Slumtourismus

Einmal Elend und zurück: Sightseeing zum Slum?

Foto: Eveline Dürr

Müllkippe in Mazatlán, Mexiko.

chrismon: Slumtourismus – heißt das, vom Reisebus aus Arme angucken?
Eveline Dürr:
Es gibt tatsächlich sogenannte Safaritouren kommerzieller Anbieter, die einige Stunden mit Luxusbus und Guide durch den Slum führen. Aber es gibt auch Organisatoren, die sich als karitativ begreifen; ihnen geht es eher um die Begegnung mit den Menschen vor Ort und um soziale Projekte.
Warum wollen sich wohlhabende Reisende die Armut ansehen?
Einige machen das eher aus Sensationslust. Eine Frau sagte: „Damit ich zu Hause was erzählen kann.“ Manche wollen ihren Kindern vermitteln, wie gut es uns geht. Andere wollen die sozialen Missstände an ihrem Urlaubsort nicht ausblenden.
Sie haben in Mazatlán, Mexiko, geforscht. Wie läuft eine Tour dort ab?
Dort bietet eine evangelikale Kirche die Tour an. Die meist nordamerikanischen Teilnehmer bekommen Verhaltensregeln: Fotografieren ist erlaubt, Geld oder andere Geschenke nicht. Das richtige Schuhwerk ist wichtig, es ist dreckig. Man streicht Brote und füllt Wasserflaschen ab. Die werden später verteilt, wenn der Bus an einem Müllberg hält. Das ist der Höhepunkt der Tour. Dort trennen Leute den Müll, um ihn weiterzuverkaufen. 20 Minuten ist Zeit. Es ist heiß und stinkt. Die Touristen schauen sich um. Zu Gesprächen kommt es allerdings kaum, sie können meist zu wenig Spanisch.
Fühlen sich die Menschen auf der Müllhalde nicht wie im Zoo?
Einige schämen sich ihrer Situation und wollen so nicht gesehen werden. Andere finden es gut, dass sich jemand für sie interessiert. Vielleicht lenkt das auch das Augenmerk der Stadtverwaltung auf sie.
Mit welchen Folgen?
In Rio de Janeiro zum Beispiel hat die Stadt in die Infrastruktur touristisch interessanter Slumgebiete investiert. Aber es besteht auch die Gefahr, dass der Slum zum Themenpark wird und sich die Gegensätze in der Stadt verfestigen.
Also doch lieber keine Slumtour?
Ich würde vor so einer Tour fragen: Wohin gehen die Gewinne? Gibt es die Gelegenheit zur Interaktion, zum Gespräch? Und vor allem: Sind die Anwohner an der Gestaltung beteiligt?

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