Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald

epd-bild/Reproduktion

Zum Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald - aus dem chrismon-Archiv: Fünf Jahre lang trotzte Landpfarrer Paul Schneider in den Dörfern des Hunsrück den Pressionen der Nazis. Er musste ins Konzentrationslager.

Auf dem evangelischen Friedhof eines Hunsrückdorfes wird am 12. Juni 1934 der Hitlerjunge Karl Moog bestattet. Pfarrer Paul Schneider vollzieht die Beerdigung. Örtliche Nazigrößen, Arbeitsdienstler, SA und Hitlerjugend beherrschen das Bild. Auch etliche Gemeindemitglieder sind erschienen. Der Pfarrer spricht am Grab die Gebete der evangelischen Kirche. Dann ergreift auch der NS-Kreisleiter das Wort. Der Tote, so sagt er, sei in den himmlischen Sturm Horst Wessels eingegangen. Pfarrer Schneider kann das so nicht stehen lassen. Ob es einen himmlischen Sturm Horst Wessels gebe, wisse er nicht, sagt er am Grab, aber Gott möge den Jungen segnen und ihn in sein Reich aufnehmen. Der Kreisleiter ist aufgebracht, reklamiert den Toten erneut für den himmlischen Sturm Horst Wessels. Paul Schneider hält dagegen: "Ich protestiere. Dies ist eine kirchliche Feier. Ich bin als Pfarrer für die reine Lehre der Heiligen Schrift verantwortlich." Drei Tage später wird der Pfarrer in "Schutzhaft" genommen und nach Simmern gebracht. Die Kirchengemeinde protestiert beim Koblenzer Regierungspräsidenten: "Der ganze Hunsrück ist empört und erregt über diese Verhaftung." Die Polizei rechtfertigt sich: Sie habe auf dem Friedhof "staatsfeindliche Äußerungen" gehört. Doch nach einer Woche kommt Paul Schneider wieder frei.

Paul Schneider, der reformierte Pfarrer, ist ein Mann theologischer und politischer Grundsätze. Er war erst einen Monat zuvor, im Mai 1934, nach Dickenschied und Womrath im Hunsrück gekommen, weil ihn das Presbyterium (der Gemeindevorstand) seiner bisherigen Pfarrstelle in Hochelheim bei Wetzlar nicht mehr für tragbar hielt. Einer der Streitpunkte: Schneider wollte eigenmächtig nur noch die Kirchgänger zum Abendmahl zulassen, die sich innerlich ernsthaft darauf vorbereitet hatten. Da passierte es schon einmal, dass ihm Worte wie "Massenabendmahl" und "Hammelherde" entfielen. Aber auch seine Kritik an Propagandaminister Joseph Goebbels sorgt für Unruhe. Der hatte, wie zuvor schon SA-Führer Ernst Röhm, versucht, die evangelische Kirche wegen ihrer strikten Moralvorstellungen zum Beispiel in Ehefragen lächerlich zu machen - in Wirklichkeit wollte er aber den wachsenden politischen Widerstand der Kirche brechen.

Das Konsistorium in Koblenz sperrte einen Teil der Pfarrerbesoldung

Schließlich bewarb sich Schneider 36-jährig auf die freie Pfarrstelle im Hunsrück und wurde gewählt. In der preußischen Rheinprovinz war die Kirche zunehmend von Nationalsozialisten korrumpiert. Bereits im August 1934 hatte der Präses der Rheinischen Provinzialsynode sechs Super­intendenten, darunter Ernst Gillmann in Simmern, für Schneider zuständig, ihres Amtes enthoben und die Kirchenordnung nach dem Führerprinzip umfrisiert. Proteste versuchte das evangelische Konsistorium in Koblenz zu ersticken, indem es einen Teil der Pfarrerbesoldung sperrte. Ohne Erfolg. Ende 1934 kehrte Superintendent Gillmann in sein Amt zurück, die braune Kirchenordnung landete im Papierkorb.

Ohne Rücksicht auf Gefahren für sich selbst und seine Familie blieb Schneider auf Konfrontationskurs zu den Nazis. Als er sich gegenüber der Gestapo weigerte, auf die Verlesung eines Kanzelworts der Bekennenden Kirche vom März 1935 zu verzichten - darin war von Wahnglaube, von Abgötterei und Antichristentum die Rede - holte ihn die Gestapo wieder ab und sperrte ihn für mehrere Tage ein. Hunderten Pfarrern der Bekennenden Kirche erging es wie ihm. Anfang 1937 schloss er Mitglieder der NSDAP-hörigen "Deutschen Christen" vom Sakramentenempfang in seiner Gemeinde aus. Obwohl er deshalb im Juli 1937 aus dem Rheinland ausgewiesen wurde und Redeverbot erhielt, kehrte er wiederholt in seine Hunsrückgemeinde zurück. Im Oktober 1937 wurde er deshalb erst in Koblenz inhaftiert, dann ins KZ Buchenwald gebracht. Verurteilt wurde er nie.

Noch vom Zellenfester aus ermutigte er Mitgefangene auf dem Appellplatz des Lagers, auf Gott zu vertrauen, weshalb er später den Ehrennamen "Prediger von Buchen­wald" erhielt. Der Lagerarzt griff im Juli 1939 zur Giftspritze und tötete ihn mit einer Überdosis Strophanthin.

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