Über die dummen Landeier lachen, das geht immer lenkt ja auch davon ab, wie piefig es in deutschen Metropolen zugeht

Die Barkasse hatte gerade abgelegt, da drückte sich das Pärchen schon verlegen in die harte Holzbank. Das kleine Schiff nahm Kurs auf die Verladekräne und Docks im Hamburger Hafen. Doch statt der Stimme des Kapitäns, der ein bisschen was über die Hansestadt und den Fluss sagen sollte, drang laute Musik aus den Lautsprechern. Die anderen Gäste begannen zu tanzen und schauten zu dem verschüchterten Pärchen hinüber. Manche belustigt, andere abschätzig. Im Glauben, eine stinknormale Hafenrundfahrt zu unternehmen, hatten sich zwei Touristen in Windjacke und Karohemd auf eine Barkasse verirrt, die am Wochenende als "Frau Hedis Tanzkaffee" unterwegs ist. Landmenschen auf einem Partyboot für das junge Stadtvolk. In den Augen der Ausflügler war nur noch ein Gedanke zu lesen: "Hier sind wir falsch."

Das Autokennzeichen "PI" steht in Hamburg für "Provinzidiot"

Ich konnte die beiden gut verstehen, ich stamme selbst vom Land. Das Autokennzeichen "PI" für meinen Nachbarkreis Pinneberg steht in Hamburg für "Provinzidiot". Überall in der Republik illustrieren solche Abkürzungen die alte Konfliktlinie Stadt/Land. Diese städtische Hochnäsigkeit nervt nur noch.

Urbane Medienmacher verstärken das Bild vom Dorftölpel eifrig. Ein gerngenommener Kniff von Drehbuchautoren geht so: Wenn einem Krimi die Würze fehlt, wird die Handlung aufs Land verlegt, wo der Dorfmob einen Freigeist aus der Metropole gemeuchelt hat. Natürlich hält die verschworene Gemeinschaft dicht, bis ein weltläufiger Kommissar dahinterkommt. Klischeebeladen sind auch sogenannte Dokusoaps: Bis zu acht Millionen Menschen schauten via RTL zu, wie Kuhbauer Michael vom Bodensee und andere Landwirte in "Bauer sucht Frau" eine Herzensdame suchen. Dass nur noch zwei Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten und der gesellschaftliche Wandel nach 1968 auch vor dem Land nicht haltgemacht hat - geschenkt! Jetzt im Oktober soll die vierte Staffel der Freakshow anlaufen.

"Stadtluft macht frei", lautete ein mittelalterliches Versprechen. Es richtete sich an geknechtete Bauern, die sich in den aufstrebenden Städten aus der Leibeigenschaft befreien konnten. Heute preist der Ausspruch den freiheitlichen Geist der Metropolen an. Hier können Menschen, die gepeinigt sind von ländlicher Enge, ihre Talente und Neigungen frei entfalten. Theoretisch.

Der US-Wissenschaftler Claude Fischer argumentiert seit den siebziger Jahren, dass Städte durch ihre Bevölkerungsgröße die Existenz spezieller Milieus garantierten, die es auf dem Land mangels geringer Einwohnerdichte nicht geben könne. Also zögen Menschen, die ihre Bedürfnisse und Interessen nicht ausleben können, lieber in die Metropolen. Fischer leitete daraus die These ab, dass sich der Gegensatz zwischen Stadt und Land nie auflösen werde. Die Soziologen Nina Baur und Gunnar Otte haben diese Vermutung jüngst für Deutschland bestätigt: In Großstädten leben tendenziell mehr Frauen und Männer von Welt.

Noch. Private Radio- und TV-Sender arbeiten daran, das Weltstädtische abzuschleifen. Ihre Nachrichten beginnen immer mit einer Nachricht aus der jeweiligen Stadt, und sei sie noch so banal. Dann kommt der Rest. Wer eine Stunde lang Radio Hamburg hört, erfährt alle paar Minuten, dass man sich "in der schönsten Stadt" der Welt befindet. Der ländliche Raum kommt bestenfalls noch im Verkehrsfunk vor. Die Zukunft gehört vermutlich lokalen Sendern, die nur ihren "Kiez" beschallen. Die Zielgruppe hierfür gibt es schon: Ein Hamburger Berufsschullehrer berichtete mir, dass seine Schüler ratlos waren, wenn sie ihren Stadtteil verlassen mussten - sie waren orientierungslos.

Großstadtmilieus erstarren selbst in Provinzialität

Großstadtmilieus erstarren in einer Provinzialität, wie sie dem Land gern zum Vorwurf gemacht wird. Es gibt die Karrieristen, die Schicken, die Sportiven und Gesunden, die Alternativen, die Bildungsbürger, die ökologisch Korrekten, die überzeugten Eltern und hedonistischen Singles und viele mehr. Ihre Gemeinsamkeit: Sie haben nichts miteinander zu tun. Was zählt, ist die eigene Gruppe, die das Selbstbild immer wieder aufs Neue bestätigt.

Von wegen Stadtluft macht frei! Wer gegen einen Verhaltenskodex verstößt, macht sich zur Unperson. Neulich besuchte ich einen alten Freund, der mit Freundin und Tochter im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebt. Er erzählte mir von einem Informationsabend in einer Kindertagesstätte. Eine Mutter hatte sich nach den Hygieneritualen erkundigt. Die Erzieherin berichtete, dass alle Kinder nach dem Mittagessen Zähne putzen. "Mit welcher Zahnpasta?", hakte die Mutter nach. Als sie hörte, dass alle Kinder dasselbe Produkt benutzten, und zwar aus einer Tube, war die Veranstaltung für sie vorbei - ihr Sohn sei es gewohnt, eine eigene Tube zu haben. "Und zwar nur Elmex junior."

Kurz nachdem ich diese Anekdote aus dem neobürgerlich-ökologischen Milieu gehört hatte, fuhr ich ins benachbarte Friedrichshain, das sich betont alternativ gibt. In schwarzem Hemd und mit Rollkoffer sah ich wohl zu sehr nach dem aufstrebenden Prenzlauer Berg aus. "Hier jibt's noch keene Schickimickis! ", raunzte mir eine Frau mit Rastalocken hinterher. Seitdem habe ich viel Freude, mir vorzustellen, wie sich die besorgte Mutter aus dem Prenzlauer Berg und die Rastafrau aus Friedrichshain auf eine urbane Kultur verständigen sollen, die integriert und nicht von vornherein ausschließt.

Apropos Ausschluss: Der lässt sich nicht nur durch geschlosssene Weltbilder, sondern ganz prima auch über Mietpreise organisieren. Die vielgepriesene Renaissance der Innenstädte hat eine Schattenseite - Normalverdiener können sich eine zentrale Wohnlage kaum leisten. Die Namen sind schillernd, die Preise sind es auch: Hafencity (Hamburg), Quant (Stuttgart), The Heaven Seven (München), Townhouse (Berlin) - wer Geld hat, ist dabei. Das schränkt die potenzielle Klientel ja auch schon mal gehörig ein. Man bleibt schön unter sich. Alles schön sauber, teuer, edel - und langweilig.

Es ist fast zwei Jahre her, dass mich zwei Schulfreunde einluden, sie waren 30 geworden. Wir waren nur bis zur 10. Klasse miteinander zur Schule gegangen. Ich wusste, dass viele Gäste kommen würden, die das Dorf nie verlassen und nun schon ein eigenes Haus hatten. Was sollten wir uns schon zu sagen haben? Die Überraschung des Abends war: Uns bewegten die gleichen Themen: Welche Arbeit passt zu mir? Wie geht das mit der Liebe? Wie wird es sein, wenn die eigenen Eltern älter werden? Was sie von Städtern unterscheidet: Sie nehmen diese Herausforderungen sehr viel mutiger an und reden nicht nur über sie.

Auf dem Land zählt Freundschaft, nicht Avantgarde

Bis zu dieser Fete konnte ich nicht verstehen, warum einige meiner früheren Schulfreunde nie in die Stadt gezogen sind, sondern sich allen Ernstes auf wöchentliche Feuerwehrübungen oder Chorproben freuen. Aber sie haben einen Vorteil: Freundschaften und Bekanntschaften folgen auf dem Land keinem avantgardistischen Konzept. Es geht nicht immerzu um Netzwerke und wichtige Kontakte. Auf dem Land gehört man qua Wohnort nun mal dazu - und lernt im Zweifel auch, sich auszuhalten, wo man sich in der Stadt lieber aus dem Weg geht. Das spart viel Zeit, die Städter leidenschaftlich in ihre Selbstinszenierung investieren.

Zum Glück kann man ja auch mal raus aus dem Mief. Immer im Frühjahr entfliehe ich dem Trubel und fahre mit dem Rad für eine Woche raus. Mittlerweile freue ich mich nicht mehr nur aufs grüne Beiwerk, auf die Flüsse, die Berge oder das Meer. Ich schätze auch diese gewisse Offenheit: Wenn ich mich abends irgendwo dazusetze, wollen die Leute wissen, woher ich komme und wohin ich will. Erreiche ich eine Großstadt, kommt hingegen die Ernüchterung. Ich hätte auch von einer Weltumrundung per Rad heimkehren können, es würde niemanden interessieren.

Was Städter besser machen können? Vielleicht hätte ich damals, auf der Barkasse Hedi, drei Bier holen und mich zu dem verlorenen Pärchen setzen sollen. Themen hat man eigentlich ja immer, vor allem dieses eine: "Sie sehen so aus, als kämen Sie von außerhalb - wie gefällt Ihnen Hamburg denn so?" Wenigstens das muss doch jeder über den Ort wissen wollen, den man selbst für den Mittelpunkt der Welt hält.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoff

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