Der kluge Mann vom Bosporus

Mit kleinen und kleinsten Schritten bewegt sich der türkische Religionsminister Richtung Demokratie. Ali Bardakoglu kann sehr viel bewegen, sein Einfluss reicht in vierzig Länder dieser Erde. Doch eine liberale Religionspolitik ist noch in weiter Ferne

Das Religionsministerium Diyanet residiert in einem mehrstöckigen altrosafarbenen Betonklotz am Rand der türkischen Hauptstadt. Drinnen surren die Klimaanlagen. Goldbedruckte Tapeten, schwere Teppiche und wuchtige Ledersessel geben Ali Bardakoglus Büro etwas Pompöses, was dem Behördenchef eigentlich gar nicht so liegt. In einer Behörde gehe es doch leider sehr formal zu, hat er einmal nach seinem Amtsantritt 2003 geklagt. Seine Vorgänger trugen Schwarz, doch das wirkte ihm zu schwer und autoritär. Er entschied sich für weiß, weißer Kaftan, weißer Fez. In den tiefen Sesseln versinkt der kleine, schmale Mann. Bardakoglu ist Jurist und Theologe, viele Jahre hat er als Wissenschaftler an der Universität gearbeitet. Das große Ölbild über seinem Schreibtisch macht deutlich, wem er heute zu dienen hat: Es zeigt Staatsgründer Kemal Atatürk. Neben dem Schreibtisch steht die rote Fahne der türkischen Republik.

Weil Atatürk die Türkei in einen modernen Staat verwandeln wollte, machte er Schluss mit Sultanat und Kalifat. 1924 gründete er die Diyanet, um den Türken auch wirklich alles Hinterwäldlerische im Glauben auszutreiben. Bis heute untersteht die Behörde dem Ministerpräsidenten. Denn unter Laizismus versteht man in der Türkei nicht so sehr die Trennung von Staat und Religion, sondern die Kontrolle des Staates über die Religion.

Frauen als Vize-Muftis berufen

In türkischen Behörden gilt strenges Kopftuch-, Kaftan- und Turbanverbot. Für den Diyanet-Chef wird eine Ausnahme gemacht. „Wie gut, dass ich der Einzige bin, der so rumlaufen darf“, sagt Ali Bardakoglu und fährt mit der Hand an seinem weißen, goldbestickten Gewand entlang, „sonst würden das wohl alle Männer tun.“ Ein Mann mit Humor, seine dunklen Augen schauen freundlich unter den buschigen Augenbrauen hervor. Jetzt streicht er sich kurz über den imposanten Schnauzbart, lehnt sich im Sessel zurück und beschreibt sein Aufgabenfeld: „Wenn nicht wir die Geistlichen in die Moscheen schicken, dann holen die Gemeinden sich irgendeinen zerlumpten Mann von der Straße, stellen ihn in die Gebetsnische und lassen ihn predigen.“ Was der dann predige, das wüssten nur Gott und die Gemeinde – und nach einigen Jahren würde man dann dort die merkwürdigsten Auffassungen vorfinden, die dem Staat womöglich gefährlich werden könnten.

Um das zu verhindern, versorgt die Diyanet die Türken mit „religiösen Informationen“: Astronomen berechnen die exakten Zeiten für die fünf täglichen Gebete, Theologen schreiben die Freitagspredigten für die Imame und verfassen religiöse Rechtsgutachten, in denen sie entscheiden, ob Mundsprays beim Fasten schaden (tun sie nicht) oder ob die Forschungen mit embryonalen Stammzellen zulässige Eingriffe in Gottes Schöpfung sind (sind sie). Auf einem anderen Flur durchforsten Beamte die religiösen Texte nach frauenfeindlichen Äußerungen. Dass der Prophet Mohammed gesagt haben soll: „Die besten Frauen sind die, die Schafen gleichen“, wollen die Diyanet-Theologen heute nicht mehr wörtlich nehmen, solche unsicher überlieferten Sprüche sollen getilgt werden. Bardakoglu hat das Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Er hat auch erstmals zwei Frauen als Vize-Muftis berufen.

Der weltgewandte Theologe Ali Bardakoglu hat als Gastprofessor in England gelehrt und gilt als liberal. Er soll helfen, die Befürchtungen zu zerstreuen – im In- und Ausland. Vor Wochen bekundete er, dass er es gut fände, wenn die Geburtskirche des Apostels Paulus im südtürkischen Tarsus, heute ein Museum, wieder für christliche Gottesdienste geöffnet würde. Auch habe er nichts dagegen, wenn in der Hagia Sophia in Istanbul, ebenfalls Museum, eines Tages wieder Muslime und Christen beten. Das kommt im Westen gut an.

Gleichwohl ist die Lage der Kirchen in der Türkei vertrackt, die Nachrichten über eine Liberalisierung sind widersprüchlich: Wird das vom Staat 1971 geschlossene Priesterseminar der orthodoxen Kirche auf der Insel Halki tatsächlich wiedereröffnet und damit das langsame Aussterben dieser Kirche endlich abgewendet? Wird es für den 70-jährigen Patriarchen der orthodoxen Kirche und den erst 54-jährigen, aber an Demenz erkrankten Patriarchen der armenischen Kirche einmal Nachfolger geben, die aus dem Ausland kommen? Bislang hieß es, dafür kämen nur türkische Staatsbürger infrage. Deren Ausbildung im Land wurde aber blockiert. Neuerdings heißt es, dies werde pragmatisch entschieden werden. Merkwürdig auch: Warum kann der deutsche evangelische Pfarrer in Istanbul nur als „Gesandtschaftsprediger“ mit Diplomatenpass seiner Arbeit nachgehen?

Ein Liberaler? Ein Reformer?

Vor zwei Jahren erregte ein Leitfaden für die muslimische Frau auf der Internetseite der Diyanet Aufmerksamkeit. Harmlose Alltäglichkeiten wie parfümieren und flirten wurden gebrandmarkt als Vorstufen zur Sünde des Ehebruchs. Unverheiratete Männer und Frauen sollten sich nicht gemeinsam in einem Raum aufhalten, stand da, denn „wenn ein Mann und eine Frau allein in einem Zimmer sind, ist der Dritte im Bunde der Teufel“. Deshalb sollten Frauen auch besser nicht allein reisen und nur hochgeschlossen vor die Tür gehen. Der umstrittene Leitfaden war kurze Zeit später von der Internetseite verschwunden, die Frage ist geblieben: Ist Ali Bardakoglu wirklich ein Liberaler? Ein Reformer?

Der eben noch freundliche kleine Herr wird auf einmal unwirsch und stellt klar: „Im Islam gibt es keine Reform.“ Mit Reform könnte man ja meinen Schwulenehe, Abtreibung und so. Das Christentum habe gezeigt, wohin die Modernisierung führe: zur Schwächung. Kein Wunder, dass die Kirchen in Europa leer seien. „Der Zauber der Religion liegt in ihrer Unberührtheit“, sagt Bardakoglu, „wenn wir unsere Moscheen für jeden Windhauch öffnen, wird sie ihren Zauber verlieren.“ Der Koran ist für ihn ein Heiligtum, die zugrundeliegenden Werte und Ethik sind nicht verhandelbar. Aber bei den äußeren, praktischen Dingen lässt er mit sich reden. „Man muss den Koran immer wieder neu interpretieren, denn das Leben verändert sich“, sagt er. Die Menschen hätten kulturelle Traditionen wie Schichten um die religiösen Texte gelegt. Und diese -Traditionen seien wandelbar.

Im Namen Allahs für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu streiten und zugleich eine erzkonservative Sexualmoral zu vertreten, ist für ihn deshalb kein Widerspruch. Dass Frauen arbeiten, ist für ihn so selbstverständlich wie das Kopftuchtragen, das er für eine feste religiöse Pflicht hält. Seine Ehefrau und die beiden Töchter verdecken ihr Haar. Eine Tochter ist Lehrerin, sie unterrichtet ohne Tuch, weil es das Gesetz verlangt. Der Staatsbeamte Bardakoglu würde niemals etwas dagegen sagen und rundet das Gespräch mit dem Hinweis ab, dass es sowieso weniger auf äußere Zeichen ankomme als darauf, wie es im Herzen aussehe.

Ein überfälliger Schritt

Der Religionswächter ist 1952 nicht mit Kaftan und Fez auf die Welt gekommen, er kennt die Empfindlichkeiten der Andersdenkenden. Sein Vater war Architekt in Kastamonu im Norden der Türkei. Er selbst ist der Einzige in der Familie, der sich mit Religion beschäftigt, die anderen seien clevere Geschäftsleute, sagt er. Und auch er sei langsam in die Religiosität hineingewachsen, es habe keine plötzliche Bekehrung gegeben. Vielleicht ist er auch deshalb kein Eiferer. Aber natürlich geht es auch ihm um Macht. Und so hat er eine Reform durchgesetzt, die ähnlich weit reicht wie die staatliche Verfassungsreform, die Mitte September beschlossen wurde. Künftig wird der Diyanet-Chef nicht mehr von der Regierung ernannt, sondern von den Muftis gewählt. Für westliche Beobachter war dieser Schritt längst überfällig, in der Türkei kommt er einer Revolution gleich, denn er bricht mit der kemalistischen Tradition, die Religion überwachen zu wollen.

Bei dem Religionswächter in Ankara einen Termin zu bekommen, ist auch deshalb schwierig, weil er so viel unterwegs ist. Vergangenen November besuchte er die Universität Frankfurt am Main. Es ist der Abend zur Eröffnung eines Symposiums über den Islam. Der Gast aus Ankara wird hofiert, es sprechen der Unipräsident, ein Vertreter des Bundesinnenministeriums, ein Staatssekretär des hessischen Bildungsministeriums, Wissenschaftler.

Bardakoglu hört zu, ein wenig müde. Als ein Flötenspieler eine meditative Melodie in den Raum trägt, ist Bardakoglu hellwach, die Fußspitze tippt den Rhythmus mit, der Oberkörper wiegt sanft vor und zurück. Der Behördenchef ist ein spiritueller Mensch. Und ein Religionspolitiker. Anlässe für seinen Besuch sind eine wissenschaftliche Tagung und die Unterzeichnung eines Vertrages für die mittlerweile dritte Stiftungs-professur an der Frankfurter Uni, die Ankara – nur in dieser deutschen Stadt – finanziert.

Denn die Diyanet ist nicht nur für die Muslime in der Türkei zuständig, sondern auch für rund vier Millionen türkischstämmige Muslime im Ausland. Dazu wurden in 40 Ländern Ableger gegründet, in Deutschland ist es die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz: Ditib. Grundlage dafür war 1984 ein Staatsvertrag zwischen Bonn und Ankara, der ein trauriges Beispiel für die deutsche Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist: Anstatt Möglichkeiten der Selbstorganisation zu fördern, sollte die fremde Religion Islam von einer Institution aus dem Ausland verwaltet werden.

Die Ditib machte ihre Arbeit gut: Heute unterstehen ihr in Deutschland etwa 900 Moscheen, darunter das bislang größte muslimische Gotteshaus, 2008 in Duisburg eröffnet, sowie der umstrittene Neubau in Köln. Bardakoglus Amt schickt die Imame, und bis vor vier Jahren schickte es auch die Freitagspredigten. Bis heute können die Ditib-Imame in Frankfurt und Berlin nicht einfach daherreden, was sie wollen. Wenn sie als Podiumsgast eingeladen werden, sei es auch in eine Nachbargemeinde, wird in Ankara darüber entschieden.

Doch viele junge Leute in den Gemeinden, die hier aufgewachsen sind, wollen sich nicht mehr von Männern aus einer fernen Welt ins Gewissen reden lassen, die weder Deutsch noch die Gepflogenheiten des Landes verstehen. Bardakoglu weiß das, er kennt die Diskussionen in Deutschland genau. Und so reagierte er auf die Kritik und verbesserte die Ausbildung der Geistlichen, die nach Deutschland geschickt werden. Als sich in Deutschland ein politischer Konsens abzeichnete, islamische Theologie an den Unis zu verankern, rief Bardakoglu Stiftungsprofessuren ins Leben. Er wolle Deutschland helfen, sagt er, die Diyanet leiste sozusagen Entwicklungshilfe zum Aufbau theologischer Seminare. Und, ja, er wäre froh, Deutschland bildete selbst Imame aus, dann könnte er seine Leute woanders einsetzen.

Dass hinter der Entwicklungshilfe weniger Selbstlosigkeit steckt als klare Machtpolitik, zeigt vielleicht ein Ausspruch, den Bardakoglu neulich vor Muslimen in den Niederlanden tat: Man müsse die Sprache der Aufnahmegesellschaft lernen, dürfe aber nicht die eigene Sprache, Kultur und eigene nationale Werte vergessen. Oder, wie es auf der Diyanet-Seite im Internet heißt: Wir wollen „bei unseren Mitbürgern im Ausland dazu beitragen, dass sie, ohne sich zu assimilieren, ihrer eigenen Identität treu bleiben und in der Gesellschaft, in der sie sich befinden, in Harmonie leben“.

 

Ali Bardakoglu, Jahrgang 1952, war Professor für islamisches Recht in Istanbul. Im Mai 2003 wurde er Präsident des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, und damit Herr über 84 000 Angestellte.Im November 2010 trat Ali Bardakoglu zurück. Er ist verheiratet und hat drei Kinder

 

 


 

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