Kulturchef beim Deutschlandradio Berlin. Seit seiner Pensionierung hat er sich über 300 Alten- und Pflegeheime angesehen. Er schrieb „Gut leben im Heim“ sowie Heimführer für Berlin und München.

HEIMNOTEN: Alle deutschen Alten- und Pflegeheime sind mittlerweile vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) benotet, aber noch nicht alle Noten sind veröffentlicht. Die Noten und Transparenzberichte kann man über vier Such­maschinen finden, Eingangsseite dazu: www.pflegenoten.de
Wichtig: nicht nur auf die Allgemein­note achten! Denn eine gute Gesamtnote bedeutet nicht automatisch, dass in einem Heim alles gut ist. Es kann sein, dass ein Heim die Gesamtnote 1,2 erhält, aber in wichtigen Details patzt – etwa weil Stürzen nicht vor­gebeugt wird oder weil es keine ge­eigneten Angebote für Bewohner mit Demenz gibt. Deshalb unbedingt den gesamten Transparenzbericht her­unter­laden und die 82 Einzelbewertungen anschauen. Trotzdem müssen schlechte Detailnoten nicht schlechte Qualität bedeuten – sagen die Altenheimbetreiber. Denn oft prüfe der MDK auf der Papierebene (also: Steht in der Dokumentation was von Sturz­prophy­laxe?), kaum aber die Ergebnisse der Pflege am konkreten Menschen.
Eine gewisse Ergänzung zu den Noten ­bietet der „Grüne Haken“. Geschulte Ehrenamtliche haben bislang rund 1000 Heime beurteilt – nach eher „weichen“ Faktoren der Lebensqualität (etwa: Wird angeklopft vor Betreten des Zimmers? Kann man im eigenen Zimmer sterben?): www.heimverzeichnis.de

ALTERNATIVEN ZUM HEIM:  „Gemeinschaftliches Wohnen“ kann eine Alternative zum Heim sein. Wie das geht und welche Hürden zu meistern sind, lesen Sie in einem Text auf www.chrismon.de, wenn Sie im Suchfenster „gemeinschaftliches Wohnen“ eingeben.
Projekte für generationenübergrei­fendes Wohnen finden sich hier: www.fgwa.de

BETREUTE WG: Betreute Wohngemeinschaften haben meist Demenzerkrankte als Zielgruppe. Eine Qualitätscheckliste für betreute Wohngemeinschaften findet sich hier: www.wg-qualitaet.de

FOTOS: Details, die Laune machen, haben wir in drei Münchner Altenheimen fotografiert: Luise-Kiessel­bach-Haus (S. 38 und 42), Marienstift (S. 41), Georg-Brauchle-Haus (S. 41, rechts)

Lesermeinungen

Beim Lesen des Artikels "Das wird lustig im Heim" hatte ich das Gefühl, ich lese über eine Zukunftsvision. Ich kann die Begeisterung, die der Artikel zum Teil zu vermitteln versucht, nicht nachvollziehen. Ich persönlich kenne auch einige Seniorenhäuser und diese erzählen eine ganz andere Geschichte.
Vielleicht liegt es daran, dass ich dort Menschen treffe, die nicht über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen.
Auch wenn der Autor des Artikels am Ende einräumt, dass es leider meistens noch Zukunftsträume sind, so bleibt bei mir doch das Gefühl zurück, dass der Artikel die momentane Situationen in den Seniorenhäusern in einem zu guten Licht dastehen lässt.
Ich unterstütze natürlich, dass dringend etwas getan werden muss, damit diese Vision für jeden, der seine Selbständigkeit aufgeben muss und in ein Seniorenheim gehen muss, Wirklichkeit werden kann.

Das Interview mit Herrn Franke hat mir aus der Seele gesprochen! Endlich mal keine Beschreibungen von schlimmen und schlimmsten

Zuständen in den Heimen. Ich kenne inzwischen 4 Heime, nicht alle waren so, dass ich gern dort einziehen würde, aber es waren auch keine Horrorzustände, von denen meist berichtet wird. Sicher auch - genau wie Ihr Autor schreibt - weil der Staat die Leute von einem Heimaufenthalt abhalten will, weil das viel zu teuer wird. Pflege zu Hause wird mehr schlecht als recht von Angehörigen geleistet. Ich kann vor allem auch bestätigen, dass man ein Heim suchen muss, bevor es wegen eines Sturzes oder eines Schlaganfalls o. ä. nicht mehr zu vermeiden ist. Meine Mutter und meine Schwiegermutter hatte ich vor vielen Jahren hier in H. im P. vorangemeldet. Meine 95jährige Mutter ist jetzt seit 2 1/4 Jahren im P., alles ist zu ihrer und unserer Zufriedenheit. Nettes Personal, leckeres Essen, viele Ehrenamtliche unterstützen das Pflegepersonal durch Angebote wie Vorlesen, Singen, Tanzen u. ä., was sicher in einem kleinen Ort wie Holzwickede leichter zu finden ist. Dadurch wird eine ständige öffentliche Kontrolle gewährleistet. Wichtig ist auch eine eigene Küche, damit evtl. Sonderwünsche erfüllt werden können. Alles in allem steht es für mich fest, dass ich mir fürs Alter ein Heim aussuchen werde. "Schwerelos" möchte ich auch sein. Anders als Ihr Autor habe ich jedoch Sorge, dass es für unsere Generation schwieriger werden wird wegen der finanziellen Belastungen.

Heime sind viel besser als ihr Ruf und ich danke sowohl Frau Holch für die nicht nachlassende Hartnäckigkeit Ihrer Fragen als auch Herrn Franke für seine leidenschaftlichen Antworten.

Ich gebe ihm recht: Heime wehren sich, angesichts der fortwährenden negativen Pressemeldungen, viel zu wenig. Es wird Zeit, dass wir aufbegehren! 
Träger, Einrichtungsleitungen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aber auch Angehörige und Bewohnerinnen wie Bewohner. Es gibt viele sehr gute und gute Pflegeeinrichtungen, die -wie in dem Artikel beschrieben - Konzepte für jeden Geschmack entwickeln. Es gibt extrem engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die es satt haben, dass Ihnen ständig Unlust oder Inkompetenz unterstellt wird. Es gibt viele zufriedene Menschen, die in stationären Einrichtungen leben und dort gut begleitet und versorgt werden. Und es gibt viele Angehörige, die froh sind, Ihre Eltern gut aufgehoben zu wissen und die Verantwortung ein Stück weit abgeben zu können.

Gute Betreuung und Pflege verlangt ihren Preis und ich gebe dem vorigen Kommentar Recht, dass 1.700 € Monatsrente die Ausnahme ist. Angesichts des demographischen Wandels ist eine der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, einerseits die Voraussetzungen für eine gute Versorgung im Alter zu schaffen, die Mitarbeitenden entsprechend auch zu bezahlen und gleichzeitig die Kosten in den Griff zu bekommen. Die Sozialämter zahlen die ungedeckten Kosten, noch...

Die größte Branche Deutschlands muss endlich mal kund tun, dass sie ihren gesellschaftlichen Auftrag ernst nimmt und engagiert arbeitet. Und die Kritiker sollten für sich prüfen, ob sie gegen Pflegeeinrichtungen sprechen oder ganz einfach gegen die Tatsache, dass Leben endlich ist und meistens mit dem Tod endet. In Pflegeeinrichtungen wird man mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert, auch in den Besten....

 

Herr Franke bricht eine Lanze für Alten- und Pflegeheime. Als langjährigem Besuchsdienst bei Senioren tut es gut, zu hören, dass er den Heimen, deren Lobby wirklich zu leise ist, eine Stimme gibt. Und etwa darauf hinweist, dass sich Heime mit der Generation, die sie bewohnen, ändern. Mich haben allerdings die merkwürdig aggressiven Fragen der Interviewerin mehr als gewundert. Sollte das eine Polemik werden? Das war mehr, als Ängste und vor allem Nichtwissen einer LeserInnenschaft auszudrücken. Das war unangemessen.

Wobei auch Herr Franke das große Beruhigungsbonbon abgeschossen hat: selbstverständlich würden Leute mit Störungen in der Nahrungsaufnahme von den anderen, gesunden, separiert. Tatsache ist, meist gibt es verschiedene Speisebereiche, auch aus Stressgründen für sehr kranke, meist demente Bewohner und Bewohnerinnen. Das ist aber etwas anderes als "Behinderte" abzuschieben. Wie würde sich Herr Franke fühlen, wenn man das zu Ende deklinierte: er wird gebrechlich und eines Tages wird ihm eröffnet, ab heute müsse er "hinter dem Vorhang" essen, damit er die anderen Menschen nicht belästige. Das wäre kein humanes, schon gar kein christliches Haus.

Mit vielen Grüßen, Barbara Hocke

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich über eine solche positive Einstellung zum Pflegeheim.

Ich bin die Gründerin und Vorsitzende des Fördervereins Seniorenvilla Karlsfeld (s.auch unsere homepage). Meine 96-jährige Mutter lebt in einem Pflegeheim und ist dort recht zufrieden. Im Jahr 2010 habe ich viele Interviews geführt mit pflegenden Angehörigen, einer Pflegekraft und einer Heimleiterin. 17 davon erscheinen im Herbst als Buch im Wagner Verlag Gelnhausen, illustriert von meiner Enkelin Julia Eder, die demnächst u.a. Kunst studiert. Die Arbeiten am Computer hat zum großen Teil ihr Bruder Moritz gemacht, angehender Informatikstudent.

Falls Sie dies alles interessiert, könnte ich Ihnen die Datei zumailen. Im Falle einer beabsichtigten Veröffentlichung wäre zuvor der Verlag zu kontaktieren, der die Pressearbeit übernehmen wird.

Mit freundlichen Grüßen
Karin Boger

Guten Tag,

Herr Konrad Franke ist leider sehr realitätsfern.

In meinem Umfeld gibt es keine Heim, worin man gerne leben möchte.
Überall das selbe: Personalnot und zu viel unausgebildetes Personal und vor allem, ungeeignetes Personal. Altbackene Heimleiter- und -innen! Keine Zeit für Zuwendung!
Der Bewohner wird geduzt, die Personalkleidung ist weiß, wie im Krankenhaus.
Die kompetente Dementenbetreuung steht nur auf dem Papier und Sterbekompetenz: Fehlanzeige.
Kaum frische Luft für die Bewohner und die bettlägerig sind, können sich gleich erschiesen.

Ich habe das monatelang miterlebt. Meine Schwester und ich haben unseren Vater jeden Tag besucht und mit ihm etwas unternommen-zu jeder Tageszeit und z.T. abends.
Zusätzlich haben wir eine nette Frau eingestellt, die fast jeden Tag mind. 2 Stt. bei Vati war.
Sonst wäre es total unerträglich für Vater gewesen.

Herrn Frankes "Visionen" beziehen sich auf reiche Leute. Das ist aber vor allem im Osten oft nicht der Fall.
Also, was soll die Märchen-Schreiberei ?!

Dafür sollte Herr Franke sich für Änderung an die Politiker wenden.

R. Krause

Herrn Frankes "Visionen" beziehen sich nur auf Leute, die viel Geld haben.
Das ist aber im Osten oft nicht der Fall.

Herr Franke wird leider nur sehr schwerlich in das Heim einziehen können in dem ich die Pflege leite. Aufnehmen kann ich nur Pflegebedürftige ab Pflegestufe 1 und er muss ca. ein Jahr vorher bei mir eine Dringlichkeitsmeldung abgegeben haben. 3 - 12 Monat wartet man hier in der Gegend auf einen frei werdenden Platz. Sie werden bei uns aber kaum Dement und nichtdemententiell Erkrankte an einem Tisch finden. Das lässt sich organisatorisch durch verschiedene Gruppenräume leicht trennen. Die Speisekarte - sie haben die Wahl zwischen 3 Essen oder oder einfach Komponenten mischen . Ausschlafen , warum nicht - kein Thema. "Schreier" - ja die gibt es auch - aber die Grenze zwischen sedieren und "leben lassen" ist oft schmal. Ich habe allerdings auch Pflegemitarbeiter am burn -out. Uns fehlen Ehrenamtliche - ehrenamtlichen Dienst im Altenheim kennt man hier kaum. Morgens sind 4 Pflegemitarbeiter für 28 Bewohner zuständig - da wirds manchmal eng. Ich selber - nein ich würde nicht bei mir einziehen - auch nicht in eine oben angedachte Seniorenresidenz (da habe ich unter noch schlechteren Bedingungen gearbeitet) - leben lässt es sich derzeit am besten in den Wohngruppen . Mein Fazit: Pflege abhängig von den Mitarbeitern und nicht von der Wohnform - deshalb arbeite ich gern in dem Pflegeheim in dem ich jetzt bin.

So sind sie, die "neuen jungen Alten", liebe Pessimisten und Schwarzseher die Ihr in den Heimen seid und den ganzen Tag nur Trübsal blast. Ich bin 63 Jahre jung und freue mich schon aufs "Altsein". Wer früh genaug damit anfängt alt zu werden, der ist mit 63 noch fit und steht in der Blüte des Lebens. Ich habe immer für meinen Körper gesorgt. Es gab sehr schwere Zeiten, aber ich habe immer auf meinen Körper aufgepasst und auch auf meine Seele. Immer glauben, niemals zweifeln. Herr Konrad spricht mir aus der Seele. Meine Generation wird die "Altenheime" aufmischen zu einer Stätte "der Freude im Altsein" machen. Ich werde den Artikel ausschneiden und in meinen Seminaren verteilen. Neues Denken bedarf auch (dringend) neues Handeln. Dieser Artikel hat mich so sehr motiviert, dass ich eine Projekt, welches ich erst in 5 Jahren starten wollte jetzt starten werde. Ein altes Winzerhaus in der Nähe von Basel wird umgebaut zu einer Seniorenresidenz im Stil (auch) dieses Artikels. Gerne würde ich mit Herrn Konrad Kontakt haben um einmal mit Ihm zu reden über diese Vision, die jetzt auf die operative Ebene gebracht werden muss. Ein begeisterter Alter, der seit Frau Käßmann zurückgetreten ist zum ersten Mal überzeugter evangelischer Christ ist. Liebe Grüße an alle die diese Zeitschrift machen. Dieter Müller

Und was machen sie, wenn ihnen der liebe Gott Gesundheit bis zum Grab geschenkt hat und keine Pflegestufe zur Verfügung steht? Dann werden 2700 € fällig. Ein ehemaliger Kulturschef wird sich auch das leisten können und noch Geld genug übrig haben, die dem Leben das „Pünktchen auf dem i“ ermöglichen. Zeitungen, Bücher, Theaterbesuche und gelegentlich die Oper, Konzerte usw. Und alle anderen? Zu kurz gedacht Herr Franke. Sie sollten nicht nur Heime wie das Augustinum und vergleichbare besuchen und mit Personen sprechen, die von der Allgemeinheit alimentiert werden. Ich denke, es wird nicht lustig in der Zukunft. „Intensivhaltung“für die Mehrheit der Bevölkerung auf der einen Ebene und Luxus- oder Elitepflege auf der anderen

Endlich ein positiver Bericht über Pflegeeinrichtungen! Ich danke Frau Holch für die nicht nachlassende Hartnäckigkeit Ihrer Fragen und ebenso Herr Franke für seine begeisterten Antworten. Dieser hat recht: es wird Zeit, dass wir uns gegen die pauschalisierenden negativen Pressemeldungen wehren. Wir, die Träger, die Einrichtungsleitungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner, die sich respektiert, sicher und gut betreut fühlen und deren Angehörige, die froh sind, ihre Eltern gut versorgt zu wissen und die die Verantwortung ein Stück weit abgeben können. Die in Pflegeeinrichtungen arbeitenden Menschen haben es satt, in der Presse immer wieder pauschal als unmotiviert und abgestumpft verurteilt zu werden. Die große Mehrheit betrachtet den Beruf als Berufung und arbeitet entsprechend engagiert, empathisch und verantwortungsbewusst. Es gibt viele sehr gute und gute Einrichtungen in Deutschland. Einrichtungen, die innovative Konzepte entwickeln, damit jeder pflegebedürftige Mensch, der einer stationären Versorgung bedarf, etwas entsprechend seinem Geschmack, seinem Lebensstil und seinen Bedürfnissen findet. In Einem gebe ich dem vorherigen Kommentar recht: eine Zuzahlung von 1.700 € monatlich können sich nur wenige leisten. Das damit abzutun, dass die Deutschen sich darauf einstellen müssen, greift zu kurz. Eine normale Rente kann den Selbstzahlerbetrag nicht aufbringen. Angesichts des demographischen Wandelns gehört es zu den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit, die Strukturen für eine gute Versorgung im Alter zu schaffen, in welchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend Ihren Leistungen bezahlt werden und gleichzeitig die Kosten in den Griff zu bekommen. Die Sozialämter zahlen heute die Kosten, die nicht mit Eigenmitteln bezahlt werden können, noch.... Ich frage mich inwieweit die Kritiker, die Pflegeeinrichtungen pauschal verurteilen, wirklich die Einrichtungen meinen. Es wäre gut, wenn sie selbstkritisch prüfen würden, ob sie nun die Einrichtungen meinen, oder die Tatsache, dass das Leben endlich ist, für jeden von uns. Mit dieser Endlichkeit des Lebens wird man in Pflegeeinrichtungen konfrontiert, auch in den Besten.... Claire Désenfant Pressesprecherin des DVLAB, Bundesverband der Leitungskräfte von Alten- und Behinderteneinrichtungen e.V.

Dass viele Heime besser als ihren Ruf sind, ist richtig Und der pragmatische Umgang des Autors mit dem Alter ist in einer Zeit der Jugendwahn und Verdrängung des Todes sehr erfrischend. Allerdings stört folgende Aussage: "Pflegestufe 1, also 1023 Euro weg, dann sind Sie bei 1700 Euro, die Sie selbst be­zahlen müssen im Monat. Darauf werden sich die Deutschen einrichten müssen." Laut einer Studie des DIW (2010) haben jedoch 82% der Deutschen ein Einkommen unter 1844 Euro netto, 22% davon sogar unter 866 Euro. Wie sollen diese Menschen, denen 1700 Euro monatlich nicht mal im Berufsleben zur Verfügung stehen, solche Summen im Alter aufbringen? Es ist letztendlich doch ein elitäre Ansicht der Sache, leider...

Der Hase liegt woanders im Pfeffer: Überarbeitung, Erschöpfung (burn out) und hohe Fluktation des Personals bei geringer materieller und gesellschaftlicher Anerkennung. Ent-persönlichung der Pflege. Aber: Eigentlich möchte ich mit meinem Kommentar in erster Linie die optimistische und mutmachende Einstellung von Konrad Franke loben. Tatsächlich wird die Einflußmöglichkeit von blitzgescheiten und noch relativ gesunden HeimberätenInnen unterschätzt, die durch externe Mitglieder immer an Stärke gewinnen. Wir brauchen die Aufwertung der Pflegeberufe! Das zu Unrecht vielgeschmähte Mittelalter hat immerhin eine engagierte Pflegekraft zur Heiligen gemacht: Elisabeth von Thüringen. Martin Gerhardt/Betriebsratsvorsitzender eines Senioren- und Pflegeheimes.

Ihre Zeitschrift lese ich seit Jahren. Sie ist interessant und greift viele menschliche Themen auf. Bei diesem Bericht könnte ich aber aus der Haut fahren. Er ist unrealistisch.Hat dieser Mensch sich nur die Aufenthaltsräume und Flure und die Speisekarten angesehen? Welches Leid sich hinter den Türen abspielt, ist ihm wohl entgangen. Patienten, die aufgrund Ihrer Demenz fortgesetzt rufen, wiel sie körperliche Beschwerden haben, aber aufgrund ständiger Ruferei nicht mehr beachtet werden. Selbst externe Ärzte sich Patienten, wie es wünschenswert wäre, nicht richtig ansehen, somit wundliegen an der Tageordnung ist. Das Personal überfordert, da unterbesetzt und mitunter interessenlos nur das mindeste tut, um die Patienten aus dem Dreck zu ziehen, dadurch weitere körperliche Beeinträtigungen entstehen. Dies findet hinter den Türen statt. Tischgesellschaft kann sich ein Heimbewohner nicht aussuchen. Sobald als dement eingestuft sitzt er mit sabbernden, ständig laut schreienden Mitbewohnern zusammen. Nicht jeder als dement Eingestufte bekommt sein Umfeld nicht mehr mit. Dieser Mensch bewertet hier den Einzug ins Heim, wie die Verlagerung seines Lebens in ein Hotel, in dem er versorgt ist und seinen Interessen nachgeht. In der von ihm beschriebenen Art kann er dies nur, wenn er noch nicht gesundheitlich eingeschränkt ist. Ob er dann ohne Pflegestufe sich dieses "Hotel" leisten kann, bleibt ihm überlassen. Es gibt Menschen für die das Heim ein Segen ist, solange sie noch halbwegs beweglich sind und ihre Bedürfnisse äußern können. Für andere ist es mitunter ein unerträglicher Zustand am Ende ihres Lebens, wenn sie wegen ihrer körperlichen Gebrechen bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen sind und aufgrund des meist unterbesetzen Pflegepersonals lange warten müssen bis jemand kommt. Wo ist dieses Heim, in dem man ausschlafen kann und alle 20 Minuten jemand nachschaut ob einem die Brille, die Zähne, vielleicht aber man selbst aus dem Bett gefallen ist.? In München? Und der Spruch "die Generation der Duscher " kommt. Wenn der gebrechliche sich nicht mehr bewegen kann, wird heute selten geduscht. Die Badewannen werden nicht oft benutzt. Dies ist eine Frage des Zeitaufwandes, den das Pflegepersonal nicht hat. Die Realität in Heimen ist mitunter besorgniserregend.Leider reicht die Seite nicht um hier detalierte Ausführungen aufzuzählen. Sicher gibt es gute Heime und auch zufriedene Bewohner, aber dieser Bericht ist einfach in seinen Aussagen dilettantisch. Die Fragen der Autorin sind real. Die Ausführungen von Hr. Franke nicht.

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