Endstation Paradies

"Friedhof - Paradies" - der rote Bus der Linie 10 fuhr den direkten Weg. Durch Petershausen, über die Rheinbrücke, später in die große Allee namens "Laube" und den Fluss entlang. Dort hinter den Bäumen liegt das Paradies.

Dort hinter den Bäumen liegt das Paradies

Als die Konstanzer Stadtwerke 2002 die Linie einstellten, war dies ein rechter Kulturschock und zugleich Annäherung an die Wirklichkeit. Wer seither vom Friedhof ins Paradies will, muss umsteigen oder ein längeres Stück zu Fuß gehen.

Der Stadtteil Paradies entstand im Mittelalter als Siedlung der Bauern und Fischer rund um ein Clarissenkloster. Bis vor ein paar Jahren lieferten die Gemüsebauern von ihren dort gelegenen Äckern Kohl und Kartoffeln auf den Konstanzer Wochenmarkt. Inzwischen sind die Äcker überbaut. Obst und Gemüse wachsen nun jenseits des Saubachs, der das Paradies vom Tägermoos und Deutschland von der Schweiz trennt.

Dass Gott die ersten Menschen in eine anmutige Gartenlandschaft gesetzt hatte, wo sie sich mühelos ernähren konnten, wie es im 1. Buch der Bibel heißt, entspringt nach Auffassung moderner Theologen nicht der Imaginationskraft des Glaubens, sondern hat diesseitige Wurzeln.

Nach der letzten großen Eiszeit soll das einstmals fruchtbare Land am Oberlauf der Flüsse Euphrat und Tigris trocken gefallen sein. Aus sorglosen Viehtreibern und Früchtesammlern wurden Bauern, die im Schweiße ihres Angesichts rackern mussten, um den Böden das Lebensnotwendige abzutrotzen. Und wenn auch das nicht mehr zu gewinnen war, blieb nur die Migration aus wirtschaftlicher Not. So verließen die halbnomadischen Sippen das Grenzgebiet zwischen den heutigen Staaten Iran, Irak und Türkei und begaben sich in das Land Kanaan.

Es blieb ihnen die Erinnerung an den Garten Eden, ans Paradies. Doch die Klimakatastrophe, die ihnen Mühe und Not zu Begleiterinnen durchs Leben machte, musste einen Grund haben. So erzählte man es einander am Abend, wenn die Hitze wich, bevor man sich in die Decken rollte. Schuld daran waren die Menschen selbst. Adam, was einfach "Mensch" heißt, und Eva, die "Mutter", mussten angesichts des unermesslichen Verlusts der ewigen Sorgenfreiheit etwas wirklich Schlimmes getan haben. Und das Schlimmste, was sich vorstellen ließ, war der tatsächliche Bruch eines göttlichen Gesetzes.

Diese Übertretung geschah - wie wirklich Schlimmes nur allzu oft - ohne Absicht, Böses zu tun. Dass Gott seinen Ebenbildern ausgerechnet die Früchte dieses einen Baumes verboten hatte, indem er ihnen prophezeite, dass sie nach einem Biss hinein sterben müssten, konnte sie nicht hindern. Und dies wiederum wusste der Allmächtige. Seine Warnung erreichte Adam und Eva nicht, weil sie weder wussten noch ahnten, was das sein sollte: sterben, Lebensende, tot sein. Noch nie war etwas oder jemand gestorben im Garten Eden. Nie war etwas verfault, verdorrt, kaputtgegangen.

Das bisschen Tod wird uns nicht umbringen

Nur zu gern hörten die beiden von der Schlange, dass sie mit dem Biss in die Frucht würden wie Gott. Wie Gott, der bewunderte und verehrte Übervater - also einfach so großartig, so perfekt wie ihr Held. Einmal wie Gott sein und dann sterben! Was soll's? Das bisschen Tod wird uns nicht umbringen.

Ein Biss und: patsch! Reingefallen. Sofort und als Erstes erkannten Adam und Eva, was sie von Gott unterschied. Wie nackt sie waren, wie schutz- und wehrlos. Es wummerte und klopfte in Brust und Hals, bis hoch in die Schläfen. Und ihrer bemächtigte sich ein so sonderbares, so grauenhaftes Gefühl, wie sie es nie für möglich gehalten hatten: die erste Angst.

Nicht die Sterblichkeit, sondern das Wissen von ihr, die nackte Angst ist gemeint mit der Vertreibung aus dem Paradies. Und der Traum von einer Welt, in der man ohne diese Angst leben kann, das ist der Traum vom Paradies. Keine Angst, zu hungern und zu dürsten, keine Angst vor zu viel Hitze oder Kälte, keine Angst vor Katastrophen, vor Tieren, vor Feinden überhaupt, vor anderen Menschen.

Das vollständige Fehlen von Feindlichem, in welcher Gestalt oder Form auch immer, beherrscht die geheimen Sehnsüchte der Menschen. Ach, könnte man ihn nur ein für alle Mal bannen, diesen Gedanken, dieses Gefühl, bedroht zu sein! Als Mensch, als Art, als Schöpfung.

Jeder Fortschritt hat einen Preis gekostet

Unser ganzes Trachten und Sinnen, jedweder Fortschritt in Wissenschaft und Technik kennt nur ein Ziel: die Sterblichkeit, das existenzielle Bedroht-Sein zu überwinden. Wir haben das Feuer gezähmt und das Wasser, wir haben Geräte, Maschinen und Medikamente entwickelt, um endlich diese eine Grenze zwischen Geschöpf und Schöpfer wieder zu überwinden oder sie wenigstens so weit wie möglich hinauszuschieben: die Sterblichkeit. Aber je weiter wir gekommen sind, desto deutlicher wird, dass wir im Grunde die alten Kinder Gottes geblieben sind: Adam und Eva. Liebenswert, anmutig, mit der Fähigkeit, das eigene Schicksal herauszufordern, aber weiterhin meilenweit entfernt vom Paradies. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn Menschen geglaubt haben, demnächst Richtfest feiern zu können im Paradies auf Erden, mussten sie erkennen, dass sie der Utopie tatsächlich nicht näher gekommen waren. Jeder Fortschritt hat einen Preis gekostet, von dem im Augenblick seines Gelingens niemand wusste, dass er fällig würde.

Das Wort Utopie übrigens verdanken wir dem großen Humanisten Thomas Morus. Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Unort", "Nichtort". In seinem Buch "Utopia" beschreibt Morus einen aus Sicht seiner Zeit idealen Inselstaat. Morus, später übrigens auf Befehl seines einstigen Freundes, des Königs Heinrich VIII., aus Glaubensgründen hingerichtet, entwarf in seinen Vorstellungen einer Gesellschaft ohne privates Eigentum und mit Kriegen, die nur mehr von Söldnern ausgefochten werden, ein Modell, dessen sich Kommunisten ebenso bedienten wie die Kolonialstrategen des britischen Weltreiches. Es ist nicht Thomas Morus' Schuld, dass es auch in diesen beiden Fällen von Weltverbesserung kam, wie es kommen musste. Weder gelang es, ein Paradies im britischen Empire zu schaffen, noch ein Paradies der Werktätigen. Tod, Leid und Angst triumphierten - die grausame Ironie der Überschätzung, die jede Utopie ereilt, wenn Menschen sie verwirklichen. Was gut gemeint anfängt, endet als Gegenteil von gut.

Das Paradies als Idee einer vollkommenen Welt muss ein Unort bleiben, eine Hoffnung, eine Erinnerung. Im Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit steckt immerhin die Idee des Strebens, besser zu werden, als wir sind. Was wäre besser? Was ist gut?

Weniger Anlass zu nackter Angst ist ein Zipfelchen Glück. Es zieht sich durch die Paradiesvorstellungen fast aller Religionen: ein Ort ohne Schmerz, ohne Angst, ohne Feinde ist die Insel der Seligen jenseits des Horizontes.

Einsteigen, bitte!

Das Ticket für die Reise dorthin kann man nicht kaufen, nicht stehlen, nicht erzwingen. Man bekommt es geschenkt -oder auch nicht.

Die Fahrkarten gehen nicht unbedingt an jene, die es für ausgemacht halten, dass sie die legitimen Empfänger sind. Hochmut kommt vor dem Fall - Bibel und Literatur sind voller Beispiele, dass wiederum gerade für die hoffnungslosen Fälle Anlass zur Hoffnung besteht. Jesus sagt zu dem reuigen Räuber, der neben ihm gekreuzigt wird: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Woher kommt die Ahnung, die Erinnerung? Woher kommen wir? Kommen wir aus dem Paradies? Und warum sind wir hier? Viele Leute halten solcherlei Fragen für hirnrissig und überflüssig. Entscheidend sei, wie wir miteinander umgehen, solange wir hier sind.

Anstatt über die Existenz eines vergangenen oder künftigen Glücks im angstfreien Terrain des Gartens Eden zu rechten, könnte man sich mit den Vertretern dieser Hier-und-jetzt-Logik sicher darauf verständigen, das Erdenleben so paradiesähnlich wie möglich zu gestalten - und zwar nicht nur für Kolonialoffiziere und Parteisoldaten, sondern für alle. Schon taucht das nächste Problem auf:

Da sich die Vorstellung vom vollkommenen Glück bekanntlich von Mensch zu Mensch stark unterscheidet, müssen jede und jeder selbst entscheiden, wie sie am liebsten leben wollen. Immerhin könnte man aber Rahmenbedingungen vereinbaren, wie es hienieden gelingen könnte, wenigstens einen Abglanz von Paradies zu schaffen - eine Welt ohne Angst, ohne Feinde, ohne Einsamkeit und Not.

Wir könnten dem Weg des Jesus aus Galiläa folgen, den ein gewisser Paulus von Tarsus als die einzige Form von Vollkommenheit beschreibt, die auf Erden erreichbar ist: Zueinander großzügig sein, wahrhaftig, langmütig und freundlich; nicht eifern, nicht ungerecht sein, nicht bitter werden, sich nicht aufblähen; vieles aushalten, hoffen und sich aneinander freuen - wie im Himmel, so auf Erden. Dann wird uns das bisschen Tod nicht ängstigen.

Der rote Bus zum Paradies heißt Liebe. Einsteigen, bitte!

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