Annette Kurschus über aramäische Christen in Deutschland

Sie sind ein Segen, hier und dort
Aramäische Christen in Deutschland können beides – integriert sein und alte Traditionen bewahren. Nun brauchen sie Hilfe

 Martina Chardin

Wieder einmal müssen aramäische ­Christen im Südosten der Türkei um die Quellen ihrer Kultur fürchten. Die Regierung hat ­fünfzig Kirchen, Klöster und andere Besitztümer konfisziert. Uralte und quicklebendige Zentren des Glaubens drohen geschlossen, an Dritte verkauft oder in Museen ver­wandelt zu werden. In syrischen und irakischen Kriegsgebieten sind Mord und Vertreibungen von Christen an der Tagesordnung. 

Die Christen im Orient brauchen die Aufmerksamkeit und die Solidarität, den Protest und die Gebete der Christen und Kirchen in Europa. Und sie bekommen sie auch. 

Es gibt viele gute Gründe dafür: Aramäisch war die Sprache Jesu, und die aramäischen Christen führen ihre Riten bis auf die Gottesdienste der Urchristen zurück. Die Landschaften der Osttürkei gehören zu den Kern­landen der Bibel; dort erhielten die aus Palästina ge­flohenen Anhänger Jesu erstmals den Namen „Christen“. Und schließlich brachen aus Haran, südwestlich von ­Diyabakir, Abraham und Sara auf, um ein „Segen für alle Völker“ zu werden (1. Mose 12,1–4). 

Sie kämpfen für die Klöster in der Türkei – und finden dort Energie für ihr Leben unter uns

Die aramäischen Christen brauchen und haben die ­Solidarität der Christen in Europa jedoch vor allem deshalb, weil sie längst schon unsere Schwestern und Brüder, unsere Nachbarn und Kolleginnen, unsere Kommilitonen und Mitschülerinnen sind. Rund 100 00 Aramäer leben in Deutschland, die meisten davon in Ostwestfalen in der Region um Gütersloh. Zu ihnen pflegt unsere westfälische Landeskirche seit langen Jahren herzliche ökumenische Kontakte. 

Wer die derzeit vom Staat bedrohten Klöster besucht, wird dort möglicherweise mit größter Selbstverständ­lichkeit in breitem Ostwestfälisch begrüßt. Oder er trifft auf einen Abt, der fließend Schwedisch spricht und ­seinen Doktor der Theologie in Oxford gemacht hat. Vor drei Jahren hatte ich zu einem solchen Besuch die Ge­legenheit – und habe genau das erlebt.

Mich fasziniert, mit welcher Treue die aramäischen Christen ihre Liturgie und Gottesdienstsprache pflegen und wie selbstverständlich sie ihre tiefe Liebe zu den anatolischen Landschaften zeigen. Diese Landschaften er­leben sie als Kraftorte für ihre Kirche. Mich beeindruckt, wie sie sich ganz auf das Leben dort einlassen und mit Fantasie und Kreativität den eigenen Glauben weiterentwickeln. 

So stellen sie übrigens einige gängige Vorurteile über Migration und Religion infrage. Zum Beispiel dies: Man könne letztlich nur in einem Land zu Hause sein. Oder das: Integration sei dann gelungen, wenn man die eigenen ­alten Traditionen möglichst gründlich verlernt habe. Die syrisch-orthodoxe Kirche zeigt das Gegenteil. Mit Spenden, Ehrenamt und Engagement kämpfen sie hier in Europa für die Klöster und die Glaubensgeschwister dort in der Türkei und finden an den alten Kraftorten ihres Glaubens zugleich Energie und Zuversicht für ihr Leben und ihren Glauben unter uns. Wobei – nebenbei bemerkt – der neuerdings in Verruf geratene Doppelpass eine große Hilfe ist. 

Mit neuen Formen der Jugendarbeit, einem europa­weiten Fernsehsender und eigenem Religionsunterricht an staatlichen Schulen gehen sie ungewohnte Wege, um den alten Glauben im neuen Umfeld zu bewahren.

So ist die syrisch-orthodoxe Kirche für die Christenheit in Europa längst zu einer Bereicherung und zum Segen geworden. Wir müssen alles tun, dass sie dies auch in der Türkei sein und bleiben kann.

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