Oh, schöner Schmerz

Mädchen, die sich mit Rasierklinge die Arme ritzen. Teenies, die sich im Internet gegenseitig die Diagnose stellen: Borderline.

Am Anfang stand der Wunsch des Religionslehrers. Zeichnet mir ein Land, das euer Innerstes wiedergibt. Zwei 14-jährige Mädchen zeichnen. Es wird ein Land, in dem die Flüsse blutrotes Wasser führen und todkranke Bäume ihre Äste ratlos in die Weiten strecken. Ein Land ohne Menschen, mit lodernden Feuern und einem Himmel, der weint. "Wie nennen wir es?", flüstert die eine. "Wir nennen es Bloodytears."

Bloodytears blieb kein Stück Papier. Bloodytears wurde zum Beginn einer Freundschaft. Einer Seelenverwandtschaft zwischen zwei Mädchen. Heute ist die eine von beiden in der Psychiatrie. Nachdem sie Schluss machen wollte mit ihrem Leben.

Die andere hat noch nicht versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie hat es vorerst ins Internet verlegt. Dort hat sie sich nach ihrem Land benannt. Auch der Freundin zuliebe. Auf der Internetseite www.medi-zin-psychotherapie.de zeichnet sie das Bild nun fertig. Tag für Tag. Es zeigt ein Land in schwierigen Umbrüchen. Ständig ist man dort auf der Suche nach Problemlösungen. "Manchmal so viel, dass ich denke, mein Gehirn explodiert." Bloodytears schreibt von den Gefühlen, die aus der Balance geraten sind. "Wer bin ich? Bin ich tatsächlich so anders als die anderen?" Bloodytears braucht gerade nichts dringlicher als "jemanden zum Reden". Erwachsenwerden ist kein Spaziergang.

Außerdem erzählt Bloodytears von Borderline. Denn Bloodytears ist Borderlinerin. Seit wenigen Monaten ist das erst so. Ein Arzt hat ihr das niemals bestätigt. Die Diagnose hat sie sich im Internet geholt. Dort gibt es mit wenigen Mausklicks das Ticket in den Wahnsinn.

Was ist das eigentlich: Borderline? Ganz so leicht wie Internetforen stellen Psychologen und Psychiater die Diagnose nicht. Hinter der WHO-Klassifizierung F 60.31 verbirgt sich eine der gravierendsten Persönlichkeitsstörungen, die Ursachen vermutet man in schweren frühkindlichen Traumata. Im Jahr 1967 prägte der USamerikanisc he Psyc hoanalytik er Otto Kernberg den Begriff. Borderline - das waren für ihn die Fälle auf der Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose: Bei der Neurose sind dem Erkrankten seine Ängste und Zwänge noch bewusst. Der Psychotiker dagegen kann zwischen seinen Einbildungen und der Realität nicht mehr unterscheiden. Damals wurde die Diagnose nur bei wenigen gestellt. Doch die Zahl der Erkrankungen stieg rasant an. Inzwischen werden 15 Prozent aller Patienten in psychiatrischen Kliniken als Borderliner eingestuft, in der Mehrheit junge Frauen. Viele von ihnen fügen sich Selbstverletzungen zu. Acht bis zehn Prozent nehmen sich irgendwann das Leben.

Bloodytears wohnt in Straubing, einer Kleinstadt in Niederbayern. Kurz vor der verabredeten Uhrzeit sagt sie noch mal ab. Dann wieder zu. Noch einmal ab. Und schließlich dann doch wieder zu. Typisch Borderliner?

Borderline ist das Gefühl, innerlich zu zerplatzen. Im Internet verstehen das alle.

Am Treffpunkt steht kein leichenblass geschminktes Gruftiemädel mit Trauerweidenfrisur, Nietengürtel und schwarz lackierten Fingernägeln. Da steht ein zierlicher Teenager mit dunkelbraunen Locken, hohen Lederstiefeln und einem weißen Rollkragenpulli, fröstelnd, beide Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Von ihrer Stirn fleckt das Make-up eine Botschaft herüber: Nimm mich bitte ernst! Ich bin zwar erst 16, aber trotzdem ganz schön erwachsen.

"Ich habe immer geahnt, dass etwas mit mir nicht stimmt", sagt Bloodytears im Eiscafé, während sie das Papier Stück für Stück von der Mineralwasserflasche abzieht, in den Händen zu einer Röhre rollt und diese in die Ritzen des Holztisches schiebt, vor und zurück. Wut fühle sie, Ohnmacht - Langeweile. "Borderline ist das Gefühl, innerlich zu zerplatzen. Im Internet verstehen das alle."

Dass im Internet alle alles verstehen, stößt bei Ärzten und Psychologen auf größte Bedenken. Frühestens im jungen Erwachsenenalter solle überhaupt erst daran gedacht werden, die Diagnose Borderline zu stellen, sagt der Psychiater Thomas Bronisch vom Max-Planck-Institut München. Er warnt vor dem "Werther-Effekt" im Internet, benannt nach der Suizidwelle, die Goethes berühmter Initiationsroman im Jahre 1774 ausgelöst hatte. "Die Leiden des jungen Werthers" an der Liebe und den bürgerlichen Verhältnissen waren dem jungen Publikum damals so nahegegangen, dass der Freitod des literarischen Helden wie ansteckend wirkte. Auch Filme oder Internetforen können heute so einen Effekt haben. "Es steht zu befürchten, dass labile junge Menschen ein Verhalten nachahmen, das sich dann später verselbstständigt."

Die Symptome des Borderlinesyndroms sind auf den ersten Blick ebenso vage wie typisch menschlich. Dazu zählen Angst vorm Alleinsein, Wut und Sinnleere, Sex mit unterschiedlichen Partnern oder Drogenkonsum. "Erst in ihrer Übertreibung", so Bronisch, "gelten sie als Krankheit."

Bloodytears kam auf Borderline durch einen Film namens "Allein". Ebenso verführerisch wie verloren spielt die Schauspielerin Lavinia Wilson eine Studentin mit Borderline. Sie säuft sich an den Rand des Komas, wirft Tabletten wie Smarties ein und weiß am Morgen oft nicht, wie der Typ neben ihr auf der Matratze heißt. Dann verliebt sie sich in einen netten jungen Tiermediziner namens Jan - und muss auch ihn verletzen. Sie kann nicht anders. Und sie ist auf Dauer entschuldigt. Was sie umso begehrenswerter zu machen scheint. Denn schließlich leidet sie ja an Borderline. Nicht Hollywood, sondern Wuppertal ist die Kulisse für dieses Drama. "Nach dem Film bin ich sofort ins Internet", sagt Bloodytears. "Selbsttest gegoogelt, acht von neun Kriterien erfüllt. Plötzlich hatte ich eine Antwort auf all meine Fragen."

Die Menschen, die im Internet Antwort auf all diese Fragen geben, sind lichtscheue Wesen. Sie sind keine Ärzte im weißen Kittel. Sie haben kein Sprechzimmer, keine Rufnummer und keinen Vertreter, wenn sie gerade mal Urlaub haben. Ein Nickname ist alles, was von ihnen greifbar ist im Netz. Und jede Menge persönlich erlittener Qualen, die sie zur Grundlage ihrer Diagnosen machen. Auf eine Interviewanfrage antworten sie entweder gar nicht -oder so: "Ich rate euch, keine Tricks, dazu habe ich zu viel Schlimmes mitgemacht und ich habe nichts mehr zu verlieren."

Der Forumsadministrator namens Immortal wohnt in einem Mehrfamilienhaus in der Augsburger Innenstadt. Ein hagerer 49-Jähriger mit glatt rasiertem Schädel und Ringen unter den Augen öffnet die Tür.

Manche Leute bekommen von ihrer Firma Weihnachts- und Geburtstagskarten in den Ruhestand geschickt - Immortal kriegt Fotos von Mädchen, die sich Skalpelle in den Bauch gerammt haben. 7863 Nutzer hat Immortal bis vor kurzem auf www.borderlinezone.de betreut. Sozusagen im Nebenjob. Im richtigen Leben ist der Augsburger nämlich Polizist.

"Natürlich ist das nicht schön, wenn einer Selbstmord androht", sagt Immortal, nimmt einen winzigen Krümel vom mitgebrachten Kuchen und macht genervt das Fenster zu, als draußen die Glocken läuten. "Aber es soll niemand denken, dass die Psychiatrie denen besser helfen kann als ich." Das Fenster ist zu. Nun fällt noch weniger Licht in dieses Leben, getrübt von Magersucht, Depression, Perspektivlosigkeit und zwei Milligramm Tavor täglich. Tavor ist ein starkes Beruhigungsmittel, das als Notfallmedikament bei Epileptikern eingesetzt wird. Es macht schnell abhängig.

So weit wie Immortal sind die meisten der Nutzer in den Foren noch nicht. Sie sind im Schnitt jünger und haben gerade eine Krise. So wie Bloodytears. Sie geht aufs Gymnasium, will später vielleicht mal Psychologie studieren, hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, ärgert sich nur manchmal, dass sie "mit ihr einfach nicht über alles reden kann". Plötzlich interessiert sie sich für Jungs. Und weniger für die beiden Kaninchen im Garten. Und immer, wenn sie jemanden zum Reden braucht, geht sie ins Internet. "Das kann ich nur dort haben", sagt sie, 24 Stunden am Tag, in den Schulferien oder an Feiertagen, an 365 Tagen im Jahr. Verständlich - aber wo, bitte schön, durchbricht sie die Borderline?

Der Depressive zieht runter, der Borderliner knallt. Krankheit als Lifestyle 

"Man sollte das Internet nicht pauschal verdammen", sagt der Psychiater Elmar Habermeyer vom Uniklinikum Rostock. Seine Vision des guten Internets sind therapeutisch moderierte Foren, in denen sich Betroffene unter der Anleitung von Experten austauschen können. Die Moderation der Foren durch Ärzte und Psychologen könne verhindern, dass sich junge Menschen im Internet in etwas hineinsteigern. Bislang sind solche Foren allerdings aufgrund des Fernbehandlungsverbotes für Ärzte und Psychotherapeuten verboten. Wenn es nach Habermeyer ginge, sollte dies ganz schnell geändert werden. "Borderliner brauchen das Gefühl im Alltag, dass sie nicht allein sind", sagt er. "Und andere Jugendliche in Krisen brauchen verlässliche Informationen. Zum Beispiel die, dass nicht jeder, der sich mal selbst verletzt, automatisch ein Borderliner ist."

Doch viele, die sich unter dem Namen Borderline im Netz bewegen, suchen gar keine Informationen - sondern Lifestyle. Prominente Vorbilder gibt es genug. Ob Marilyn Monroe, Kurt Cobain, Pete Doherty oder Amy Winehouse - alle schillerten einmal unter dem Label Borderline. Die einen ließen selbst die Diagnose verbreiten, andere wurden von ihren Fans bewundernd zu Erkrankten verklärt. Madonna brachte 1983 einen gleichnamigen Song in die Charts - Anlass genug für manche Fans, da nicht einfach nur "Grenze" und ein Liebeslied zu hören, sondern an die Krankheit zu denken. Der Depressive zieht runter, der Borderliner knallt. Krankheit als Lifestyle - aber warum ausgerechnet Borderline?

Vielleicht liegt es am Namen. Niemand findet das Wortmonster "Instabile Persönlichkeitsstörung" sexy. Mit Borderline hingegen zeigt man sich gern auch auf privaten Festen. Es ist handlich im Format, atmet Coolness, Grenzgängertum. Ein Hauch Verwegenheit und Exzentrik sucht sich seinen Weg in jeden noch so trostlosen Partykeller.

Borderline, schreibt Userin Grit im "Selbstmordforum", sei für sie, "den ganzen Farbkasten des Lebens gleichzeitig zu leben, von Tiefschwarz bis Grellpink, Leben und Leiden in einem Augenblick, ohne dass auch nur eine kleine Nuance des kreativen Chaos verloren geht".

Klaus Neumann, Psychologe vom Kinderschutzzentrum München, befindet nüchtern: "Ich wette, wenn das Syndrom nicht Borderline, sondern Hundescheiße hieße, dann würde das niemand so gerne haben wollen." Zu den Internetforen bemerkt er: "Meines Erachtens brauchen solche Jugendliche eher die warme Hand als die kalte Maus."

Möglicherweise könnte die Borderlinewelle auch genauso schnell verebbt sein, wie sie plötzlich da war. Wie die Hysterie, die andere große Prominente unter den psychischen Erkrankungen, die heute nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Zu Zeiten Sigmund Freuds beschäftigte sie viele Ärzte, heute gilt sie als Schimäre, als Passepartout für die Frau als Problemfall, als Luftschloss einer männlich dominierten Psychiatrie.

Ein Team um den New Yorker Psychiater Mark Lenzenweger hat in einer Langzeitstudie junge Erwachsene beobachtet, die in ihrer Pubertät alle Symptome von Borderlinern aufgewiesen hatten, aber niemals als solche diagnostiziert worden waren. Obwohl sie keine Behandlung bekommen hatten - weder in der Klinik noch im Internet -, waren die Symptome mit Ende zwanzig plötzlich verschwunden.

Möglicherweise wird das Land Bloodytears also doch nur ein Bild im Religionshefter bleiben. Vielleicht wird eine junge Frau aus Straubing es in ein paar Jahren in der Hand halten, an die schwierigen Tage von Bloodytears zurückdenken und froh sein, dass sie darüber hinausgewachsen ist.

Information

Rat und Hilfe

In Deutschland sind bislang wenige Therapeuten spezialisiert auf Borderline. Einen Psy cho th er apeut en fi nde t man beim Psychotherapie-Informationsdienst, Telefon 02 28/74 66 99 oder www.psychotherapiesuche.de. Es gibt mehrere Bücher zum Thema, unter anderem "Leben mit einer Borderline-Störung" von Günter Niklewski und Rose Riecke-Niklewski (Trias 2003): ein Ratgeber für Betroffene und ihre Partner, mit Hilfsadressen. 

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