Auf mich wartet doch keiner
Mirijam Günter
Sie haben es mir immer wieder erklärt, trotzdem habe ich nicht kapiert, warum ich weg von meiner Mama musste. Sie war einfach nicht mehr da und sie kam nie mehr, um mich zu besuchen, geschweige denn mich nach Hause zu holen, wie sie es mir versprochen hatte. Mit dreizehn habe ich dann beschlossen, dass meine Mutter gestorben ist; dann hörten die Fragen endlich auf. Tote Mütter können einen ja nicht besuchen. Den Erwachsenen, die in den Heimen waren, denen konnte ich nicht trauen. Ich bin eh ständig überall geflogen; so hatte ich das Gefühl, alle rasen durch mein Leben wie eine Achterbahn, aber immer saßen da andere Leute drin. / Olaf, 19
Ein junger Mensch kommt in ein Heim. Wie soll er verstehen können, dass er im Stich gelassen wird, fallengelassen wurde und vielleicht gar nicht geliebt wird? In einem Heim lebe ich mit fremden Kindern oder Jugendlichen zusammen und mit Erwachsenen, die sich nicht Eltern nennen, sondern Erzieher oder Sozialpädagogen. Diese Erwachsenen, die da um mich herum sind, sind nicht bei mir, weil sie meine Eltern sind und sie mich lieben, sondern weil ich der Beruf bin und zwar immer dann, wenn sie sich mit mir beschäftigen. Der große Mensch da kümmert sich nicht um mich, weil ich sein Kind bin, sondern weil ich seine Arbeit bin. Egal, was er macht, ob er mich morgens weckt oder mir abends bei den Hausaufgaben hilft, er macht dies, weil es sein Job ist. Und anders als bei Mama und Papa wechselt der Name derer, die mich wecken und mir bei den Hausaufgaben helfen.
Da, wo ich wohne, wohnt der Erwachsene nicht. Nach seinem Feierabend fährt er in sein eigenes Zuhause, zu Menschen, die er liebt. Er macht Feierabend von mir, und er fährt in Urlaub, um sich von mir, seiner Arbeit, zu erholen. Er stöhnt zuweilen, wie anstrengend sein Job, also ich, sei.
Kinder sind gemein, wenn sie um Liebe konkurrieren
Wenn ich einen der Beschäftigten in meinem Heim liebe, führt das trotzdem nicht dazu, dass er nachmittags da ist, wenn ich Sorgen habe; denn dann hat er Feierabend oder frei von mir. Und dieser Erwachsene kommt nicht zu meiner Schulaufführung, weil er sich an dem Tag extra frei genommen hat, um stattdessen zur Schulvorstellung seiner Tochter zu gehen. Das haben mir die anderen aus meiner Gruppe erzählt, obwohl sie dem Erzieher versprochen hatten, nichts zu sagen; aber Kinder sind ganz schön gemein, vor allen Dingen, wenn sie um Erwachsene konkurrieren müssen. Manchmal kommt dieser Pädagoge auf die Idee, das Kind aus dem Heim mit nach Hause zu nehmen. Dann sieht es die glückliche Familie, die es selbst nie hatte, und fängt an, sich zu hassen – denn an wem außer ihm selbst soll es denn gelegen haben, dass es nicht so viel Glück besitzt?
Ich vertraue einem Erwachsenen im Heim, und dann kommt der Fall, dass ich ihn brauche. Aber er ist nicht da. Dafür ein anderer, den ich nicht leiden kann. Zusammen mit anderen buhle ich trotzdem um seine Gunst. Zu meinem Pech weiß er, dass ich ihn nicht leiden kann, und er hat nicht vergessen, dass ich ihm, dem Morgenmuffel, morgens um Viertel nach sieben Salz in den Kaffee geschüttet hatte. Kein Wunder, dass er lieber mit einem anderen Jugendlichen Tischtennis spielen geht; das ist vielleicht nicht professionell, aber menschlich komplett nachvollziehbar.
Und montags erzählen die anderen ihre Familiengeschichten
Überhaupt ist mein Leben fast ausschließlich vom Kampf um etwas Aufmerksamkeit geprägt. Ich muss kämpfen, auch in der Schule, wo alle wissen, wo ich herkomme. Und keiner von denen stellt sich vor, wie das so ist, wenn man sich nachts die Augen ausweint, weil einen keiner liebt, weil einen keiner besucht und man der einsamste kleine Menschen auf Erden ist, und am nächsten Tag erzählen die anderen Kinder von Opas und Omas und Eisessen und solche Familiengeschichten.
Also versuche ich die Aufmerksamkeit der normalen Menschen zu bekommen. Die Konkurrenz ist groß, also muss ich besser sein. Und mein Glück ist, dass sie mir alles zutrauen. Also erzähle ich meinen Klassenkameraden, dass ich einem Jungen, der viel größer als ich war, ein Messer an den Hals gehalten habe, und dann dem Richter, der mich verurteilen wollte, ins Gesicht gespuckt habe. Mit offenen Mündern starren mich die Mamakinder bewundernd an. Ich stehe im Mittelpunkt und genieße ihre Aufmerksamkeit. Auch wenn ich bisher nur ein Brotmesser in der Hand hatte und erst dreizehn bin.
Die junge Lehrerin, die ich gerne als Mama hätte, habe ich gestern dabei beobachtet, wie sie ein Mädchen getröstet hat, das ganz böse von ihrer Mama ausgeschimpft worden war. Die Geschichten, die ich über meine Mutter erfinde, treiben der jungen Frau Tränen in die Augen und sie kümmert sich hingebungsvoll um mich.
Ich habe mich so in meine Fantasiegeschichten geflüchtet, dass ich nachher gar nicht mehr wusste, was wahr war; manchmal ertappe ich mich noch heute dabei, dass ich, wenn es mir schlechtgeht, einfach Geschichten erfinde, damit sich mal jemand um mich kümmert. / Anja, 23
Ich erfinde auch mal einen Vater, der als Kapitän auf einem Dampfer durch die Welt fahren muss, damit er genug Geld verdient, um einen aus der Not herauszuholen. Egal, ob es tatsächlich einen Vater gibt oder der statt auf dem Hochseedampfer glücklich mit seiner richtigen Familie im Sauerland sitzt und einen längst vergessen hat. Das habe ich einfach komplett verdrängt. Der Fußballtrainer, der zweimal die Woche nur mit mir Elfmeterschießen übt, weil er weiß, dass ich ein großartiger Fußballspieler bin, macht die anderen richtig neidisch. Hoffentlich bekommt keiner heraus, dass es ihn gar nicht gibt und ich stattdessen zwei Nachmittage die Woche alleine in der Stadt herumlungere.
Ich nutze meine Fantasie, weil ich das Gefühl habe, an der Realität zu zerbrechen, denn gerade hat mein Lieblingserzieher Herr K. gekündigt (ich denke, er geht meinetwegen). Er wechselt den Job, weil er etwas Interessanteres gefunden hat (ich bin also nicht mehr interessant); er verdient woanders besser und hat bessere Arbeitsbedingungen (da, wo ich wohne, ist es also schlecht). Er möchte sich eine Auszeit nehmen (von mir). Alles Unsinnsfantasien? Nein. Sosehr ich bettele und vielleicht ein letztes Mal für lange Zeit weine, er bleibt nicht da. Wieder verlässt mich jemand, den ich liebe. Und dann sagt er mir, dass er mich auch vermissen würde und dass ihm die Entscheidung schwergefallen sei. Und ich verstehe nicht, warum er sie dann getroffen hat. Oder belügt er mich und wird mich gar nicht vermissen. Vielleicht ist er ja froh, dass er von mir weg ist?
Ich habe alle verloren, die mich beschützen
Mein Lieblingserzieher und meine beste Freundin Nicole, die von ihrer Mutter nach Hause geholt wurde, sind weggegangen von mir. Und dann wird mir noch mitgeteilt, dass man sich fortan meine Geschichten nicht mehr bieten lassen würde, jetzt wo Herr K. weg sei. Jetzt würden andere Zeiten für mich anbrechen. Und ich höre nur: Ich habe alle verloren, die mich beschützen können.
Und dann ist die Zeit gekommen, da muss auch ich gehen. Weil ich zu alt bin. Ich komme in eine neue Gruppe, muss mich wieder behaupten und mich an neue Menschen gewöhnen.
Mein Zuhause war nur ein Zuhause auf Zeit; die, die mich mochten, mochten mich nur so lange, bis ich gehen musste.
Ich habe beschlossen, Kinder zu bekommen, weil ein Kind mich nie verlassen würde. Ich wollte endlich eine eigene Familie, so wie alle. Max wollte das ebenfalls. Er meinte, wenn er ein Kind hätte, würde er keine Scheiße mehr bauen. Na ja, das hat nicht so ganz geklappt; erst war er im Knast und dann hat er mich verlassen. Aber meine beiden Kinder, die kann mir keiner nehmen, die sind alles, was ich habe... / Anja
Und nach dem Heim? Manchmal kann man denken, es hört niemals auf. Man ist auf ewig anders und alleine. Jugendämter wollen einem fünfzehn Jahre später kein Kind zur Adoption oder Pflege vermitteln (wie in Köln geschehen). Viele Menschen behandeln einen schlagartig anders, sobald sie wissen, dass man keinen familiären Rückhalt hat – dass kein Professorenpapa bei der seit Jahren volljährigen Tochter mal ein wichtiges Wort einlegt oder eine brave Angestellte zur Furie wird, wenn ihr erwachsener Sohn ungerecht behandelt wird. Mit dem Ende des Heimaufenthalts endet ein Vertrag, der in einer Familie niemals aufhören sollte.
Als ich aus dem Heim entlassen wurde, fiel ich erst mal in ein Loch. Die Heimleitung hat mir zwar geholfen, aber ich hatte auf einmal das Gefühl, als hätte ich mein Leben auf einem anderen Planeten als meine Mitmenschen verbracht. Ich empfand das so, als wenn ich komplett anders fühlen und denken würde als sie. Ich weiß immer noch nicht, ob das stimmt. Und dann wollte ich einfach wissen, ob es irgendjemanden auf dieser Welt gibt, der an mir hängt und mich liebt. Ich habe die Schraube immer schneller gedreht, bis sie rausgeflogen ist und ich im Knast saß. Jetzt habe ich eine Antwort auf meine Frage. An mir hängt keiner, in dreizehn Monaten, in denen ich hier sitze, hat mich keiner besucht. Nicht einer von denen kam, mit denen ich mein bisheriges Leben verbracht habe. / Olaf
Aber vielleicht hören auch all die Kümmernisse mal auf und dann kehrt vielleicht das Glück ein, denn irgendwann wird eine SeeleMit dem Begriff Seele ist in der Bibel meist das Leben des Menschen gemeint, nicht im Sinne einer körperlichen Funktion, sondern als Lebensprinzip. Der Mensch hat nicht eine Seele, sondern er ist eine lebendige Seele. An die Funktion des Gehirns oder des Herzens ist die Seele nicht gebunden. Der Begriff „Seele“ gleicht eher dem, was man heute unter Ganzheitlichkeit und Identität versteht. Nach dem Katechismus der katholischen Kirche (1993) ist die Seele von Gott geschaffen und unsterblich: „Sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen.“ Nach dieser Vorstellung schläft die Seele zwischen Tod und Auferstehung. An den Seelenschlaf glaubte man auch in reformatorischer Zeit. In Bachs berühmtem Choral aus der Johannespassion heißt es: „Ach, Herr, lass dein lieb’ Engelein/am letzten End’ die Seele mein/in Abrahams Schoß tragen!/Den Leib in sein’m Schlafkämmerlein/gar sanft, ohn’ ein’ge Qual und Pein/ruhn bis am Jüngsten Tage!“, die nicht Mutter heißt, einen finden, obwohl man allein ist, und vielleicht wird man feststellen, dass Gott Gott ist nach einer gängigen Vorstellung „das höhere Wesen, das wir verehren“. In Heinrich Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ lässt jedenfalls ein Kulturpapst „Gott“ aus seinen Radiovorträgen herausschneiden und durch diese Wendung ersetzen. Gott gilt als Grund alles Seins, hat aber – anders als eine unpersönliche Schicksalsmacht – zugleich auch eine personale Seite, an die sich der Mensch im Gebet wenden kann. Gott kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Für den Gläubigen ist Gott keine Annahme, sondern Wirklichkeit und transzendentes, also jenseitiges Gegenüber. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehen davon aus, dass sich alles, was ist, auf Gott zurückführen lässt. So bleibt in diesen Religionen die Frage offen, wie derselbe Gott, der das Gute will, auch das Leid und das Böse zulassen kann. einen, schon aus Trotz, niemals fallenlassen wird. Manchmal trifft man Engel, die ganz bürgerliche Namen haben, die zeigen einem so lange die Herrlichkeiten der Natur, bis man all die Traurigkeiten vergessen hat.

Leserkommentare
"Heimkinder"
Was PädagogInnen von Frau Günter lernen können
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Vielen Dank an Mirijam Günter
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Ich bin selbst Erzieherin und
Heimkinder
Beschreibt die Sache sehr
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Heimkinder
Heimkinder
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