Margarete Mitscherlich kennt einen Gott, der ein Gefühl von Güte ist, von Klugheit.

Dirk von Nayhauß

"Er hat alle Eigenschaften, die ich am meisten schätze"

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die ich mag, mit denen ich lachen kann und diskutieren - dann wird es mitunter sehr lebendig. Früher fühlte ich mich auch auf langen Spaziergängen pudelwohl, wenn ich den Körper in seiner Beweglichkeit genossen habe und ich danach so richtig müde war. Das kann ich heute nicht mehr, das Gehen bereitet mir große Mühe. Die Lebendigkeit, die mit der wunderbaren Funktionsweise des Körpers zusammenhängt, fällt aus. Es bleiben die Gespräche, die Diskussionen und die wirklichen Auseinandersetzungen.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Wenn man erwachsen wird, macht man viele Erfahrungen, die wirklich nicht sehr angenehm sind. Ich war oft in meinem Leben glücklich, aber ich war eben auch oft sehr unglücklich. Andere Menschen haben mich enttäuscht, haben mich gekränkt, wie ich wohl auch andere gekränkt habe. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, aber ich glaube, dass ich nie von vornherein misstrauisch war. Wie ein Kind kann ich anderen Menschen erst einmal mit Vertrauen begegnen. Und Kinder leben im Hier und Jetzt, das kann man sich von ihnen abgucken. Kinder haben ja kein Zeitgefühl, sie versinken im Spiel. Erst mit sechs Jahren entwickeln sie langsam ein Pflichtgefühl, erinnern sich vielleicht daran, dass sie am nächsten Tag zur Schule müssen. Ich denke häufig an diese Zeilen aus dem Matthäusevangelium: "Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doc h... Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat." Das habe ich mir und anderen oft vorgesagt. Ich hatte viele Patienten, die sich immer versichern mussten, dass alles möglichst lange in Ordnung bleibt. Die nichts riskierten und weit voraussehen mussten, obwohl niemand voraussehen kann - jeden Moment kann doch etwas Unerwartetes passieren.

An welchen Gott glauben Sie?

Die Religionen sind von uns Menschen gemacht, und ob es einen Gott gibt - ich weiß es nicht. Ich glaube aber an ein Bedürfnis nach Gott. Ich wurde evangelisch erzogen und abends betete ich: Lass meiner Mutter und meinem Vater nichts passieren, lass sie gesund bleiben. Dahinter stand natürlich auch meine Angst vor den eigenen Aggressionen, dass ich Unheil über meine Eltern bringen könnte, weil ich am Tag wütend auf sie war. Als Kind werden einem ja meist sehr viele Schuldgefühle eingepflanzt. Auch heute spreche ich noch mit Gott, man muss mit jemandem sprechen. Gott ist für mich die Wahrheit, Jesus sagt doch im Johannesevangelium: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." Vor allem sehe ich Gott nicht als Person außerhalb von mir. Ich habe ihn auch nie angeklagt, dann hätte ich ihn ja außen sehen müssen. Viele fragen sich: Wie konnte Gott es zulassen, dass die Deutschen andere zu Untermenschen herabgewürdigt haben, dass sie systematisch ein ganzes Volk auslöschen wollten? Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine solche Frage zu stellen. Viele haben durch die Konzentrationslager ihren Glauben an Gott verloren. Mein Gott ist nicht ein solcher Gott. Für mich ist er ein Gefühl von Güte in mir, von Wahrheitsliebe, von Klugheit - Gott hat alle Eigenschaften, die ich am meisten schätze.

Hat das Leben einen Sinn?

In jeder Phase des Lebens gibt man ihm einen anderen. Als Kind wollte ich meine Mutter glücklich machen - obwohl sie gar nicht besonders unglücklich war. Später wollte ich andere glücklich machen, allen voran mein Kind. Heute steht bei mir die Suche nach Wahrheit im Vordergrund. Ich finde es außerordentlich interessant, was ich alles noch entdecke. Und je älter man wird und je mehr man weiß, desto klarer wird einem ja, wie wenig man eigentlich weiß. An mir selber bin ich allerdings nicht mehr so furchtbar interessiert, das gebe ich zu. Als ich mit der Psychoanalyse anfing, war das anders, sie hat mir die Augen geöffnet. Ich fand einen ganz neuen Zugang zu mir selbst, verstand mich selber besser. Das war unglaublich spannend.

Muss man den Tod fürchten?

Niemand weiß, was danach ist. Manche sagen: Danach ist das Nichts. Aber niemand von uns hat das Nichts erlebt. Niemand von uns kann sagen, was Nichts bedeutet. Und wir haben doch alle Angst vor dem, was wir absolut nicht kennen. Ich habe auch Menschen sterben sehen und ich weiß: Das ist nicht immer angenehm. Natürlich denke ich oft an den Tod, ich kann jeden Tag tot sein, das ist doch klar. Von meiner Generation sind die meisten schon in den Achtzigerjahren gestorben. Ich stehe eindeutig am Ende des Lebens und rechne mit dem Tod. Ich habe letztlich auch gar nichts dagegen. Ich fände es ganz angenehm, nachts einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Das wäre doch sehr schön.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe zu meinem Kind, die Liebe zu meiner Mutter, die Liebe zu meinem Mann - überhaupt das Gefühl zu lieben. Alexander war meine große Liebe, ich hätte mit niemand anderes zusammenleben wollen. Alexander war ein anregender Mensch, wir konnten sehr offen miteinander sprechen. Am Anfang war die Beziehung allerdings sehr schwierig, weil er bereits zum zweiten Mal verheiratet war und fünf Kinder hatte. Wir hatten gar nicht daran gedacht, dass wir je zusammenleben würden. Als war dann heirateten, war unsere Beziehung lange Jahre sehr gut und sehr schön. Wir hatten gute gemeinsame Freunde, hatten die gleichen Interessen, liebten beide unseren Sohn. Er schätzte auch meine Mutter, die oft lange bei uns war.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Ich habe nicht die geringste Lust, mit meinen Schwierigkeiten beim Gehen eine Weltreise zu machen, dafür bin ich viel zu realistisch. Heute freue ich mich an den kleinen Dingen - ich habe sehr gern Patienten, ich bin sehr gern mit Freunden zusammen, ich freue mich, wenn ich meinen vier Enkelkindern ein bisschen zur Seite stehen darf oder wenn sie Spaß daran haben, mir zur Seite zu stehen. Ich genieße es, wenn ich durch Menschen neue Erfahrungen mache oder durch Bücher zu neuem Denken angeregt werde.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Je älter ich werde, umso besser. Ich habe keine großen Schuldgefühle mehr. Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte - und fertig. Ich habe niemandem bewusst etwas Böses getan. Schreckliche Schuldgefühle hatte ich, als ich meinen zweijährigen Sohn zu meiner Mutter gegeben habe, weil ich dachte, dass er dort besser aufgehoben sei. Es war damals sehr schwierig, Beruf und Kind zusammenzubringen: Ich war noch keine fertige Ärztin, hatte die Ausbildung als Psychotherapeutin begonnen. Die Trennung von Matthias war für mich sehr schmerzhaft. Manchmal denke ich, dass ich darunter mehr gelitten habe als er. Es ging ihm ja gut bei meiner Mutter, sie liebte ihn sehr und war glücklich, dass sie ihn hatte. Als Matthias nach vier Jahren wieder endgültig bei mir lebte, habe ich gelernt, immer nur das Wesentliche zu sehen. Wo kann ich ihm guttun, wo tue ich ihm vielleicht nicht so gut? Nachdem ich Matthias so lange entbehrt hatte, habe ich darauf geachtet, Kränkungen von ihm abzuhalten. Vielleicht zu sehr, zumindest hat er mal gesagt, dass er erst nach Verlassen der Eltern das Leben wirklich kennengelernt hat.

 

Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich, 1917-2012, war eine der bedeutendsten Psycho­analytikerinnen in Deutschland. Sie heiratete 1955 den Psychoanaly­tiker Alexander Mitscherlich, mit dem sie das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ über die unzureichende Bewältigung der deutschen Nazi­vergangenheit schrieb. Sie hat einen Sohn. Noch mit 90 Jahren schrieb sie ihr letztes Buch: „Die Radikalität des Alters“.
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