Sein Vater war ein GI, angeblich jung gestorben.

Jetzt hat Ronald Tietze rausgefunden, wo der Vater lebt. Soll er in die USA fliegen?

Ich erfuhr es mit 21, als ich das Stammbuch für meine Hochzeit brauchte: Mein Vater hat mich adoptiert. Mein biologischer Vater dagegen war Amerikaner, ein GI. Auf der Überfahrt in die USA sei er an Kinderlähmung verstorben, sagte meine Mutter. Ich war erschüttert ­ ich wollte keinen anderen Vater neben meinem Adoptivvater akzeptieren. Dann habe ich das alles völlig verdrängt.

Erst jetzt will ich mehr wissen. Vielleicht weil ich mich heute gefestigter fühle, nicht mehr so viel Angst habe, von meinem amerikanischen Vater abgewiesen zu werden. Ich habe zum Beispiel mit meinem Onkel gesprochen, der hat meinen amerikanischen Vater gekannt: Ken war ein Sunnyboy, risikofreudig, auch gutgläubig. Genau wie ich! Ich habe immer bemerkt, dass ich in vielen Punkten anders bin als mein Adoptivvater. Ich habe ihm viel zu verdanken, aber er ist anders.

Mir war klar, dass er vielleicht noch lebt

Als ich dann von meiner Mutter erfuhr, dass ein Freund von Ken den Brief mit der Todesnachricht geschrieben hatte, war mir schon fast klar, dass er sich einfach seiner Verpflichtung entledigen wollte. Dass er also vielleicht noch lebt. Das weckte den Detektiv in mir. Ich wandte mich an den Verein Familie International Frankfurt, der sucht grenzüberschreitend Eltern. Und die fanden ihn und meinen Halbbruder.

Weil Ken schon 82 ist, schrieben sie zunächst den Sohn an: Es gebe einen Kontaktwunsch aus Deutschland, es gehe nicht um Geld, sie würden seine Adresse nicht weitergeben. Der Sohn reagierte interessiert, also schickten sie ihm meinen Brief. Aber beim nächsten Mal schrieb er ganz schroff, ich solle ihn nicht mehr kontaktieren. Wahrscheinlich hat er dem Vater gar nichts gesagt.

"Do you remember?"

Mittlerweile habe ich die Adresse meines Vaters selbst gefunden, über eine amerikanische Auskunftei. Was mach ich jetzt? Ich könnte hinfahren. Aber ist mein Interesse wichtiger als sein Recht, sein Leben so zu beenden, wie er es gewählt hat? Die Familie hat keine Probleme, und jetzt kommt auf einmal ein Störenfried. Das gibt auf jeden Fall einen Wirbel. Einfach hinfahren, ihm das Foto von meiner Mutter und mir als Baby hinhalten­ "Do you remember?" , das macht man nicht. Vielleicht hat er ein Herzproblem.

Aber irgendwie schuldet er mir was. Mindestens eine Erklärung. Meine Eltern waren immerhin zwei Jahre zusammen. Wie konnte man nur zu diesen Zeiten eine Frau mit Kind im Stich lassen? Andererseits hätte ich in dem Alter vielleicht genauso gehandelt. Er kann es mir ja auch als Spaß erzählen, wie er das ausgeheckt hat mit seinem Kumpel... Ich will doch nicht von ihm hören, dass ich sein geliebter Sohn bin, den er seit 57 Jahren vermisst ­ er kann ja nichts korrigieren an dem, was er all die Jahre versäumt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Tür zuschlagen würde; aber auch nicht, dass es zu einer Umarmung käme. Mit einem wildfremden Mann!

Allein käme ich damit nicht klar

Vielleicht hilft mir die Begegnung, aber vielleicht versetzt es mir auch einen Schlag. Meine Frau müsste auf jeden Fall mitkommen. Allein käme ich damit nicht klar. Wir könnten dann einfach miteinander plaudern. Small Talk. Sich erzählen, was man gemacht hat im Leben, was einem widerfahren ist; schauen, ob es charakterlich Ähnlichkeiten gibt. Vielleicht ist er ja froh, dass ich komme, weil er am Ende seiner Tage gewisse Dinge regeln will. Ich würde zwei, drei Tage dort verbringen und dann sagen: Okay, vielleicht sehen wir uns noch mal, vielleicht nicht.

Doch, ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich schreibe ihm einen Brief, ihm persönlich, nicht dem Halbbruder. Und wenn er nicht antwortet? Oder wenn seine Frau den Brief abfängt und mir genauso schroff wie mein Halbbruder schreibt? Dann müsste ich wohl Abschied nehmen. Von meinem Wunsch, ihn unbedingt kennenzulernen. Und auch von meinem Vaterbild.

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