Einer muss es machen

René Prêtre, 53, ist Chefarzt der Kinderchirurgie des Kinderspitals in Zürich und "Schweizer des Jahres 2009". Für seine Stiftung "Le petit coeur" operiert er zwei Wochen im Jahr herzkranke Kinder in Mosambik. Ein Gespräch mit einem, der das Herz liebt, für seine Arbeit lebt und schwer daran trägt, wenn er verantwortlich ist für die Behinderung oder den Tod eines Kindes

Professor Prêtre, Sie sind mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wie wurden Sie Kinderherzchirurg?

Eigentlich wollte ich den Hof übernehmen. Ich war total verliebt in die Arbeit in der Natur. Wir hatten 18 Kühe, Hühner, Enten. Dann hat es sich aber ergeben, dass einer meiner Brüder den Hof weiterführte.

Und Sie?

Nach dem Abitur wollte ich studieren. Physik war ein Thema, da war ich gut. Bei der Anmeldung dachte ich: Warum nicht Medizin? Man braucht Physik dazu. Als Student fand ich dann die Arbeit in der Chirurgie unglaublich spannend.

Warum?

Vor allem weil man mit seinen Händen arbeitet. Das kannte ich vom Hof. Und weil man sich vorher genau überlegen muss, was man tut. Diese Zusammenarbeit zwischen Kopf und Händen war mir wichtig. Dazu kam die Magie der Chirurgie. Ich operiere, und der Patient ist gesund. Das fand ich faszinierend!

Warum entschieden Sie sich für die Herzchirurgie?

Ich operierte nach dem Studium drei Jahre in New York. Der Chef der chirurgischen Station dort war Herzchirurg. Er sagte: "René, du solltest auch Herzchirurg werden." Als ich das erste Mal bei einer seiner Operationen dabei war, erklärte er: "Wir werden dieses Herz in Stillstand setzen." Mit einer Klemme stoppte er die Blutzufuhr. Es dauerte einige Sekunden, dann schlug das Herz nicht mehr. Er legte einen Bypass und sagte: "Wenn ich die Klemme wegnehme, wird es langsam anfangen..." Er machte diese pulsierenden Bewegungen mit seiner Hand. Das Herz begann wieder zu schlagen. Er sagte: "Komm morgen wieder, dann machst du das." Also habe ich meinen ersten Bypass mit ihm gemacht, am zweiten Tag, und - wow! - das war so wahnsinnig!

Sie haben sich ins Herz verliebt?

Ja, von diesem Tag an konnte ich die anderen Organe fast nicht mehr operieren. Sie hatten ihren Glanz verloren. Plötzlich war das Herz in Farbe, und die anderen Organe waren nur grau, schwarz und weiß. Wer einmal ein Herz berührt hat, will nie wieder etwas anderes operieren.

Warum?

Weil das Herz ein unglaublich faszinierendes Organ ist. Es ist wunderschön, von außen und von innen. Es hat eine innere Architektur. Die Leber hat das nicht, die Niere auch nicht. Die Herzklappen sind wie die Segel eines Schiffes. Es hat schöne Kurven. Und warme Farben: Gelb, Orange, Braun. Außerdem bewegt es sich! Auch wenn das wissenschaftlich nicht stimmt: Emotional ist das Herz, wo das Leben liegt. Wenn mein Herz zwei Mal nicht schlägt, denke ich: Oh, sterbe ich? Man kann das nicht trennen, auch ich kann das nicht. Und es ist unglaublich, vor allem bei den Kindern, wie stark das Herz reagiert. Wenn man es berührt, gibt es zwei, drei Schläge mehr. Und man denkt: Respekt vor diesem Organ!

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