Bernhard Pörksen: Skandal!

Es ist leicht, in Wut zu geraten. Man muss nur eine Zeitung zur Hand nehmen, am besten die mit den großen Schlagzeilen. Man muss nur die Abendnachrichten einschalten, vorzugsweise die der privaten Sender. Man muss nur ein wenig im Netz surfen oder sich in irgendeiner anderen Weise mit den Erregungsmaschinen der modernen Mediengesellschaft verbinden. Und schon ist er da, unabweisbar, aufdringlich und laut: der Skandal. Er treibt uns um, wenn auch nur für kurze Zeit; er fordert Opfer, die wir schnell vergessen; er zwingt zur öffentlichen Buße, was uns freut.

Der Skandal ist allgegenwärtig. "Die Kölner U-Bahn versinkt in einem Sumpf aus Pfusch und Korruption! ", "Neue Missbrauchsvorwürfe gegen die katholische Kirche! ", "Gammelfleisch in Berliner Imbissbuden! ", "Auf deutschen Fußballplätzen wird geschummelt und bestochen! ", "Doping im Sport! ", "Watergate! " "Niplegate! ", "Klimagate! " Es vergeht kein Tag, an dem diese Gesellschaft nicht mit neuen Vorschlägen, sich zu erregen und zu empören, versorgt würde. Es gibt Finanz- und Korruptionsskandale, Sex- und Missbrauchskandale, Skandale des Feuilletons und der intellektuellen Debatte, politische Skandale, Skandale der Kirchen und der Gewerkschaften, der Unternehmen, der Banken und der Medien, des Sports, des Theaters und der Literatur. Und doch zeigen sich bei aller Verschiedenartigkeit der Formen und Fälle stets gemeinsame Muster. Es lohnt sich, sie zu verstehen, weil man auf diese Weise begreift, in welcher Form eine radikal pluralistische Gesellschaft über Moral diskutiert.

Die öffentliche Erregung hat eine geringe Halbwertszeit - und ist doch besonders aufschlussreich

Am Anfang steht unvermeidlich die Verfehlung, die Normverletzung. Es folgt die Enthüllung, dann - wenn das Thema greift, der Aufschrei, die kollektive Empörung des Publikums, schließlich das Ritual der Aufarbeitung und der öffentlichen Anklage mit allen Varianten der Reaktion. Die Beschuldigten rechtfertigen sich oder streiten alles ab. Sie bitten öffentlich um Entschuldigung und gestehen ihre Schuld. Sie erklären sich mehr oder minder trotzig zum Opfer und sehen das eigentliche Unrecht und den wirklichen Skandal in der Tatsache, dass man sie gerade attackiert hat. Und dann beginnt, nicht für die Täter, nicht für die Opfer, aber doch für die Mehrheit der Leser und Zuschauer das große Vergessen. Was bleibt, sind Erinnerungsfetzen, Meinungen, gefühlte Wahrheiten. Erinnert sich noch jemand an die Details der Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt? Aus welchem Anlass sprang Rudolf Scharping in einen Pool auf Mallorca, und was war noch gleich das Problem? Worin bestand eigentlich der Skandal um die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS? Ging es um einen Inhalt? Um eine journalistische Dramatisierung durch die Zeitung, die Grass befragt hatte? War es der späte Zeitpunkt des Bekenntnisses, die öffentliche Rolle, die Grass als Ankläger selbst gespielt hatte und spielt? Oder gab es eigentlich gar keinen Skandal und ging es nur darum, sich am Sturz eines Moralistenmit maximaler Fallhöhe zu weiden?

Solche Beispiele zeigen: Die öffentliche Erregung hat eine äußerst geringe Halbwertszeit, und sie ist doch besonders aufschlussreich. Denn hier probt die Allgemeinheit das große moralische Gespräch und erklärt sich, welche Werte gelten oder doch gelten sollen. Im Skandalgeschrei offenbaren Einzelne oder auch ganze Nationen ihr Verständnis von Normalität und vergewissern sich ihrer Werte: je gleichförmiger die Entrüstung, desto stabiler und akzeptierter das Wertesystem, das verletzt wurde. Eine offene, eine pluralistische Gesellschaft, die in ganz unterschiedliche Welten und Wirklichkeiten zerfällt, fingiert eine Einheit, eine kollektive Moral in der Abgrenzung und dem gemeinsamen Zorn auf das, was sie als schlecht und böse erkannt hat. Auch die Konfrontation mit dem Abseitigen, dem Unmoralischen und Skandalösen erlaubt es, so schon der Mitbegründer der modernen Soziologie, Emile Durkheim, letztlich moralische Normen zu bekräftigen und in der Grenzüberschreitung die Grenze selbst wieder sichtbar zu machen. Das ist die Moral der Unmoral.

Allerdings hat diese moderne Form der Wertedebatte keine besonders gute Presse. Man nimmt sie eher angewidert zur Kenntnis - und pflegt eine Form der pauschalen Medienschelte, die übersieht, dass manche skandalisierende Inszenierung dringend geboten und vollkommen legitim ist. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Marktanteile verwandele sich die kritische Öffentlichkeit, so etwa der Philosoph Peter Slotderdijk schon vor Jahren, in eine "Meinungstreibjagd, aus der jeder möglichst hohe Rendite ziehen will". Der Skandal werde zu einer überaus schädlichen Kommunikationsform. Wahrheit, meint beispielsweise der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, sei zwar noch erkennbar, habe aber in der Regel keine Chance, sich durchzusetzen. Ohnehin sei der Skandalisierer mehr Künstler als Analytiker, der den Skandal erst kreativ aus dem Material von Missständen produziere. Und zunehmend würden heute, so heißt es unisono, Nichtigkeiten skandalisiert, um den jeweiligen Gegner zu diffamieren, aber auch um das eigene Produkt (Buch, CD, Kosmetik) zu verkaufen und Beachtung in Bares zu verwandeln.

Eine neue Disziplin tut not: die Skandal-Didaktik

Und doch zeigt sich: Der Skandal hat zwei Gesichter. Er ist Instrument der Aufklärung - und der Gegenaufklärung. Er erzwingt, oft äußerst brutal, Verantwortung und den womöglich dringend gebotenen Neuanfang - und stimuliert doch andererseits häufig nur die gedankenarme Schadenfreude, den voyeuristischen Zeitvertreib, das kollektive Amüsement über den dramatischen Absturz der einst gefeierten Helden. Der Skandal setzt Themen und lässt die moralische Debatte dringlich erscheinen, das ist die eine, die positive Seite. Er schüchtert Mächtige ein und zerstört Hierarchien der Herrschaft. Er erreicht mitunter die Kraft einer urdemokratischen Wahl, die Despoten und gefährliche Charismatiker zu Fall bringt. Er kann den Schwachen eine Stimme geben. Die andere, die negative Seite: Oft wird das Banale einfach nur zur Sensation aufgebläht. Und es gibt jede Menge Opfer. Denn der Skandal verletzt eben auch immer wieder Unschuldige oder kaum Schuldige und nimmt ihnen ihre Würde. e Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob man sich an der üblichen Medienschelte beteiligt, sondern welche Kriterien es gibt, um echte und unechte Skandale, sinnvolle und sinnlose Empörung voneinander zu unterscheiden. Vielleicht muss diese Gesellschaft also eine Skandaldidaktik erfinden, die ihr genau dies möglich macht - einen gezielteren, einen klügeren Umgang mit den eigenen Affekten.

Die Schlüsselfragen des Skandaldidaktikers könnten lauten: Was ist wirklich wichtig? Wie verknüpft man Aufregung mit Relevanz? Und wie verbindet man die Regeln der menschlichen Wahrnehmung (die Orientierung am Konkreten, Anschaulichen, am Punktuellen und Personalisierbaren) mit einer Agenda, die eine allgemeinere Bedeutung besitzt? Wie lässt sich etwa die stärker werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die Erderwärmung, die Bildungsdebatte, die ganze Volkswirtschaften gefährdende Spekulationslust auf das nötige Erregungsniveau heben, damit eine nachhaltigere, eine produktivere Auseinandersetzung möglich wird, von der diese Gesellschaft profitiert? Ein Skandaldidaktiker wählt die gängigen Inszenierungsschablonen, aber er tut dies mit besten Absichten. Er kennt die Wirkmacht archetypischer Bilder und Geschichten, die suggestive Authentizität des einen, des schlagenden Beispiels. Und er benützt die emotionalisierende Vereinfachung und das illustrative Symbol, um ein Thema durchzudrücken, aber um letztlich aufklärerisch zu wirken. Kurzum: Der Skandaldidaktiker, den ich mir hier herbeifantasiere, ist ein Propagandist in der Wahl der Mittel - und Ethiker mit Blick auf den großen, den übergeordneten Zweck.

Natürlich lassen sich die neuen, die eigentlichen Themen, die einer effektiven Skandalisierung bedürfen, nicht vorschreiben und nicht verordnen. Hier ist der Einzelne gefragt. Aber es wäre doch bereits ein vornehmes Ziel, die eigenen Gefühle des Abscheus und der Empörung möglichst gezielt einzusetzen, sie stets auf ihren sinnvollen Einsatz zu überprüfen und entsprechend zu dosieren. Damit man sich über das erregt, was am Ende des Tages und darüber hinaus noch wirklich relevant und drängend erscheint. Denn es ist, ganz ohne Frage, sehr leicht, einfach nur in Wut zu geraten.

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