"Liebe junge Freunde ..."

Die Erwachsenen witzelten über Pfarrer Böttcher. Er war immer ein wenig zerstreut, ja geistesabwesend, wenn man ihm begegnete. und er sagte seltsame Sätze wie: "Willkommmen in eures Vaters Haus!" Eine Geschichte aus der Kirche

Beziehungen zu Mauern dauern. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, Steine seien tote Materie, selbst dann, wenn sie nach allen Regeln der Kunst aufeinandergeschichtet und mit Mörtel zusammengefügt worden sind. Aber man kann auch darauf beharren, ein Individuum sei ein genetischer Zufallscocktail und das Universum halt eine Kombination diverser chemischer Elemente.

Ich habe zu einigen Gebäuden, in denen ich gelebt oder gearbeitet habe, in die ich als Kind musste oder durfte, besondere Beziehungen. Sie dauern an, obwohl ich die Gemäuer zum guten Teil schon seit Jahren nicht mehr gesehen, geschweige denn betreten habe. In manche zieht mich auch nichts. Würden sie nicht in meinen Träumen erscheinen, wäre ich erfreut und würde vermutlich - ganz genau weiß ich es nicht - wenig vermissen. Zu diesem Typ Gebäude zählen meine Schulen. Vor allem mein ehemaliges Gymnasium, gebaut 1910. Mit seinen langen, düsteren Gängen, den zwar hohen, in meiner Erinnerung aber ziemlich schrappigen Klassenräumen, dem aufdringlichen Geruch von Bohnerwachs und scharfen Reinigungsmitteln taucht es in Träumen auf, die wenig dazu beitragen, erquickt und ausgeruht zu erwachen. Ich renne nachts durch die Gänge, verirre mich, treffe grundsätzlich nur die am wenigsten sympathischen Lehrer und Mitschüler und komme immer zu spät. Zum Sport, zu Klassenarbeiten. Schulen waren "auswärts", nicht zu Hause. Daran hat sich auch mehr als dreißig Jahre später nichts geändert.

Ganz anders verhält es sich mit der Kreuzkirche. Kaum jemand käme auf die Idee, diesen spröden Ziegelbau aus den späten fünfziger Jahren ein Gotteshaus zu nennen. Lediglich der Turm mit dem Satteldach, dem Glockenstuhl und der großen Uhr wies auf den Zweck hin, dem dieses Gebäude gewidmet war. Die Halle selbst hätte von Aufriss, Gestalt und Format ebenso gut eine Sporthalle oder die Liegenschaft eines Gewerbebetriebes sein können. Aber sie war "unser". Und dafür war zuallererst der aus unserer Sicht schon ziemlich alte Pfarrer Böttcher verantwortlich.

Wie hieß er eigentlich mit Vornamen? Hätte man uns damals danach gefragt, wir hätten spontan "Pfarrer" geantwortet. Pfarrer Böttcher nannte uns "meine lieben jungen Freunde", wenn er uns begegnete, und das war - man muss es heute ja immer gleich dazusagen - ohne jede Anzüglichkeit, ohne den leisesten Hauch von Anbiederung. Pfarrer Böttcher war mit Frau Pfarrer verheiratet und hatte mehrere erwachsene Kinder. Er hielt evangelischen Religionsunterricht und pflichtbewusst Konfirmandenstunde. Aber eigentlich machte er sich nichts aus Jugendlichen und Kindern. Er wirkte fast immer ein wenig zerstreut, ja geistesabwesend, wenn wir ihm auf dem Platz zwischen Kirche und Pfarrhaus oder anderswo im Viertel begegneten, während er gerade auf dem Wege zu einem kranken Gemeindeglied oder dergleichen war. Natürlich - wir hatten es, ob evangelisch oder katholisch, nicht anders gelernt - grüßten wir ihn, und zwar zuerst: "Grüß Gott, Herr Pfarrer", und er antwortete dann eben mit: "Seid ebenfalls gegrüßt, meine lieben jungen Freunde", lächelte uns kurz zu und ließ seinen Blick sofort wieder dem Horizont entgegengleiten.

Die Erwachsenen witzelten über diesen sonderlich scheinenden Menschen. Bestenfalls sagten sie mit einem leisen Grinsen: "Er wird wieder an seiner Predigt arbeiten." Dass uns Pfarrer Böttcher kaum zur Kenntnis nahm - auch seine Konfirmanden berichteten nichts anderes - tat uns nicht weh. Er strahlte Güte aus. Und er öffnete seine Kirche für uns.

Information

Diese und andere "Geschichten unterm Kirchturm" - u. a. von Thommie Bayer, Ulla Hahn, Eckart von Hirschhausen und Wladimir Kaminer - finden sich in dem Buch Wo wenn nicht hier, das die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler jetzt in der edition chrismon herausgebracht hat. Im Buchhandel oder über www.chrismonshop.de. Preis 16 Euro. Sehen Sie auch: www.stiftung-kiba.de

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